3. Oktober 1996
Ansprache bei einem Empfang anlässlich des Tags der Deutschen Einheit in der Royal Dublin Society in Dublin


Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren und vor allem auch liebe Landsleute,

es ist für mich eine große Freude, dass ich Sie alle aus Anlass unseres Nationalfeiertags hier in Dublin begrüßen darf.

Dies ist das erste Mal, dass ich als Bundeskanzler den Tag der Deutschen Einheit nicht in Deutschland begehe. Viele haben mich gefragt, warum das so sei. Meine Antwort ist klar: Ich wollte an einem Tag wie diesem einmal Dankbarkeit demonstrieren.

Der 3. Oktober 1990 war für uns Deutsche ein Geschenk. Mit Gottes Hilfe haben wir die Deutsche Einheit erreicht. Aber wir sollten nicht vergessen, dass wir dabei nicht allein waren. Viele haben uns geholfen. Es gab auch manche, die nicht so begeistert waren. Dafür müssen wir Verständnis haben. Man hatte sich in Ost und West an die Teilung gewohnt - nach meinem Gefühl zu sehr. Da war das Schandmal der Mauer in Berlin, da war die Teilung Deutschlands und damit auch die Teilung Europas. Die Welt war in Ost und West gespalten - ein Gegensatz, mit dem sich viele abgefunden hatten. Die menschliche Natur ist so. Es ist häufig bequemer, den einfachen Weg zu gehen. Dennoch hat unser Volk seine Einheit in Freiheit wiedererlangt.

Gerade auch vom irischen Volk haben wir dabei Unterstützung und Hilfe erfahren. Dafür sind wir dankbar. Und deswegen bin ich heute hier, um dem irischen Volk ein herzliches Dankeschön zu sagen. Ich habe Grund, in dieser Stunde auch vielen anderen zu danken. Ich nenne hier vor allem Michail Gorbatschow. Er hatte erkannt, dass die Fortsetzung des Kalten Kriegs und des Rüstungswettlaufs sein Land ruinieren würde und dass es besser sei, Frieden zu schaffen. Ich erinnere mich an unser erstes entscheidendes Gespräch im Sommer 1989 bei seinem Besuch in Deutschland. Wir saßen nachts im Garten des Kanzleramts und sprachen über die Zukunft - auch über die Zukunft zwischen Deutschen und Russen. Wir sprachen über unsere Geschichte und darüber, dass es zwischen unseren Völkern auch lange Perioden friedlichen und guten Zusammenlebens gab. Wir sprachen auch über die jüngste Geschichte mit ihren Millionen Toten, mit ihrer Not und mit ihrem Leid.

Michail Gorbatschow war bei Kriegsende 14 Jahre alt. Ich selbst war damals 15. Wir beide haben noch sehr konkrete Erinnerungen an diese schreckliche Zeit. Sein Vater ist im Krieg schwer verwundet worden, mein Bruder ist mit 19 Jahren gefallen. Wir haben an diesem Abend gemeinsam über unsere Erinnerungen gesprochen. Wir waren uns einig, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe.

Ich nenne genauso George Bush, den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Ohne ihn wäre die Deutsche Einheit niemals möglich gewesen. Er war und ist ein großer Repräsentant seines Volks, erfüllt von den großen Ideen der Freiheit und Selbstbestimmung, die in der amerikanischen Nation lebendig sind.

Viele andere haben geholfen. Da war die ungarische Regierung, die im Sommer 1989 die Grenzen öffnete. Sie hat dem Einspruch anderer im kommunistischen Lager nicht nachgegeben, sondern mit aller Entschiedenheit bekannt: Als Menschen sind wir zur Menschlichkeit verpflichtet. Dies werden wir den Ungarn nie vergessen! In dieses Bild gehören auch die Polen. Sie waren die ersten, die in den achtziger Jahren im kommunistischen Block unter der Führung der ersten freien Gewerkschaft, der Solidarnosc, an den Ketten der Diktatur rüttelten und sie schließlich sprengten.

Viele unserer Landsleute in der damaligen DDR haben sich in Kirchen zum Gebet und auf Plätzen zum Protest versammelt. Sie riefen den Machthabern zu: Wir sind das Volk! Bald darauf lautete der Ruf trotz des Terrors der Stasi: Wir sind ein Volk! Dies gehört zu den besten Kapiteln deutscher Geschichte. Innerhalb weniger Monate fügte sich dieses Bild zu jenem Tag der Freude für uns Deutsche - zum 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Einheit. So kam es, dass wir die Einheit mit Zustimmung aller unserer Nachbarn erreichten. Vergleichbares gab es noch nie in der Geschichte.

Ich kann diejenigen, die jetzt lamentieren und auf einem hohen Niveau jammern, überhaupt nicht verstehen. Wer, wenn nicht die Deutschen, hat denn mehr Grund zur Dankbarkeit und zu realistischem Optimismus? Wir haben Glück gehabt, und wir haben heute große Chancen.

Ich war 20 Jahre alt, als wir Anfang der fünfziger Jahre von Konrad Adenauer den unvergleichlichen Satz hörten: „Wir wollen beides - Deutsche Einheit und europäische Einigung. Dies sind zwei Seiten derselben Medaille." Das ist die entscheidende Erkenntnis am Ende dieses Jahrhunderts. Wenn wir, die Deutschen, dies jetzt nicht begriffen, würden wir vor der Geschichte versagen. Wir Deutschen sind mit über 80 Millionen Menschen nach Russland jetzt das bevölkerungsreichste Land in Europa. Wir sind ein wirtschaftlich bedeutendes Land. Wir sind das Land mit den meisten Nachbarn -mitten in Europa. Neben großartigen Kapiteln unserer Geschichte wissen wir auch um die schlimmen und dunklen Kapitel. Viele haben diese Erfahrung mit Deutschland nicht vergessen. Wenn wir jetzt in die Zukunft gehen, müssen wir die Erfahrung der Geschichte in uns tragen.

Unsere Konsequenz daraus ist klar, unser Kurs ist irreversibel: Wir bauen mit unseren Freunden und Partnern das Haus Europa - ein Haus, groß genug, damit alle Völker Europas, die dies wünschen und wollen, darin ihre Wohnung finden. Ein Haus, in dem auch unsere amerikanischen Freunde ein Dauerwohnrecht haben. Wir brauchen ein Haus mit einer festen Hausordnung für alle, ein Haus, in dem wir unsere Streitigkeiten, die es immer geben wird, zivilisiert austragen und nie wieder in kriegerischen Auseinandersetzungen.

Wir wollen nicht mehr zurück in die Enge nationalstaatlichen Denkens, das uns in diesem Jahrhundert soviel Leid und Elend gebracht hat. François Mitterrand hat dies wenige Wochen vor seinem Ausscheiden aus dem Amt und wenige Monate vor seinem Tod in einer beinahe testamentarischen Rede vor dem Europaparlament in Straßburg so gesagt: „Nationalismus - das ist der Krieg, und wir wollen den Frieden." Er hatte Recht. Das heißt nicht, dass wir unsere Identität als Nationen aufgeben. Wir bleiben Iren, Franzosen, Briten oder Italiener. Thomas Mann hat es für uns Deutsche einmal so formuliert: „Wir sind deutsche Europäer und europäische Deutsche." So macht dieser Nationalfeiertag der Deutschen wirklich Sinn.

Natürlich, vor uns liegt ein beschwerlicher Weg. Wir werden noch oft zu Sitzungen zusammenkommen - am Samstag wieder hier in Dublin, genauso im Dezember. Ich bin sicher, wir werden dabei ein gutes Stück vorankommen. Unsere irischen Freunde leisten gute Arbeit, und ich bin dafür dankbar. Trotzdem geht es vielen nicht schnell genug. Wir müssen uns aber immer vergegenwärtigen, welche Wegstrecke wir bereits gemeinsam zurückgelegt haben.

Europäische Geschichte war über Jahrhunderte hinweg auch eine Geschichte von Krieg und Not. In meiner Heimat, in der Pfalz, ist über Generationen hinweg durch Kriege zerstört worden, was die Vorfahren zuvor aufgebaut hatten. In meinem Schulbuch von 1937/38 in der Grundschule war noch zu lesen, dass die Franzosen unsere Erbfeinde seien. In den französischen Schulbüchern stand der gleiche Unsinn über uns Deutsche. Das ist für einen Fünfzehnjährigen heute gar nicht mehr nachvollziehbar. Trotzdem, es ist ein Teil meines Lebens und des Lebens meiner Generation.

Wir müssen uns öfter klarmachen, was es im Blick auf die europäische Geschichte bedeutet, dass in Straßburg Abgeordnete aus Palermo, Dublin, London, Den Haag oder Helsinki - aus allen Ländern der Union - gemeinsam in einem frei und direkt gewählten Europäischen Parlament sitzen. Wenn man dies vor 30 Jahren in diesem Saal gesagt hätte, niemand hätte es für möglich gehalten. Wir haben allen Grund zu einem realistischen Optimismus.

Wir Deutschen haben in Sachen Deutscher Einheit noch viel zu tun. Wir haben noch mancherlei Sorgen, aber wir haben schon gewaltige Fortschritte gemacht. Wir haben lernen müssen, dass die materiellen Probleme schneller zu lösen sind als die immateriellen. Wir haben uns in diesen 40 Jahren der Trennung weiter auseinandergelebt, als wir gedacht hatten. Deswegen müssen wir mehr aufeinander zugehen und nicht nur von Solidarität reden, sondern sie auch leben. Zugleich müssen wir in Europa Schritt für Schritt vorangehen. Ich denke, dass wir in einem Jahr Maastricht II, die Regierungskonferenz zur Reform der Europäischen Union, abgeschlossen haben werden.

Die Wirtschafts- und Währungsunion wird vorangehen. Allen pessimistischen Stimmen zum Trotz: Der Euro kommt! Unsere Partner und Freunde in Asien, in Lateinamerika und Nordamerika werden erkennen - viele haben es schon erkannt -, dass die Europäer wieder da sind. Wir brauchen die internationale Konkurrenz nicht zu scheuen. Europa kommt voran.

In vier Jahren geht dieses Jahrhundert zu Ende, ein neues Jahrtausend beginnt. Wer sich den Sinn für Geschichte bewahrt hat, spürt, dass diese Neujahrsnacht 2000 ein besonderes Datum ist. Lassen Sie uns gemeinsam aufbrechen - mit der Erfahrung der Geschichte im Rücken, mit der Perspektive und Vision einer guten Zukunft vor uns! Als wir eben mit dem Bus hierherfuhren, sind wir an einer Schule vorbeigekommen, aus der gerade viele Kinder kamen. Für die Generation dieser Kinder wollen wir Europa einen. Die meisten von ihnen werden das Jahr 2050 erleben. Ich wünsche mir, dass sie dann im Rückblick auf die heutige Zeit und auf uns, die wir jetzt zum Handeln berufen sind, sagen werden: Sie haben die Zeichen der Zeit richtig erkannt und das Notwendige getan.

Darum wollen wir jetzt unsere Pflicht tun. Ich bitte Sie, die Iren und die Deutschen, ganz einfach mitzumachen - als gute Freunde auf dem Weg in die europäische Zukunft!

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 78 (8. Oktober 1996).