25. April 1991
Deutschland wächst zusammen

Beitrag für die „Magdeburgische Zeitung/Volksstimme"


Seit der Einführung der D-Mark in der ehemaligen DDR sind erst zehn Monate vergangen. Das müssen wir uns in dieser gewiss nicht einfachen Phase des wirtschaftlichen Umbaus immer wieder vor Augen führen. Gewiss: In den neuen Ländern ist der Wandel zum Besseren noch nicht so weit fortgeschritten, wie es mancher erwartet haben mag. Aber wir kommen voran, und richtig ist auch, dass die Folgen von über vierzig Jahren sozialistischer Misswirtschaft nicht in wenigen Wochen oder Monaten bewältigt werden können.

Um annähernd gleiche wirtschaftliche, soziale und ökologische Lebensverhältnisse in ganz Deutschland zu schaffen, brauchen wir Zeit. Ich bleibe dabei: In drei bis fünf Jahren werden die neuen Bundesländer blühende Landschaften sein. Wir haben die historisch einmalige Chance der Wiedervereinigung beherzt zu nutzen gewusst. Und gleichermaßen werden wir jetzt - mit Tatkraft, Aufbauwillen und der Bereitschaft zur Verantwortung - die innere Einheit Deutschlands verwirklichen.

Ich verkenne die Schwierigkeiten nicht, mit denen wir dabei zu kämpfen haben. Aber die neuen Bundesländer haben vorzügliche Startbedingungen für eine erfolgreiche Entwicklung. Die Voraussetzungen sind ungleich besser als zum Beispiel in Polen oder der CSFR. Dafür steht auch die Wirtschaftskraft der bisherigen Bundesrepublik. Konjunktur und Investitionsklima im Westen Deutschlands sind ausgezeichnet. Dies ist eine hervorragende Ausgangslage für die notwendigen Investitionen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, in Sachsen und Thüringen sowie im wiedervereinigten Berlin.

Unübersehbar sind dort schon jetzt die Anzeichen des Wandels zum Besseren: Im letzten Jahr haben immerhin eine Million Menschen ein neues Arbeitsverhältnis gefunden. Löhne und Gehälter sind seit der Umstellung auf D-Mark kräftig gestiegen, Vielfalt und Qualität des Warenangebots haben sich seit Beginn der Währungsunion deutlich verbessert. Die Zahl der Gewerbeanmeldungen erlaubt günstige Zukunftsprognosen.

Mit dem umfassenden »Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost« unterstützt die Bundesregierung diese positiven Entwicklungen. Über 100 Milliarden D-Mark stehen bereit, um neue Arbeitsplätze, verbesserte Wohnungen, mehr Telefonverbindungen und ein dichtes Verkehrsnetz zu schaffen, den Wandel sozial abzusichern und die Umwelt zu schützen. Durch eine großzügige Regelung für Investitionen entstehen mehr neue Arbeitsplätze.

Neuorientierung und Umstrukturierung der Wirtschaft brauchen schon wegen der notwendigen Anlaufphase bei Investitionen Zeit. Viele Schäden aus der Zeit der SED-Herrschaft müssen noch beseitigt, ganz und gar unwirtschaftliche Produktionen wettbewerbsfähig gemacht oder umgestellt werden. Auch die Verkehrswege und Wohnungen können nicht von heute auf morgen verbessert werden.

Bei alledem sollte jedoch niemand vergessen, dass es auch in der alten Bundesrepublik nach der Währungsreform von 1948 - unter weit schwierigeren Startbedingungen - einige Jahre gedauert hat, bis sich das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft auswirkte und eine wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung einsetzte. Das »Wirtschaftswunder« der fünfziger Jahre kam nicht über Nacht. Am Anfang standen Probleme, Ängste und hohe Arbeitslosenzahlen. Und es war auch kein »Wunder«, sondern das Ergebnis des Fleißes von Millionen arbeitender Menschen, von Unternehmungsgeist und Wagemut. Dank diesen gemeinsamen Anstrengungen ging es dann schnell bergauf - schneller, als manche Pessimisten vorhergesagt hatten.

Ähnlich wird sich die Lage jetzt in den neuen Bundesländern entwickeln. Mit jeder neuen Fabrikhalle, mit jeder modernen Maschine, mit jeder verbesserten Straße geht es weiter aufwärts. Und dabei brauchen wir die Mitarbeit aller - in den neuen und in den alten Bundesländern. Ich bin zutiefst davon überzeugt: Gemeinsam schaffen wir es.

Quelle: Magdeburgische Zeitung/Volksstimme vom 25. April 1991.