9. Mai 1995: Ansprache bei einem Abendessen, gegeben vom Präsidenten der Russischen Föderation, Boris Nikolajewitsch Jelzin, im großen Saal des Kreml-Palasts in Moskau


Herr Präsident Jelzin,
Herr Präsident Mitterrand,
Herr Präsident Clinton,
Herr Premierminister Major,
Herr Generalsekretär,
Exzellenzen, meine Damen und Herren,

es bewegt mich, heute hier in Moskau für das vereinte Deutschland sprechen zu können - 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Erinnerungen, die diese Tage wachrufen, gehen den Menschen unserer Völker zu Herzen, gerade auch den Menschen in Russland. Diese Erinnerungen sind unauslöschlich.

Das unsagbare Leid, das dieser Krieg über die Menschen brachte, hat sich ins Gedächtnis unserer Völker eingebrannt. Die historische Verantwortung bleibt: Das nationalsozialistische Regime in Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg entfesselt. Es hat den Vernichtungsfeldzug - zuerst gegen Polen - und dann den Völkermord an den europäischen Juden geplant und begangen.

Wir erinnern uns hier in Moskau an das millionenfache Unglück, das Hitlers Krieg über die Russen und die anderen Völker der Sowjetunion gebracht hat. Schreckliches wurde den Menschen angetan. Ich verneige mich hier in dieser Stunde vor den Toten, und ich trauere mit den Müttern, mit den Witwen und den Waisen.

Wir gedenken der Soldaten aus so vielen Völkern, die gefallen sind oder in Kriegsgefangenschaft ums Leben kamen. Ich erinnere an Millionen von Vertriebenen und Flüchtlingen, auch in meinem eigenen Land.

Wir wollen die Leiden und das Sterben, den Schmerz und die Tränen nicht vergessen. Das schulden wir den Opfern. Nur so kann die Erfahrung der damals allgegenwärtigen Unmenschlichkeit einen Sinn ergeben und uns Mahnung sein.

An die nachwachsenden Generationen müssen wir die alles entscheidende Lehre aus der Barbarei dieses Jahrhunderts weitergeben: Friede beginnt mit der Achtung der unbedingten und absoluten Würde des einzelnen Menschen in allen Bereichen seines Lebens.

Diese gemeinsame Überzeugung hat uns heute hier zusammengeführt, fünfzig Jahre nach der Befreiung der Welt - auch Deutschlands - von dem nationalsozialistischen Regime. Auch jetzt ist Europa noch nicht frei von Unfrieden und Unterdrückung. Und ebenso wenig dürfen wir an diesem Tag verschweigen, dass das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht allen Menschen in Europa - auch nicht in Deutschland - Freiheit und die Herrschaft des Rechts verhieß.

Heute sind Kalter Krieg und kommunistische Diktatur überwunden. Wir haben jetzt gemeinsam die Chance zum Bau einer Friedensordnung, die sich auf die Achtung der Menschenrechte und die Achtung des Völkerrechts gründet. Herr Präsident Jelzin, ich wünsche mir von Herzen, dass Russland als demokratischer Rechtsstaat dazu seinen eigenen Beitrag leistet. Wir wollen dieses demokratische Russland als Freund und Partner in einer freien und friedlichen Welt.

Unsere Kinder, unsere Enkel werden uns danach fragen und beurteilen, wie wir in unserer Zeit die praktischen und moralischen Herausforderungen bewältigen, um Frieden und Freiheit heute und für kommende Generationen zu sichern.

Dem großen russischen Volk wünsche ich auf seinem ganz gewiss nicht einfachen Weg in eine gute Zukunft Gottes Segen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 39 (15. Mai 1995).