21. Juni 1991
Ansprache im sowjetischen Fernsehen zum Gedenken an den 50. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion


Wir Deutsche gedenken heute mit Ihnen jenes Tags vor 50 Jahren, als deutsche Truppen die Sowjetunion angriffen. Gemeinsam erinnern wir uns an das unsagbare Leid, das in dem von der Hitler-Diktatur entfesselten Zweiten Weltkrieg auch den Volkern der Sowjetunion zugefügt wurde. Keine Zahl vermag dieses Leid zu ermessen. Unsere Trauer gilt allen unschuldigen Opfern, den Kindern, den Frauen, den alten Menschen. Sie gilt den Millionen von Soldaten, die auf den Schlachtfeldern dieses Krieges Angst, Not und Tod erlitten.

Das deutsche Volk musste selbst einen furchtbaren Preis für die ideologische und machtpolitische Verblendung jenes verbrecherischen Regimes bezahlen, das damals die Staats- und Regierungsgewalt in Deutschland innehatte. Millionen meiner Landsleute verloren ihre Heimat.

Die Namen zweier Städte in der Sowjetunion symbolisieren die ganze Grausamkeit eines Krieges, den die nationalsozialistischen Machthaber als Vernichtungsfeldzug geplant hatten: Leningrad und Stalingrad. Die Belagerung Leningrads steht für die unsagbaren Leiden, die der Zivilbevölkerung zugefügt wurden. Stalingrad steht für das Inferno einer totalen Kriegsführung. [...]

Wir erinnern uns in Dankbarkeit daran, dass selbst in der dunkelsten Periode unserer Geschichte der Geist der Humanität in den Menschen nicht zerstört werden konnte. Es gab bewegende Beispiele von Hilfsbereitschaft, von Großherzigkeit und von Menschlichkeit -auch über die Fronten hinweg. Und es gab deutsche Männer und Frauen, die Widerstand gegen die Hitler-Diktatur leisteten. Viele von ihnen haben dafür mit dem Leben bezahlt.

Für uns Deutsche endete der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation. Im Angesicht der Verbrechen, die von Deutschen begangen worden waren, leisteten wir den feierlichen Schwur: „Nie wieder Diktatur! Nie wieder Krieg!" Für uns Deutsche gehört zu den wichtigsten Lehren aus der Geschichte dieses Jahrhunderts, dass Freiheit und Frieden untrennbar zusammengehören. Ein Regime, das die Würde des Menschen verletzt und das Selbstbestimmungsrecht der Völker missachtet, ist immer auch eine Bedrohung für den Frieden.

Meine Generation war zu jung, um sich in Schuld zu verstricken. Aber wir waren alt genug, um die Schrecken des Krieges bewusst zu erfahren. Ich bin daher fest entschlossen, meine ganze Kraft für ein Europa der Gerechtigkeit und des Friedens, der Zusammenarbeit und der guten Nachbarschaft einzusetzen. Dies ist der Wunsch und Wille aller Deutschen.

Mit Ihrem Präsidenten Michail Gorbatschow weiß ich mich darin einig, dass wir die Beziehungen zwischen unseren Völkern auf eine friedliche, auf eine gemeinsame Zukunft ausrichten müssen. Wir haben uns in diesem feierlichen Bekenntnis die Hand gereicht. Deutschland und die Sowjetunion haben im vergangenen Herbst einen umfassenden Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit geschlossen. Wir haben damit an die guten Traditionen jahrhundertelanger friedlicher Gemeinsamkeit unserer Völker angeknüpft.

Ich wünsche mir, dass wir auf diesem Fundament für die nachwachsende Generationen in Deutschland und in der Sowjetunion eine gute Zukunft schaffen. Am Ende eines Jahrhunderts, in dem so viel Leid über die Völker Europas gekommen ist, rufen wir unseren Kindern und Enkeln zu: Wir wollen Freundschaft zwischen den Menschen, wir wollen dauerhaften Frieden zwischen unseren Völkern!

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 73 (25. Juni 1991).