Teufel, Erwin

* 04.09.1939 Rottweil

Diplom-Verwaltungswirt (FH), Ministerpräsident, Dr. h.c. mult.,rk.

Foto: Harald Odehnal/KAS-ACDP
1955 Mittlere Reife
1955-1961 Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst
1956 Eintritt in CDU und JU
1959-1970 Mitglied des JU-Landesvorstands Württemberg-Hohenzollern
1961 Staatsprüfung als Verwaltungswirt
1961-1962 Regierungsinspektor im Landratsamt Rottweil
1961-2005 Mitglied des CDU-Landesvorstands Württemberg-Hohenzollern bzw. Baden-Württemberg
1962-1964 Stadtoberinspektor in der Stadtverwaltung Trossingen
1964-1972 Bürgermeister von Spaichingen
1972-1974 Politischer Staatssekretär im Innenministerium Baden-Württemberg
1972-2006 Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg
1973-1991 Vorsitzender des CDU-Bezirksverbandes Südbaden
1974-1978 Politischer Staatssekretär bzw. Staatssekretär im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt Baden-Württemberg, zuständig für Umweltschutz
1978-1991 Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion
1979-1991 stellvertretender Landesvorsitzender der CDU Baden-Württemberg
1991-2005 Ministerpräsident
1991-2005 Landesvorsitzender der CDU Baden-Württemberg
1992-1998 stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender
seit 1993 Mitglied im Zentralrat der Deutschen Katholiken
1993-2006 Vorsitzender der Jerusalem Foundation Deutschland
2002-2003 Mitglied im Konvent für eine Europäische Verfassung
2005-2008 Studium der Philosophie in München
2008-2012 Mitglied des Deutschen Ethikrates
seit 2005 Präsident des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg

Jugend- und Ausbildungszeit

„Vertrauen verloren - alles verloren." Dieses Lieblingszitat Erwin Teufels begleitet und prägt sein politisches Leben und Wirken. Er wird am 4. September 1939 in Rottweil als ältestes von neun Kindern der Eheleute Julie und Josef Teufel geboren. Er wächst auf dem bescheidenen elterlichen Bauernhof im Dorf Zimmern auf, das damals ca. 1200 Einwohner hat. 1944 erhält der Vater den Stellungsbefehl und muss an die Ostfront, wird dann an die holländische Grenze verlegt, gerät im September 1945 in britische Kriegsgefangenschaft und kehrt zu Fuß in die Heimat zurück. Da der begabten Mutter versagt war, das Gymnasium zu besuchen, bemüht sie sich, ihre Kinder nach Kräften zu unterstützen und ihre Bildung zu fördern. So sorgt sie dafür, dass die Kinder, vor allem Erwin, Bücher bekommen und sie somit ihre Bildung erweitern. Bis heute sind Bücher seine große Leidenschaft und er besitzt eine große Bibliothek. Erwin Teufel kommt 1945 in die Volksschule in Zimmern, wo es am Nötigsten fehlt. Nach der Schule müssen er und seine Geschwister auf den Äckern helfen. In der Familie herrscht keine Armut, auch wenn das Geld oft knapp ist. Sonntags geht die Familie in die Kirche. Als ältestes Kind übernimmt Erwin Mitverantwortung für seine Geschwister, indem er ihnen auch bei den Haus- und Schulaufgaben hilft. In der Schule zählt er zu den Besten und die Lehrer empfehlen, ihn aufs Gymnasium zu schicken. Prägend für ihn in der Nachkriegszeit sind die Bücher, die sich mit dem Widerstand auseinandersetzen, so z.B. das von Helmut Gollwitzer herausgegebene Werk "Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933-1945", das Tagebuch der Anne Frank, die Weiße Rose. Er besucht das Albertus-Magnus-Gymnasium in Rottweil, das er mit der Mittleren Reife verlässt.

Frühzeitig hat er sich in der Katholischen Jugend engagiert, er ist dort Dekanatsjugendführer, Vorsitzender des Kreisjugendrings und Mitglied der Kolpingfamilie. In diesen Gruppierungen schärft er sein Organisations- und rhetorisches Talent. Hier findet er das Forum, in dem er lernt, sich in freier Rede zu schulen, sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen und zu diskutieren.

Er interessiert sich für die Politik, verfolgt im Radio die Debatten aus dem Bundestag mit Fritz Erler, Carlo Schmid und Kurt Schumacher auf der einen und Konrad Adenauer, Kurt Georg Kiesinger und Franz-Josef Strauß auf der anderen politischen Seite. In dieser Zeit lernt er über Bekannte seines Vaters den jungen Heiner Geißler kennen und seit dieser Zeit verbindet die beiden eine tiefe Freundschaft.

Geißler ist es auch, der dem Freund ausreden möchte, das Gymnasium mit der Mittleren Reife zu verlassen. Doch der Entschluss steht für Teufel fest, er verlässt die Schule und beginnt eine Ausbildung im höheren Verwaltungsdienst. Als Diplom-Verwaltungswirt (FH) wird Teufel 1961 Regierungsinspektor im Landratsamt Rottweil. Von 1962 bis 1964 ist er Stadtoberinspektor in Trossingen. In Spaichingen wird er 1964 zum damals jüngsten Bürgermeister der Bundesrepublik gewählt und bleibt in diesem Amt bis 1972. 1965 gelangt er in den Kreistag und Kreisrat des Landkreises Tuttlingen und 1970 in den Diözesanrat der Diözese Rottenburg.

Politische Karriere

Im Dezember 1956 wird er Mitglied der CDU und gründet zusammen mit Heiner Geißler und Franz Sauter die Junge Union für den Kreis Rottweil, der Beginn seiner politischen Karriere. Er wächst mit seinen Aufgaben und Ämtern. Von 1959 bis 1970 ist er im Landesvorstand der Jungen Union, ab 1961 hat er Sitz und Stimme im Landesvorstand der CDU in Württemberg-Hohenzollern. Der Landtagsabgeordnete und Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Stuttgarter Landtag Robert Gleichauf und der Bundesgeschäftsführer der CDU Bruno Heck werden auf Teufel aufmerksam, fördern und prägen ihn nachhaltig. Heck gewährt Teufel tiefe Einblicke in die Tagespolitik, in den politischen Alltag. Er schickt ihm jeden Tag ein Paket aus Bonn, in dem alles, was er aus seiner Eingangspost als Bundesgeschäftsführer nicht mehr benötigt, in die Heimat schickt. So ist Teufel frühzeitig bestens informiert. Mit Hans Bausch, dem späteren langjährigen Intendanten des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart, organisiert er erfolgreich 1957 den Wahlkampf für Heck, der erstmals in den Bundestag einzieht.

1962 heiratet Erwin Teufel Edeltraud Schuchter, beide kennen sich schon aus der Volksschule. Das Ehepaar bekommt vier Kinder und hat sechs Enkelkinder. Die Familie steht bei Erwin Teufel immer an oberster Stelle, diesem Grundsatz ist er stets treu geblieben.

Landtagsabgeordneter und Staatssekretär

Am 23. April 1972 wird Teufel zum ersten Mal als Direktkandidat des Wahlkreises Villingen-Schwenningen in den Landtag von Baden-Württemberg gewählt. Der Neuling, von der Jungen Union unterstützt, soll auch gleich ein Ministeramt im Kabinett Hans Filbinger bekommen, unterliegt aber in einer Kampfabstimmung Annemarie Griesinger, die als erste Ministerin für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung zuständig wird. Doch er wird dann als Favorit der JU zum politischen Staatssekretär im Innenministerium unter Karl Schieß ernannt. Mit großem Elan übernimmt er die neue Aufgabe. Eine große Herausforderung ist die Verwaltungsreform im Lande, der er sich nun als Fachmann für Kommunal- und Raumordnungsfragen intensiv widmet.

Wegen einiger Müllskandale im Land installiert Ministerpräsident Filbinger im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt einen politischen Staatssekretär, zuständig für Umweltschutz: Erwin Teufel. In der Fraktion, unter ihrem Vorsitzenden Lothar Späth, gibt es durch die Art und Weise, wie der Ministerpräsident seinen Schützling Teufel bedenkt, anfänglich Widerstand. Auch wenn er sich nicht nach der neuen Aufgabe gedrängt hat, widmet er sich dieser mit ganzer Kraft. Die Bewahrung der Schöpfung ist für ihn immer ein wichtiges Thema gewesen. Dies auch schon in einer Zeit, als sich keine Partei mit diesem Thema beschäftigte. Die Schöpfung für künftige Generationen zu bewahren, ist für ihn eine Aufgabe, die weit über das Politische hinausgeht.

Innerparteilich kandidiert er 1973, unterstützt vom Landesvorsitzenden der Jungen Union Hans-Peter Repnik, gegen Heinz Eyrich, und wird mit 151 zu 65 Stimmen Bezirksvorsteher der CDU in Südbaden. Dieses Amt füllt er bis 1991 aus.

Fraktionsvorsitzender

Infolge der Selbstmorde der RAF-Terroristen im Hochsicherheitstrakt in Stuttgart-Stammheim wird Lothar Späth Innenminister in Baden-Württemberg und der Fraktionsvorsitz ist frei. Erwin Teufel ist auch hier ein erklärter Außenseiter, wird aber im dritten Wahlgang mit 35 zu 27 Stimmen zum Fraktionsvorsitzenden gewählt. Es ist kein leichtes Amt, das er antritt und es ist schwer, sich neben Ministerpräsident Filbinger und Innenminister Späth zu profilieren.

Nach dem Rücktritt von Hans Filbinger, infolge der Diskussion seiner Tätigkeit als Marinerichter im „Dritten Reich", der sog. „Filbinger-Affäre", wird Lothar Späth schließlich am 30. August 1978 zum fünften Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählt. Späth kann sich gegen den Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, der ebenfalls Ambitionen auf das Amt hat, innerhalb der Landtagsfraktion durchsetzen. Erwin Teufel gewinnt in der Diskussion um Filbinger an Profil, da er sich auf die Eigenständigkeit der Fraktion beruft.

1979 wird Teufel stellvertretender Landesvorsitzender der CDU mit 219 zu 188 Stimmen gegen den Bundestagabgeordneten und späteren Verteidigungsminister Manfred Wörner.

Unter Teufel wird die christdemokratische Landespolitik dadurch gekennzeichnet, dass er die Fraktion als ein eigenes Machtzentrum sieht und auch gegenüber dem Ministerpräsidenten der CDU auf eine unabhängige Rolle setzt. Obwohl beide sehr unterschiedliche Menschen sind, ist ihr Verhältnis stets loyal zueinander und von gegenseitigem Respekt gekennzeichnet. Mehrfach wird Teufel ein Ministeramt angetragen, aber er lehnt ab und widmet sich der Arbeit der Fraktion. So ist er 13 Jahre lang als Politiker der leisen Töne unumstrittener Chef der Fraktion in Stuttgart.

Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Landesvorsitzender der CDU

Infolge der „Traumschiff-Affäre" - Ministerpräsident Späth soll zahlreiche von Firmen finanzierte Reisen getätigt haben, der „Verdacht der Vorteilsannahme" steht im Raum - tritt Späth am 13. Januar 1991 von seinem Amt zurück, legt sein Landtagsmandat nieder und verzichtet auf eine erneute Kandidatur als CDU-Landesvorsitzender. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags spricht Späth von persönlicher Schuld frei; das von der Staatsanwaltschaft eingeleitete Ermittlungsverfahren wird eingestellt.

Nachdem der beliebte Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel nicht bereit ist, Späths Nachfolge anzutreten, gibt es nur einen weiteren Kandidaten: Erwin Teufel. Am 22. Januar wird er mit 71 von 124 Stimmen zum sechsten Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählt. Teufel hat sogar fünf Stimmen aus der Opposition erhalten. Im Oktober 1991 wird er auch als Landesvorsitzender der CDU Nachfolger von Späth.

Nach der Landtagswahl 1992 sieht sich Teufel wegen Verlusten der CDU zu einer großen Koalition mit der SPD genötigt. Diese setzt Schwerpunkte in der Sozial-, Familien- und Umwelt-, vor allem aber in der Wirtschaftspolitik. Es gelingt, die Konjunkturkrise mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen - unter anderem Erschließung von neuen Auslandsmärkten, Förderung des Wohnungsbaus, Privatisierung von Landesvermögen - zu überwinden. Als besonderer Erfolg gilt dabei die Fusion der Badenwerk AG mit der Energie-Versorgung Schwaben AG. Koalitionskrisen wegen der dem Koalitionsvertrag widersprechenden Zustimmung Teufels im Bundesrat zur Pflegeversicherung (1995) und der Sommersmogverordnung (1995) können der Ministerpräsident und sein Wirtschaftsminister Dieter Spoeri (SPD) beilegen. 1996 bildet Teufel eine Koalition mit der erstarkten FDP. Herausragende Erfolge der Wahlperiode sind der Staatsvertrag zur Fusion des SWF mit dem SDR zum Südwestrundfunk SWR (1997) und der Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Banken Südwestdeutsche Landesbank, Landeskreditbank Baden-Württemberg und Landesgirokasse Stuttgart zur Landesbank Baden-Württemberg. Die kulturpolitische Ausrichtung Späths setzt Teufel fort: Erweiterungsbauten in der Staatsgalerie, den baden-württembergischen Musikhochschulen und im Deutschen Literaturarchiv Marbach, Neugründung eines Hauses der Geschichte in Stuttgart. 1998 reichen er und sein bayerischer Kollege Edmund Stoiber Verfassungsklage wegen des als ungerecht angesehenen Länderfinanzausgleichs ein, was nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu einer Neuregelung führt. Im gleichen Jahr bildet er sein Kabinett um und beruft jüngere Politiker wie Ulrich Müller, Gerhard Stratthaus, Friedrich Repnik und Christoph Palmer. Mit besonderem Nachdruck fördert er die Position Baden-Württembergs als Standort modernster Technologie- und Forschungseinrichtungen. Nach 2% Wachstum 1997 erreicht Baden-Württemberg 1998 mit 4,1% den Spitzenplatz unter den Ländern. Nach einem erneuten Wahlsieg am 25. März 2001 setzt Erwin Teufel die Koalition mit der FDP fort. Eine strenge Sparpolitik mit einer umstrittenen Verwaltungsreform und neue Akzente in der Bildungspolitik mit einem Ausbau der Unterrichts- und Betreuungsangebote kennzeichnen Teufels letzte Amtszeit als Ministerpräsident. Als sich 2004 der innerparteiliche Druck für einen Generationswechsel an der Landesspitze erhöht, kündigt Teufel schließlich für April 2005 seinen Rücktritt an. Seine Wunschnachfolgerin Annette Schavan kann sich jedoch nicht durchsetzen, neuer Ministerpräsident wird Günther Oettinger.

Erwin Teufel erfüllt sich nach dem Abschied aus der Politik einen lang gehegten Wunsch und beginnt mit 65 Jahren Philosophie zu studieren. Er bezieht eine kleine Studentenbude beim Redemptoristen Orden in München und studiert von 2005 bis 2008 an der jesuitischen Hochschule für Philosophie. Als der Deutsche Ethikrat anfragt, ob Teufel als Gremiumsmitglied mitarbeiten möchte, kollidieren Vorlesungen und seine vielen Ehrenämter zu oft. So beendet er nach fünf Semestern sein Studium und ist von 2008 bis 2012 Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Literaturhinweise

Wovon Demokratie lebt. Erwin Teufel im Gespräch mit Sibylle Krause-Burger und Ulrich Wildermuth, Stuttgart 1995.
Maß & Mitte. Mut zu einfachen Wahrheiten, Lahr/Schwarzwald 2006.
Europa in eine bessere Verfassung bringen. Rede anlässlich der Amtseinführung als Präsident des dfi, Ludwigsburg 2006.
Gewissen für das Ganze. Ein politisches Leben, Freiburg i.Br., Basel, Wien 2010.
Ehe alles zu spät ist. Kirchliche Verzagtheit und christliche Sprengkraft, Freiburg i.Br., Basel, Wien 2013.
Hans Küng/Berthold Leibinger/Werner Spies (Hrsg.), Auf sicherem Fundament. Festschrift für Erwin Teufel, Stuttgart 1999.
Michael Ohnewald/Thomas Durchdenwald, Erwin Teufel. Die Biographie eines etwas anderen Politikers, Stuttgart, Leipzig 2004.

Markus Lingen