31. Dezember 1991
Fernseh- und Hörfunkansprache anlässlich des Jahreswechsels


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Wieder stehen wir am Ende eines Jahres. Es war gewiss kein einfaches Jahr. Im Rückblick können wir sagen: Insgesamt war es für uns Deutsche doch ein gutes Jahr, und wir haben allen Grund zur Dankbarkeit. Aus vielen Gesprächen und Briefen weiß ich, dass die große Mehrheit von Ihnen so denkt und mit Zuversicht ins Neue Jahr blickt. Deutschland wächst zusammen. Vor uns liegt noch ein schwieriger Weg. Doch gemeinsam werden wir ihn meistern.

Ich weiß um die Sorgen vieler Menschen - vor allem in den neuen Bundesländern. Ich kenne ihre Sorge um den Arbeitsplatz, ich kenne ihre Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags. Wiedervereinigung heißt auch, dass die Sorgen der Menschen in den neuen Bundesländern das gemeinsame Anliegen aller Deutschen sind. Es darf kein „Hüben" und kein „Drüben" mehr geben. Wir sind ein Volk!

Vor einigen Monaten sprach ich in Sachsen-Anhalt mit einer über siebzigjährigen Frau. Sie sagte mir, wie sehr sie sich jahrzehntelang nach der deutschen Einheit gesehnt habe. Sie freue sich, dass sie diesen Tag noch erleben durfte. Doch dann fügte sie hinzu: „Aber für mich kommt das alles zu spät!" Diese Tragik hat mich tiefbewegt. Wie die meisten ihrer Generation von Rostock bis Dresden, von Magdeburg bis Cottbus ist diese Frau jahrzehntelang um den Ertrag ihrer Arbeit betrogen worden. Solches Unrecht lässt sich nicht ungeschehen machen. Doch müssen wir zumindest versuchen, die Folgen zu mildern. Dies kann und darf nicht nur Aufgabe der Politik sein. Hier sind wir alle in unserer Menschlichkeit gefordert.

Wie jung und alt miteinander umgehen, ist Ausdruck für die Menschlichkeit einer Gesellschaft. Jeder von uns sollte dem Nächsten, vornehmlich den älteren Menschen, mit Achtung und Verständnis begegnen, denn wir alle leben von solcher Zuwendung. Die junge Generation in Deutschland hat heute Chancen wie kaum eine vor ihr. Sie wächst auf in Frieden und Freiheit, in einem vereinten Vaterland, in einem Europa der offenen Grenzen, ja der guten Nachbarschaft.

Im Westen Deutschlands geht die Wirtschaft in das zehnte Jahr einer ununterbrochenen wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung. Seit 1983 konnten rund 3,8 Millionen Arbeitsplätze neu geschaffen werden. Diese günstige Entwicklung ermöglicht es uns, den wirtschaftlichen Aufbau in den neuen Bundesländern mit erheblichen finanziellen Mitteln zu unterstützen.

Bei allen unseren Übergangsschwierigkeiten dürfen wir nicht vergessen: Unsere Nachbarn in Mittel-, Ost- und Südosteuropa haben es viel, viel schwerer. Das Zusammenwachsen bei uns braucht Zeit, und wir brauchen Geduld, auch miteinander.

Vielen von uns erscheint die Stärke der deutschen Wirtschaft als etwas zu Selbstverständliches. In Wahrheit muss sie jedoch täglich neu erarbeitet werden - nicht zuletzt durch gemeinsame Anstrengungen in Politik, Unternehmen und Gewerkschaften. Unser Wohlstand, die Stabilität der D-Mark, die Festigkeit des sozialen Netzes - das alles ist das Ergebnis verantwortungsbewusster Arbeit der vielen Millionen Männer und Frauen unseres Landes. Sie verdienen unser aller Dank.

Sozialer Frieden und vernünftiges Miteinander zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern garantieren uns eine gute Zukunft. Die Tarifpartner haben es in diesem Jahr vor allem in der Hand, ob möglichst viele Arbeitsplätze gesichert werden können.

Unser aller Wohlstand wird auch durch den Fleiß von Millionen ausländischer Mitbürger miterarbeitet. Seit Jahrzehnten leben wir mit ihnen in guter Nachbarschaft und Freundschaft zusammen. Deutschland ist ein ausländerfreundliches Land und wird es bleiben. Jede Form von Ausländerfeindlichkeit wäre eine Schande für unser Land.

Das wiedervereinigte Deutschland hat jetzt mehr Verantwortung in der Welt. Das bedeutet auch, dass wir bereit sein müssen, anderen mehr zu helfen. Ich werde oft gefragt: Müssen wir denn wirklich so viel für unsere Nachbarn - im Osten etwa - tun? Als Land im Herzen Europas müssen wir größtes Interesse an einer friedlichen Entwicklung in diesen Ländern haben.

Zur Zeit des Kalten Kriegs haben wir Milliardenbeträge für Rüstung ausgeben müssen. In Zukunft können wir den größten Teil dieses Geldes dafür einsetzen, dass Frieden und Freiheit, Demokratie und Soziale Marktwirtschaft überall in Europa auf Dauer verankert werde.

Liebe Landsleute, wir alle sind zutiefst erschüttert von den schrecklichen Bildern und Nachrichten aus Jugoslawien. Bei vielen von uns werden Erinnerungen an die Leiden im Zweiten Weltkrieg wach. Deutschland hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten nachhaltig dafür eingesetzt, dass auch die Völker Jugoslawiens in Frieden und freier Selbstbestimmung ihre Zukunft gestalten können.

Wir alle sind heute Zeugen welthistorischer Ereignisse: Vor wenigen Tagen wurde die Fahne der Sowjetunion über dem Kreml in Moskau eingeholt. Ich denke in dieser Stunde auch an Michail Gorbatschow. Wir Deutschen vergessen nicht, dass wir die Einheit unseres Vaterlands auch ihm zu verdanken haben. Wir stehen mitten in einer Zeitenwende, in der wir nicht nur Zuschauer sein können. Wir sind gefordert, mutig und entschlossen unseren Beitrag zur Gestaltung eines neuen Europa zu leisten.

Auf dem Gipfeltreffen der Europäischen Gemeinschaft vor ein paar Wochen in Maastricht haben wir jetzt einen Durchbruch erzielt. Er bedeutet den Beginn einer neuen Epoche: Auf dem Weg zum vereinten Europa wird es kein Zurück mehr geben. Gegen Ende dieses Jahrzehnts, dieses Jahrhunderts, werden die Länder der Europäischen Gemeinschaft eine gemeinsame Währung haben - eine Währung, die genauso stark und stabil sein muss wie die D-Mark. Stärke und Stabilität unseres Geldes sind das Ergebnis harter Arbeit in über 40 Jahren. Wir werden diesen Erfolg um keinen Preis aufs Spiel setzen.

In zwölf Monaten werden wir im Westen Europas den großen Binnenmarkt für 340 Millionen Menschen vollendet haben - einen Raum der offenen Grenzen von Lissabon bis Kopenhagen, von Dublin bis Berlin. Wir wünschen, dass in den kommenden Jahren auch unsere Nachbarn im Norden und im Osten in die große Europäische Gemeinschaft eintreten können.

Vor uns steht die Generation unserer Kinder und Enkel: Für sie wollen wir ein Europa des Friedens, der guten Nachbarschaft und der freundschaftlichen Zusammenarbeit schaffen.

Ich wünsche Ihnen ein gutes Neues Jahr! Gott schütze unser deutsches Vaterland! Gott schütze unsere gemeinsame Erde!

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 1 (3. Januar 1992).