Europäische Integration

In der Europapolitik werden grundlegende Entscheidungen getroffen, neue Weichen gestellt, die über den Tag hinaus wirken. Die europäische Integration ist für die deutsche Außenpolitik der Ära Kohl gleichermaßen Fundament und Orientierungsgröße. Es geht nicht nur um die Weiterentwicklung Europas in Richtung Politische Union, sondern auch um die Friedenssicherung im engen Zusammenhang mit der Westbindung und der Deutschlandpolitik. Die Lösung der deutschen Frage im Rahmen einer freiheitlichen europäischen Zukunftsordnung ist das Ziel. Dabei spielt das deutsch-französische Verhältnis eine Schlüsselrolle.

Vertiefung der europäischen Einigung

Die Regierung Kohl macht die Weiterentwicklung der europäischen Gemeinschaftsbildung zur außenpolitischen Hauptaufgabe. Im Verlauf der 1980er Jahre gelingt die Überwindung der "Eurosklerose". Die deutsche Ratspräsidentschaft 1983 setzt neue Impulse: Bereits im Januar einigt sich der Ministerrat auf eine gemeinsame Fischereipolitik — nach mehr als sechsjährigen Verhandlungen. Auf dem Stuttgarter EG-Gipfel im Juni verabschieden die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft die "Feierliche Deklaration zur Europäischen Union". Zwei Jahre später wird das Abkommen von Schengen über den schrittweisen Abbau der Personenkontrollen an den Binnengrenzen unterzeichnet. 1986 kommt mit der Einheitlichen Europäischen Akte das erste große Reformwerk auf den Weg. Im gleichen Jahr treten Spanien und Portugal der EG bei.
Die enge Abstimmung mit Frankreich ist Motor des Fortschritts. Auf dem 50. deutsch-französischen Gipfel 1987 vereinbaren Kohl und Mitterrand die Aufstellung einer deutsch-französischen Brigade. Der Präsident der EG-Kommission Jacques Delors weist 1989 mit seinem "Drei-Stufen-Plan zur Schaffung einer Wirtschafts- und Währungsunion" den Weg in die Zukunft.

Einführung des Euro

Historisch lässt sich die Ära Kohl in ihrer europapolitischen Aufbruchsdynamik nur mit der Ära Adenauer vergleichen. Damals der Grundstein mit den Römischen Verträgen (1957) zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), hier der Vertrag von Maastricht (1992) zur Gründung der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion und der Amsterdamer Vertrag (1997) sowie die schließlich erfolgte Einführung des Euro (1999 bzw. 2002).

Erweiterung der EU nach Osten

Die europäische Einigung und Erweiterung nach Osteuropa lösen die Blockstellungen des Kalten Krieges endgültig auf. Der Fall der Mauer öffnet für den europäischen Kontinent Chancen neuer Kooperationen und Blickrichtungen. Mit dem Umbruch in Mittel- und Osteuropa erhält die Politik der europäischen Integration eine neue Dimension. Die "Charta von Paris" der "Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (KSZE) verkündet das Programm für ein "neues Europa" (1990). Eine der wichtigsten Aufgabe ist es, die Reformstaaten an die Europäische Gemeinschaft heranzuführen. Dabei kommt der Aussöhnung Deutschlands mit Polen besondere Bedeutung zu. Aussöhnungs- und Freundschaftsverträge mit Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts, v.a. mit der Sowjetunion und mit Polen, werden geschlossen. Die letzten russischen Truppen ziehen 1994 von deutschem Boden ab. Die NATO verabschiedet schließlich ein "Neues Strategisches Konzept" (1999), das auf Verteidigungsfähigkeit, Dialog und Zusammenarbeit fußt statt auf atomarer Abschreckung.

Ehrenbürger Europas

Als "Kanzler der Einheit" hat Helmut Kohl seinen unverrückbaren Platz in der Geschichte, zumal unter den weltpolitischen Aspekten der deutschen Vereinigung. Jacques Santer, Präsident der Europäischen Kommission, attestiert Helmut Kohl am 3. Oktober 1998, dass die deutsche Vereinigung von entscheidender Bedeutung für den europäischen Einigungsprozess gewesen sei. Am 11. Dezember 1998 wird er als zweiter Geehrter nach Jean Monnet (1976) zum Ehrenbürger Europas ernannt. 1999 würdigt ihn das New Yorker "East-West-Institute" als "Staatsmann des Jahrzehnts", der amerikanische Präsident Bill Clinton zeichnet Kohl als ersten Deutschen mit der Freiheitsmedaille aus, der höchsten zivilen Auszeichnung der Vereinigten Staaten von Amerika.