8. Juni 1994
Rede anlässlich einer Begegnung von deutschen und französischen Jugendlichen, die gemeinsam von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl und dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand in Heidelberg empfangen wurden.


Herr Staatspräsident, lieber François, liebe französische Freunde,

gemeinsam mit vielen jungen Freunden aus Deutschland heiße ich Sie hier in Heidelberg sehr herzlich willkommen. Wir wollen heute gemeinsam ein Fest der Freundschaft zwischen unseren Völkern feiern. Wir freuen uns, dass wir in vielen Jahren der Zusammenarbeit eine enge Freundschaft und Partnerschaft erreicht haben. Ohne diese Partnerschaft zwischen Deutschen und Franzosen wäre das Werk der europäischen Einigung nie möglich geworden.

Vor 50 Jahren tobte auf unserem Kontinent der Zweite Weltkrieg. Die meisten unserer jungen Gäste sind nach diesem Krieg geboren, und für sie liegt diese Zeit weit zurück. 50 Jahre sind in Wahrheit keine lange Zeit, und es ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit, dass Deutsche und Franzosen nach den Schrecken des Kriegs zueinander gefunden haben.

Frieden zu schaffen ist nicht nur eine Aufgabe der Politik, sondern ein Auftrag an jeden einzelnen von uns; er ist eine Sache des Verstands und eine des Herzens. Wir erinnern uns an schlimme ebenso wie an großartige Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte. Vor allem aber richten wir den Blick nach vorn in eine Zukunft des Friedens und der Freiheit. Gemeinsam wollen wir heute über die Zukunftsfragen des deutsch-französischen Verhältnisses und der europäischen Einigung sprechen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle ein Wort des Dankes sagen an die Männer und Frauen, die das Deutsch-Französische Jugendwerk in den letzten Jahrzehnten aufgebaut und weiterentwickelt haben. In den vergangenen 30 Jahren haben mehr als sechs Millionen junge Leute, Deutsche und Franzosen, an den mehr als 7 000 Begegnungen pro Jahr teilgenommen. Viele Freundschaften sind auf diese Weise geknüpft worden.

Liebe Freunde, seit jeher hat eine wechselvolle Geschichte die Geschicke der Deutschen und Franzosen miteinander verflochten. Wir haben einander viel gegeben, aber generationenlang gab es auch das böse Wort von der „Erbfeindschaft" unserer Völker. Zwei Weltkriege haben in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts Millionen von Opfern gefordert und unendliches Leid über die Völker gebracht.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Deutsche und Franzosen zusammengefunden in ihrem gemeinsamen Einsatz für ein vereintes Europa. Heute dienen deutsche und französische Soldaten Seite an Seite in der deutsch-französischen Brigade. Ich möchte Ihnen allen, den heute hier anwesenden deutschen und französischen Soldaten des EUROKORPS, unseren besonderen Dank für Ihren Dienst aussprechen. Vor wenigen Tagen hat Francois Mitterrand das EUROKORPS eingeladen, am 14. Juli in Paris an der Parade aus Anlass des französischen Nationalfeiertags teilzunehmen. Diese Einladung ist eine großartige Geste der Freundschaft und gleichzeitig ein Signal für die gemeinsame europäische Zukunft.

Die Erfahrungen der Geschichte, liebe Freunde, verbinden uns heute in gemeinsamer Verantwortung für eine europäische Zukunft in Frieden und Freiheit. Diese Überzeugung teilten auch zwei große Männer unserer Völker, Charles de Gaulle und Konrad Adenauer. Im Januar 1963 besiegelten sie mit dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag ein Friedenswerk von historischer Bedeutung. Der Elysée-Vertrag wurde zum Manifest der Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen.

Heute, mehr als 30 Jahre später, sind junge Deutsche und Franzosen zusammengekommen, und dies ist für mich ein großartiger Beweis, dass die Herzen unserer Völker zueinander gefunden haben. Um auch künftig diesen Weg gemeinsam gehen zu können, müssen wir Generation für Generation die deutsch-französische Freundschaft neu festigen. Deshalb haben Francois Mitterrand und ich Sie alle heute hierher eingeladen, um ein Fest der Freundschaft und der Freude zu feiern.

Liebe Freunde, es hat die Kraft von mehr als einer Generation gebraucht, um nach 1945 einen langen Weg zurückzulegen. Heute eröffnet sich Ihnen, der Jugend in Deutschland und Frankreich, die Chance, ein ganzes Leben in Frieden und Freiheit zu leben. Aber niemand soll sich täuschen: Die bösen Geister der Vergangenheit sind in Europa nicht für alle Zeiten gebannt. Jeder Generation stellt sich die Aufgabe neu, deren Wiederkehr zu verhindern, Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen und gute Nachbarschaft gemeinsam zu leben.

Deshalb rufe ich Ihnen, der Jugend aus Frankreich und Deutschland, zu: Treten Sie mit Ihrer ganzen Kraft ein für die Vision des vereinten Europas. Es geht darum, den Frieden und die Freiheit in Europa zu sichern. Es geht um Ihre Zukunft, es geht um die Zukunft kommender Generationen. Lassen Sie uns diese Zukunft als Deutsche und Franzosen, aber vor allem als Europäer, gemeinsam gestalten - im Bewusstsein unserer geschichtlichen Erfahrungen und der Verantwortung, die daraus erwächst.

Es lebe die deutsch-französische Freundschaft! Es lebe Europa!

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 57 (14. Juni 1994).