5. Mai 1985
Ansprache auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Bitbug anlässlich des Besuchs des US-Präsidenten Ronald Reagan


Herr Präsident,

Soldaten der amerikanischen Streitkräfte, Soldaten der Bundeswehr, Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe amerikanische Freunde, liebe Landsleute!

Es geschieht nicht oft, dass uns die geschichtliche Verstrickung der Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft unseres Landes so eindrücklich erreicht wie in den Stunden hier in Bitburg.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, unser Freund Ronald Reagan, und Ich haben vor wenigen Minuten dort drüben auf dem Soldatenfriedhof der dort liegenden Toten gedacht und mit ihnen aller Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft, der Toten und der Verfolgten aller Nationen.

Der Gang mit Präsident Reagan über die Soldatengräber von Bitburg war kein leichter Gang. Er musste und muss bei vielen tiefe Empfindungen wachrufen. Für mich bedeutet er zunächst und ganz unmittelbar Trauer und Betroffenheit über das unendliche Leid, das Krieg und totalitäres Regime über die Völker gebracht haben - Trauer und Betroffenheit, die nie vergehen werden.

Aber aus ihr erwächst für uns die Verpflichtung zum Frieden in Freiheit als oberstes Ziel unseres politischen Handelns.

Und dieser Gang zu den Gräbern von Bitburg bedeutet auch eine Bekräftigung und eine weithin sichtbare und empfundene Geste der Aussöhnung zwischen unseren Völkern, dem Volk der Vereinigten Staaten und uns Deutschen, einer Aussöhnung, die die Vergangenheit nicht verdrängt, sondern sie im Miteinander überwindet.

Und schließlich ist unser Hier sein die Bewährung einer Freundschaft, die sich als standfest und verlässlich erwiesen hat und die sich auf dem Wissen um gemeinsame Wertordnungen gründet.

Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für das ganze deutsche Volk, und ich danke Ihnen sehr persönlich als Freund, dass Sie diesen Gang mit mir gemeinsam gemacht haben. Ich glaube, dass viele in unserem deutschen Volk diesen Ausdruck tiefer Freundschaft verstehen und dass uns daraus für unsere Völker gemeinsam eine gute Zukunft erwachsen wird.

Die Stadt Bitburg war in besonderer Weise Zeuge des Untergangs des „Dritten Reiches". Sie hat das Jahr 1945 erlitten. Sie hat den Anschluss gefunden im Wiederaufbau, in den Jahren der Versöhnung.

Hier in Bitburg finden seit 25 Jahren gemeinsame Gedenkfeiern statt, in denen sich amerikanische, französische und deutsche Soldaten und die Bürger dieser Stadt und dieser Region der Opfer des Krieges erinnern und ihre Freundschaft und ihren Willen, gemeinsam für das Erhalten des Friedens einzutreten, immer wieder neu bekräftigen.

Hier haben sich in besonderer Weise in diesen Jahren engste freundschaftliche Beziehungen zwischen den amerikanischen Streitkräften und unserer Bevölkerung entwickelt.

Bitburg kann als Symbol der Aussöhnung und der deutsch-amerikanischen Freundschaft gelten.

Soldaten der Bundeswehr, die meisten von Ihnen sind nach dem 8. Mai 1945 geboren. Sie haben Krieg und Zwangsherrschaft in unserem Land selbst nicht mehr kennengelernt. Sie sind aufgewachsen in der Zeit des Baus unserer Republik, in der Zeit, in der die Freundschaft zwischen uns und dem amerikanischen Volk sich wiederbelebte und entwickelte. Sie haben unsere amerikanischen Freunde als Helfer, als Partner und als Verbündete kennengelernt.

Tage wie der heutige sind geeignet, gerade die junge Generation unseres Volkes daran zu erinnern, dass diese - für uns so glückliche - Entwicklung nicht selbstverständlich ist und dass das Erhalten von Frieden und Freiheit unseren ganz persönlichen Einsatz fordert.

Sie, die Soldaten der amerikanischen Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland, dienen Ihrem Land, den Vereinigten Staaten von Amerika, und unserer Republik gleichermaßen.

Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland ist aufs engste mit der Partnerschaft, mit der Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika verbunden.

Wir wissen, was wir Ihnen und auch Ihren Familien verdanken. Wir wissen auch, dass für viele von Ihnen der Dienst in Übersee Opfer bedeutet Seien Sie gewiss, dass Sie in unserem Lande, in der Bundesrepublik Deutschland, gern gesehene Gäste sind! Und lassen Sie sich auch von einer kleinen, unbedeutenden Minderheit anderes nicht einreden!

Sie sind uns von Herzen willkommen als Freunde, als Verbündete, als Garanten unserer Sicherheit!

Die Beziehungen zwischen den amerikanischen Streitkräften und der Bundeswehr sind über viele Jahre hinweg gewachsen und eng wie nie zuvor.

Ich möchte Ihnen, den amerikanischen und den deutschen Soldaten für diese für uns schon fast selbstverständlich gewordene Partnerschaft danken. Sie stärkt unseren gemeinsamen Willen zur Verteidigung von Frieden und Freiheit unserer Länder, und diese Partnerschaft - auch das will ich gerade hier in Bitburg erwähnen - ist so eine Quelle des gegenseitigen Verständnisses unserer Völker geworden; eine Quelle und Begründung vieler persönlicher Freundschaften.

Ich wünsche Ihnen, den Soldaten der amerikanischen Streitkräfte, ich wünsche unseren Soldaten der Bundeswehr, ich wünsche uns allen, dass wir gemeinsam unseren Beitrag zum Frieden und zur Freiheit unseres Landes, zum Frieden in der Welt leisten und dass Gottes Segen uns geschenkt sein möge!

Quelle: Der Besuch. Dokumentation über den Besuch des amerikanischen Präsidenten Ronald W. Reagan und des deutschen Bundeskanzlers Dr. Helmut Kohl am 5. mai 1985 in Bitburg, Bitburg 1986.