10. Mai 1995: Rede anlässlich des Deutschen Sparkassentags 1995 in Hannover


Lieber Herr Köhler,
Herr Ministerpräsident,
Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

zum Deutschen Sparkassentag 1995 überbringe ich Ihnen die guten Wünsche der Bundesregierung. Sie haben den diesjährigen Sparkassentag unter das Motto „Verantwortung in Gesellschaft und Region" gestellt. Sie berühren damit zugleich eine zentrale Fragestellung für die Deutschen im Jahr 1995.

Die letzten Wochen und Tage sind für die allermeisten von uns Tage der Erinnerung gewesen. Sie sind es für die ältere Generation, die den Bombenkrieg in den Städten durchlitten hat. Für die jüngeren Deutschen, die nach dem Ende der Nazi-Herrschaft geboren und aufgewachsen sind, waren dies bewegende Tage im Gedenken an eine Zeit, die sie aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern kennen. Wir alle haben gemeinsam mit vielen Menschen in Europa und auf der Welt innegehalten im Blick zurück auf die Zeit vor 50 Jahren und auf das, was an Schrecklichem im deutschen Namen geschehen ist. Nicht wenige von Ihnen, auch Sie, Herr Ministerpräsident, haben vor ein paar Tagen mit dem Bundespräsidenten und mir gemeinsam mit wichtigen Gästen aus der ganzen Welt nicht weit von hier in einem deutschen Konzentrationslager der Opfer der Nazi-Barbarei gedacht.

Es ist wichtig, dass wir in der Erinnerung nicht stehenbleiben. Wir dürfen nicht vergessen, aber wir müssen versuchen, aus der Erinnerung heraus die Zukunft zu gestalten. In diesem Geiste habe ich das Gedenken in den vergangenen Tagen erlebt - am Samstag und Sonntag in London, am Montag in Paris und in Berlin, gestern in Moskau. Meine Botschaft dieser Tage ist dabei, dass ohne die uneingeschränkte Achtung der Menschenrechte kein Frieden in Deutschland, in Europa und in der Welt möglich ist. Dies ist die entscheidende Lektion der Jahre von 1933 bis 1945. Wir wollen diese Lektion beherzigen im Blick nach vorn, im Blick auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Wir haben die Pflicht, unsere persönlichen Erfahrungen und die Erfahrungen unseres Volks an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

In den vergangenen Tagen hat mich bei alledem auch das Gefühl der Dankbarkeit bewegt. Wir blicken heute zurück auf die längste Friedensperiode der jüngeren deutschen Geschichte. Wir haben die deutsche Wiedervereinigung mit der Zustimmung unserer Nachbarn und Partner in der Welt erreicht. Dies ist auch Ausdruck des Vertrauens in die Stabilität unserer Demokratie und in die Zuverlässigkeit Deutschlands als Partner in Europa und im Atlantischen Bündnis. Wir haben heute allen Grund, mit Optimismus in die Zukunft zu schauen - im Innern wie nach außen.

Die vergangenen fünf Jahrzehnte waren auch für die Sparkassen und ihre Organisation bewegte Jahre. Ursprünglich sind die Sparkassen als Geldinstitut für die Bevölkerungskreise mit niedrigem Einkommen entstanden. Dieser Tradition fühlen sie sich bis heute verpflichtet. Für viele Mittelständler und Handwerker ist die Sparkasse seit jeher ihre Hausbank, und dies ist bis zum heutigen Tage so geblieben. Zugleich sind die Sparkassen ein belebendes Wettbewerbselement innerhalb der Kreditwirtschaft. Dies ist wichtig für eine Kredit Versorgung zu angemessenen Bedingungen.

Eine besondere Rolle spielen die Sparkassen und ihre Organisation in der Kommunalpolitik. Die Entwicklung des Kommunalrechts und der Kommunalverfassung gehört zu unseren wesentlichen Errungenschaften. Der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat hat nur dann eine Chance, wenn seine Bürger ihn als ihren Staat empfinden. Natürlich werden in Kreistagen oder in Stadträten nicht die Probleme diskutiert, die die große Welt bewegen. Aber hier werden die Dinge des Alltags besprochen, die für die Region und die Menschen dort direkte Bedeutung haben. Durch ihre Verwurzelung in der Region haben die Sparkassen eine besondere Bedeutung für die Kommune, mit der sie in partnerschaftlicher Weise das gemeinsame Interesse an der regionalen Entwicklung verbindet. Die Sparkassen und ihre Organisation unterstützen daher die kommunale Selbstverwaltung. Ich würde mir wünschen, dass sich der Gedanke der kommunalen Selbstverwaltung auch im künftigen vereinten Europa ein Stück weit ausbreiten und bewähren kann.

Privatisierung ist ständiger Auftrag marktwirtschaftlicher Politik. Sie ist aber nicht in jedem Fall geboten. Dies ist bei der Diskussion um die Zukunft des deutschen Sparkassenwesens immer zu bedenken. Denn wir würden dabei mehr ändern als Besitzverhältnisse. Wir würden ein System verändern, das sich gerade mit Blick auf die kommunale Entwicklung in Deutschland bewährt hat. Ich bin dafür, dieses System zu behalten, wobei sich auch die Sparkassen und ihre Organisation ständig um ihre Konkurrenzfähigkeit bemühen müssen.

Durch ihr erhebliches Gewicht haben die Sparkasseninstitute auch eine hohe Mitverantwortung für den erfolgreichen Aufschwung Ost. Der wirtschaftliche Aufholprozess in den neuen Bundesländern ist trotz aller Schwierigkeiten unbestritten ein großes Stück vorangekommen. Dazu haben auch die Sparkassen beigetragen. Aber, Herr Präsident Köhler, nachdem ich die Sparkassen gerade so gelobt habe, möchte ich doch auch sagen: Die Bankenmilliarde ist auf einem guten Weg, aber sie ist noch nicht angekommen. Ich denke, den Rest könnten Sie auch noch beschaffen - je früher, desto besser.

Ich möchte daran gleich eine weitere Bitte, verbunden mit einem herzlichen Dank, anschließen. Wir befinden uns mitten in der alljährlichen Lehrstellendiskussion. Die Sparkassen haben hier immer wieder Vorbildliches geleistet. Meine Bitte an Sie ist: Helfen Sie auch in diesem Jahr wieder mit, dass allen Jugendlichen, die dies wollen und können, ein Ausbildungsplatz angeboten werden kann.

Auch das Handwerk und der Mittelstand leisten Hervorragendes in der Ausbildung - die Großindustrie ist hier kein Vorbild. Wer heute nicht ausbildet, wird morgen über den Mangel an Fachkräften klagen. Es ist außerdem ein Stück gelebter Patriotismus, jungen Menschen einen Ausbildungsplatz anzubieten. Wir können nicht heute den Jugendlichen einen Ausbildungsplatz verweigern und morgen ihr Engagement für die Gemeinschaft zum Beispiel im Wehr- oder Zivildienst einfordern.

Die Zeichen für die deutsche Wirtschaft stehen nicht ungünstig. Tatsache ist, dass wir aus der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit herausgekommen sind. Wir werden in diesem Jahr in Deutschland ein reales Wachstum erreichen, das in der Nähe von drei Prozent liegt. Besonders erfreulich ist die Entwicklung in Ostdeutschland. Der wirtschaftliche Aufholprozess kommt hier weiter kräftig voran. 1994 betrug das reale Wachstum in den neuen Ländern neun Prozent, und in diesem Jahr ist wieder eine Wachstumsrate in ähnlicher Größenordnung zu erwarten. Die neuen Länder sind unverändert Wachstumsregion Nummer eins in Europa.

Die Schwäche des Dollars und einiger europäischer Währungen bedeutet zweifellos eine Belastung für die deutschen Exporteure. Dadurch ist der Aufschwung aber nicht ernsthaft gefährdet. Denn inzwischen sind die Investitionen zum zweiten Konjunkturmotor neben dem Export geworden, und wichtige deutsche Exportmärkte, vor allem in Europa, wachsen kräftig. Die Stärke der D-Mark hat viele Gründe. Sie ist auch Ausdruck des Vertrauens internationaler Anleger in die deutsche Stabilitätspolitik. Die Wehklagen einiger Berufsskeptiker sind mir insoweit unverständlich. Können Sie sich vorstellen, wie laut diese erst wären, wenn die D-Mark nicht Stärke-, sondern Schwächesymptome zeigen würde?

Wichtig für die Sicherung des Aufschwungs ist die Verantwortung der Tarifpartner. Bei Tarifverhandlungen dürfen nicht Einkommensinteressen der Arbeitsplatzbesitzer in den Vordergrund gestellt werden, sondern der Wunsch der Arbeitsplatzsuchenden nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten. Der Aufschwung in Deutschland ist inzwischen auch auf dem Arbeitsmarkt erkennbar. In Ostdeutschland sind die Zahlen deutlich besser geworden, und auch in Westdeutschland ist der Höhepunkt der Arbeitslosigkeit überschritten. Aber die Zahl der Menschen ohne Arbeit ist weiter viel zu hoch. Der jetzige Zustand ist nicht akzeptabel, vor allem auch im Blick auf die Betroffenen und ihre Angehörigen. Es bleibt die größte Herausforderung in Deutschland, neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Es ist bedrückend, dass nach jeder Rezession der Sockel der Dauerarbeitslosigkeit größer geworden ist. Hiervon ist gerade die Gruppe der weniger Qualifizierten besonders betroffen. Das zeigt, wie wichtig eine qualifizierte Ausbildung und ein ausreichendes Angebot an Ausbildungsplätzen sind. Andererseits ist es genauso notwendig, die Chancen für dauerhafte Arbeitsplätze in jenen Bereichen, wie zum Beispiel der Pflege, besser auszunutzen, die zunehmend Bedeutung gewinnen und eben auch Chancen für jene Menschen darstellen, die mit den zunehmenden intellektuellen Anforderungen nicht so rasch Schritt halten können.

Ich glaube nicht daran, dass Arbeitslosigkeit ein unabwendbares Schicksal ist. Wir haben zwischen 1983 und 1992 schon einmal über drei Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Ein ähnlicher Beschäftigungserfolg ist am Ende dieses Jahrhunderts wieder möglich, wenn Wirtschaft und Gesellschaft schnell und flexibel auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren. Daran zeigt sieh, dass Umdenken in Deutschland unverändert geboten ist. Ich warne vor der Einstellung, der Aufschwung werde es schon richten. Wir können nicht so weitermachen wie bisher.

Der stärker werdende internationale Wettbewerb zwingt uns, den Standort Deutschland ständig zu modernisieren. Wir sind nicht schlechter geworden, aber andere Länder holen in großen Schritten auf. Nehmen Sie beispielsweise den pazifischen Raum. Hier entstehen neue Wachstumszentren, etwa in Südkorea, Taiwan, China, mehr und mehr auch in Indonesien. Vielen hierzulande ist noch wenig bekannt, dass in fünf Jahren - zur Jahrtausendwende - sieben Länder aus dem pazifischen Raum unter den zehn führenden Wirtschaftsnationen der Welt rangieren werden, darunter zum Beispiel auch Indonesien. Vor wenigen Wochen erst hat sich dieses Land hier auf der Hannover-Messe 1995 eindrucksvoll als aufstrebende Industrienation vorgestellt.

Zunehmende Konkurrenz entsteht auch direkt vor unserer Haustür, in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Diese traditionellen Industriestandorte, verbunden mit niedrigen Lohnkosten, werden auch für deutsche Investoren immer attraktiver. Das bedeutet einen schärferen Wettbewerb um Arbeitsplätze und Investoren. Protektionismus und Handelsbeschränkungen gegenüber der neuen Konkurrenz wären jedoch kurzsichtig. Diese Länder werden zunehmend wichtigere Handelspartner für Deutschland. Und vor allem bedeutet der wirtschaftliche Aufschwung bei unseren östlichen Nachbarn politische Stabilität und Versicherung gegen Rückfälle in alte Konflikte. Es ist unser elementares Interesse, dass sich in diesen Ländern Demokratie, freiheitliche und marktwirtschaftliche Ordnung, soziale Stabilität und Rechtsstaatlichkeit durchsetzen.

Wenn wir Deutschen trotz dieser neuen Konkurrenten internationaler Spitzenreiter bleiben wollen bei Löhnen, Urlaubs- und Feiertagen, Arbeitszeitverkürzung, Sozialleistungen und Umweltstandards, müssen wir zum Ausgleich in vielen Bereichen umdenken. Wir müssen eben mehr Ideen haben, innovativer sein sowie schneller und flexibler neue Produkte und Produktionsverfahren entwickeln und vor allem auch anwenden. Wir müssen auch, und das dürfen wir nicht für altmodisch halten, unsere traditionellen Stärken hinsichtlich Zuverlässigkeit, Lieferpünktlichkeit und Qualität pflegen. Der Begriff „Made in Germany'\ vor weit über 100 Jahren erfunden, um deutsche Waren zu diskriminieren, hat sich in den Generationen unserer Vorfahren zu einem Gütesiegel deutscher Produkte entwickelt. Das muss so bleiben.

Bei uns muss sich noch viel stärker die Erkenntnis durchsetzen, dass der internationale Wettbewerb ein ständiger Prozess des Aufholens, Überholens und Überholtwerdens ist. Dazu gehört auch, dass wir immer wieder selbstkritisch überprüfen, ob nicht manche liebgewordenen Besitzstände dem notwendigen Wandel im Wege stehen und abgeschafft werden müssen. Besitzstände können gegenüber niemandem geltend gemacht werden. Was zählt, ist allein die aktuelle Leistung. Im Vordergrund muss für uns dabei stehen, wie wir die Zukunft für unsere jetzige Generation und für die nachkommenden Generationen sichern können.

Einzig eine entschlossene Verbesserung der eigenen Wettbewerbsposition führt in die Zukunft. Das heißt zum Beispiel, dass wir mehr Flexibilität bei Arbeitszeiten und Maschinenlaufzeiten brauchen. Die gesetzlichen Möglichkeiten sind geschaffen, die Tarifpartner sollten diese jetzt auch nutzen. In vergleichbaren Industrieländern gibt es zum Beispiel weit mehr Teilzeitarbeitsplätze als bei uns. So ist in den Niederlanden jeder Dritte teilzeitbeschäftigt, bei uns nicht einmal jeder Sechste. Teilzeitarbeit ist natürlich kein Allheilmittel, aber sie ist ein wichtiger Beitrag für mehr Beschäftigung. Das beziehe ich hier ausdrücklich nicht nur auf mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen. Die Zahlen sprechen für sich. Es gibt Hunderttausende von Arbeitslosen und Arbeitsplatzbesitzenden, die gerne Teilzeit arbeiten würden. Wir können in vielen Bereichen die Teilzeitarbeit zugleich nutzen, um Familie und Erwerbsleben besser zu verbinden oder um mehr Zeit für Weiterbildung zu gewinnen.

Um unsere Wettbewerbsfähigkeit entscheidend zu verbessern, müssen wir außerdem in Forschung und Technologie mehr tun. Dies sind immer bedeutendere Quellen für Wachstum und Arbeitsplätze von morgen. Deutschland ist im weltweiten Innovationswettlauf spürbar zurückgefallen. Es muss uns doch nachdenklich machen, dass wir bei der Anmeldung weltweit relevanter Patente 1973 mit rund 6 000 noch gleichauf mit den Japanern lagen, während 1992 Japan mit 14 000 Patenten dreimal so viel anmeldete wie Deutschland mit rund 4 500 Patenten. Das ist ein deutliches Warnsignal. Wir müssen den Technologiestandort Deutschland rechtzeitig sichern und ausbauen, bevor uns andere überholen.

Wir müssen außerdem das gesellschaftliche Klima zugunsten derer verändern, die Arbeit geben. Wir brauchen in Deutschland mehr unternehmerischen Nachwuchs, gerade vor dem Hintergrund der riesigen Erbschaftswelle, die auf uns zukommt. In den nächsten zehn Jahren werden drei Billionen D-Mark durch Vererben weitergegeben, und von drei Millionen Unternehmen stehen etwa leine Million aus Altersgründen zur Übernahme an. In den nächsten fünf Jahren betrifft dies im Mittelstand rund 700 000, und davon im Handwerk etwa 200 000 Betriebe.

Eine Umfrage der Handwerkskammer für München und Oberbayern hat ergeben, dass bei fast der Hälfte aller Handwerksbetriebe feststeht, dass die Unternehmensnachfolge nicht familienintern erfolgen wird. Ein Grund ist sicher darin zu sehen, dass die Familien heute weniger Kinder haben als früher. Die Chance, dass ein Kind den elterlichen Betrieb übernimmt, ist somit geringer geworden. Wenn wir über fehlenden Nachwuchs reden, müssen wir vor allem aber auch sehen, dass sich das gesellschaftliche Klima gewandelt hat. Der unternehmerische Nachwuchs fehlt vielfach, weil die Selbständigkeit im Vergleich zum sicheren Beschäftigungsverhältnis für manche nicht attraktiv genug erscheint.

Die unternehmerische Selbständigkeit muss wieder eine echte Alternative zum Angestelltendasein mit festen Arbeits- und Urlaubszeiten sowie geregeltem Einkommen werden. Die Rolle des „Arbeit-Gebens" ist mit großem persönlichen Einsatz und hohen Anforderungen an Kreativität, Verantwortung und Risikobereitschaft verbunden. Das verdient mehr gesellschaftliche Anerkennung. Nur wenige wissen, dass ein Existenzgründer im Durchschnitt mit der Gründung seines Unternehmens vier weiteren Menschen Arbeit gibt. Hier haben übrigens auch die Kreditinstitute eine wichtige Rolle. Sie werden gebraucht, um Innovationen und unternehmerischen Wagemut zu finanzieren. Gerade habe ich das Hohelied der Sparkassen gesungen. Jetzt appelliere ich an Sie, auch in Zukunft Risikokapital bereitzustellen.

Wir müssen in Deutschland einen neuen Anlauf für mehr Eigeninitiative und Risikobereitschaft nehmen. Wir müssen das Positivbeispiel des selbständigen Unternehmers wieder stärker herausstellen, damit zum Beispiel nicht weiter rund 50 Prozent der Hochschulabsolventen in den öffentlichen Dienst streben, sondern sich verstärkt auch selbständig machen.

Entscheidend für die Zukunftssicherung Deutschlands ist dabei auch, dass wir mehr Freiräume für private Initiative, Leistungskraft, Flexibilität und neue Ideen schaffen. Das heißt vor allem, den Staat schlanker zu machen, Bürokratie abzubauen und die Steuerbelastung wieder zu senken. Wir werden zum Beispiel den Personalbestand des Bundes in diesem Jahr um 1,5 Prozent senken. Hier sehe ich ebenso die Länder und Kommunen weiterhin in der Pflicht. Wir werden auch unsere Initiative der Deregulierung fortsetzen und zum Beispiel die Monopole für den Telefondienst und das Telefonnetz zum 1. Januar 1998 aufheben. Damit beschleunigen wir die Wachstumsdynamik dieser Zukunftstechnologie und bereiten den Weg für die Informationsgesellschaft. Im sogenannten Multimediabereich sind bis zum Jahr 2 000 europaweit Investitionen von 300 Milliarden D-Mark zu erwarten. Dabei geht es um fünf bis zehn Millionen neue Arbeitsplätze.

Zum schlanken Staat gehört auch, dass wir die Staatsquote, die wir zwischen 1982 und 1989 schon einmal von über 50 Prozent auf knapp 46 Prozent gesenkt haben, wieder zurückführen. Ein erneuter Anstieg der Staatsquote auf mehr als 50 Prozent war vorübergehend unvermeidlich. Die großen Aufgaben im Zusammenhang mit der Deutschen Einheit duldeten keinen Aufschub. Die Rückführung der Steuer und Abgabenbelastung bedeutet zum Beispiel, dass wir den Solidaritätszuschlag so bald wie möglich abbauen.

Die Einführung war Anfang 1995 unumgänglich, denn wir brauchen das Geld, um die Aufgaben in den neuen Bundesländern weiter bewältigen zu können. Dies kann nicht alles im Wege neuer Kredite finanziert werden. Deswegen werde ich mich heute auch nicht auf ein Datum festlegen, zu dem wir den Solidaritätszuschlag abbauen. Allein im kommenden Jahr 1996 wollen wir aber durch verschiedene andere Maßnahmen, wie die Freistellung des Existenzminimums, den Familienleistungsausgleich und den Wegfall des Kohlepfennigs Bürger und Wirtschaft um insgesamt 30 Milliarden D-Mark entlasten. Zugleich werden wir die Unternehmensteuerreform fortsetzen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und damit die Voraussetzungen für zukunftssichere Arbeitsplätze in Deutschland zu verbessern.

Wir werden die Zukunft unseres Landes nur wirklich sichern können, wenn wir bei allen nationalen Fragestellungen die außenpolitische Verantwortung Deutschlands nicht vernachlässigen. Als Land in der Mitte Europas, mit den meisten Nachbarn in Europa, können wir uns provinzielle Enge noch weniger leisten als andere. Das Thema Europa ist das entscheidende Thema der Zukunft. Und es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Wirtschafts- und Währungsunion funktioniert, wenn der politische Überbau nicht vorgegeben ist. Eine Handelsunion mag für den Augenblick Vorteile bieten, aber die politische Stabilität unseres Kontinents wird allein damit nicht erreicht. Dieses Europa darf nicht nur ein Europa des Geldes, der Währung und der Wirtschaftskraft sein. Lebens- und liebenswert wird es erst durch die Buntheit seiner Kultur, die Vielfalt der Regionen und seine reiche Geschichte. [...]

Die Wirtschafts- und Währungsunion ist neben der Politischen Union ein wesentlicher Baustein des Europas von morgen. Für uns Deutsche ist Währungsstabilität keine fixe Idee und nicht irgendein Thema, sondern von höchstem politischen Wert. Ich sage dies auch mit der Bitte um Verständnis dafür bei unseren ausländischen Freunden. Die D-Mark hat für die Deutschen einen hohen Symbolgehalt. Die D-Mark wurde mit der Währungsreform 1948 noch vor Gründung der Bundesrepublik eingeführt. Und die Währungsunion 1990 war ein wesentlicher Schritt zur Deutschen Einheit. Viele Menschen in Deutschland verbinden mit der D-Mark wirtschaftlichen Aufstieg, gesellschaftliche und politische Stabilität sowie weltweite Anerkennung.

Um es klar zu sagen: Auf dem Weg zur gemeinsamen europäischen Währung ist es deshalb für uns entscheidend, dass die strikten Stabilitätskriterien des Vertrags von Maastricht für die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion eingehalten werden. Ich möchte an den Terminen zur Schaffung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion festhalten. Aber das Wichtigste ist nicht der Termin, sondern das Wichtigste sind die Stabilitätskriterien.

Die Gedenkfeiern der vergangenen Tage sollten uns einmal mehr ins Bewusstsein rufen, dass Deutschland heute Chancen hat wie nie zuvor in diesem Jahrhundert. Insofern ist nicht nur das Motto des Deutsehen Sparkassentags 1995 „Verantwortung in Gesellschaft und Region" gut gewählt. Auch die Wahl der Stadt Hannover als Veranstaltungsort ist zukunftsgerichtet.

Hier in Hannover wird in fünf Jahren die erste Weltausstellung auf deutschem Boden stattfinden. Die EXPO 2000 steht unter dem Leitthema „Mensch -Natur - Technik" und bietet uns Deutschen eine besondere Gelegenheit, das wiedervereinte Deutschland der Welt als Partner zu präsentieren. Gäste aus aller Welt können sich dann davon überzeugen, dass die Deutschen nicht nur tüchtig und fleißig sind, eine stabile Währung haben sowie nach sozialer Stabilität und Gerechtigkeit streben. Sie sollen auch erleben, dass Deutschland ein menschliches Land ist, in dem nicht nur Perfektionismus herrscht. Ein kinderfreundliches Land kann im übrigen kein ausländerfeindliches Land sein. Ich wünsche mir, dass die Gäste der Weltausstellung den Eindruck mitnehmen, die Deutschen sind tüchtig und sympathisch, und sie tun Werke des Friedens am Ende dieses Jahrhunderts, das so viel Leid und Schrecken erlebt hat.

Ich möchte Sie dazu einladen, in diesem Bewusstsein Verantwortung zu zeigen und notwendige Veränderungen in Deutschland mitzutragen und mitzugestalten. Es ist mein besonderer Wunsch, dass wir gerade angesichts der dramatischen Veränderungen in der Welt in den vergangenen Jahren jetzt die großen Chancen der Zukunft entschlossen nutzen. Lassen Sie mich mit den Worten schließen, die unsere Freunde und Partner von Boris Jelzin über François Mitterrand, von Bill Clinton und Al Gore bis John Major an uns gerichtet haben: Es macht Freude, mit Euch Deutschen zusammen zu sein." Und die, die ich genannt habe, stehen sozusagen symbolisch für viele andere in der Welt.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 41 (17. Mai 1995).