1. Dezember 1995: Rede anlässlich eines Festakts im Goethe-Institut in Mannheim


Lieber Herr Präsident Hoffmann,
Herr Minister,
Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren,
vor allem liebe Kursteilnehmer,

ich freue mich, dass ich heute Gelegenheit habe, hier mit Ihnen gemeinsam den 750.000. Teilnehmer an einem Deutschkurs des Goethe-Instituts begrüßen zu können. Die Zielmarke von einer dreiviertel Million wurde von Frau Zavala Kcomt aus Peru erreicht.

Dies ist ein schöner Anlass, heute hier zusammenzukommen, um Ihnen, Herr Professor Hoffmann, und allen Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr herzlich zu gratulieren. In den mehr als 40 Jahren seines Bestehens hat das Goethe-Institut weltweit einen hervorragenden Ruf erlangt. Im Inland sind derzeit etwa 23.000 und weltweit über 150.000 Sprachkursteilnehmer im Goethe-Institut eingeschrieben. Dies sind beeindruckende Zahlen! Insbesondere das persönliche und fachliche Engagement von Leitung und Mitarbeitern haben das Goethe-Institut zu dem gemacht, was es heute ist: eine wichtige Brücke der Sprache und Kultur, die unser Land mit unseren europäischen Nachbarn und anderen Kontinenten verbindet. Ihr Institut ist auch ein beeindruckendes Beispiel dafür, was sich durch Zusammenarbeit zwischen Bundesregierung, Landesregierungen und Mittlerorganisationen erreichen lässt.

Die Bundesrepublik Deutschland ist eine demokratische Kulturnation. Unsere Nachbarn, Partner und Freunde können sich darauf verlassen: Deutschland ist offen für Dialog und Zusammenarbeit. Wir treten ein für unsere eigenen Wertvorstellungen und werben für sie. Gerade nach den Erfahrungen dieses Jahrhunderts wissen wir aber auch, wie wichtig es ist, von anderen zu lernen.

Diesem Grundgedanken des Dialogs und des Austauschs ist das Goethe-Institut verpflichtet. Für die wichtigen Beiträge, die es hierzu täglich und weltweit leistet, danke ich allen seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Das Bild der Deutschen in der Welt wird nicht nur durch den Export von materiellen Gütern, sondern auch vom Reichtum und von der Vielfalt unserer Kultur geprägt. Dies wird mir auf jeder meiner Auslandsreisen [...] auf eindrucksvolle Weise bestätigt.

[...] Unsere Außenpolitik beruht auf Vertrauenswürdigkeit, Fähigkeit zur Partnerschaft, Fähigkeit zum Dialog und auf Berechenbarkeit. Die Bundesrepublik Deutschland hat ihre Auswärtige Kulturpolitik nach diesen Maximen aus den moralischen Trümmern aufgebaut, die die nationalsozialistische Barbarei hinterlassen hatte. Mit dieser Kulturpolitik haben wir weltweit das Verständnis für die Einheit der deutschen Nation trotz jahrzehntelanger staatlicher Trennung lebendig erhalten können. So war es auch möglich, geistige Brücken über den Eisernen Vorhang zu schlagen und kulturelle Bindungen und Verbindungen zu den Menschen zu pflegen, deren totalitäre Staatsführungen nichts mehr fürchteten als die freie Entfaltung von Kultur und Wissenschaft. Heute können wir uns darüber freuen, dass wir in einem zusammenwachsenden Europa leben, dessen Bürgerinnen und Bürger in Ost und West auf der Grundlage gemeinsamer Werte zusammenarbeiten wollen.

Auswärtige Kulturpolitik ist auf Kontinuität angelegt, sie muss sich aber ebenso aktuellen Aufgaben und Herausforderungen stellen. Dafür brauchen wir keine neuen Theorien oder Ideologie lastigen Konzepte. Ich freue mich mit Ihnen, Herr Professor Hoffmann, dass die Auswärtige Kulturpolitik wieder mehr in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses gerückt ist und hoffe, dass wir bald auf Grund einer Regierungserklärung, die ich vor dem Deutschen Bundestag im neuen Jahr abgeben will, eine breite Debatte im Parlament auch zu diesem Thema haben werden.

Ich bin immer bereit, mich mit sachlicher Kritik, mit jedem guten Argument und mit jedem konstruktiven Vorschlag auseinanderzusetzen - und ihn zu unterstützen, wenn es um eine Verbesserung unserer Auswärtigen Kulturpolitik geht. Zuständig ist aber nicht immer und vor allem nicht allein die Bundesregierung. Die Auswärtige Kulturpolitik ist in unserer föderalen Ordnung eine Gemeinschaftsaufgabe an der Nahtstelle von Innen-, Europa- und Außenpolitik. Es geht bei ihr nicht um irgendwelche esoterischen oder dekorativen Schöngeistereien, es geht um wichtige Tatsachen, die etwas zu tun haben mit dem Ansehen und Rang unseres Landes.

Es geht natürlich auch um unsere wirtschaftliche Zukunft. Das Deutschlandbild beeinflusst auch unsere Chancen auf den internationalen Märkten. Was wir jetzt brauchen, ist eine Bündelung der Kräfte in unserem Land, ist ein konzertiertes Engagement der Beteiligten in Bund, Ländern und Gemeinden, nicht zuletzt auch der gesellschaftlichen Gruppen. Lassen Sie uns nicht gegeneinander, auch nicht nebeneinander - lassen Sie uns miteinander die deutsche Auswärtige Kulturpolitik gestalten!

Wenn wir in anderen Ländern einen Begriff von Deutschland und den Deutschen vermitteln wollen, müssen wir natürlich bei der deutschen Sprache beginnen. Sie ist wesentlicher Teil und Medium deutscher Kultur. Wenn wir etwa in der Europäischen Union dafür eintreten, dass unsere Sprache weniger stiefmütterlich behandelt wird, als das gelegentlich der Fall ist, hat das nichts mit deutschem Sprachimperialismus zu tun. Ich meine, es ist schon berechtigt, dass wir - wie andere auch - zu unserer eigenen Sprache stehen. Wilhelm von Humboldt hat gesagt; „Die Sprache ist gleichsam die äußere Erscheinung des Geistes der Völker. " Der Weg zur Verständigung fuhrt über das Verstehen. Nur der einzelne kann ihn gehen. Er muss sich der Mühe unterziehen, sich Fremdes anzueignen, in fremde Traditionen, fremde Mentalitäten einzudringen. Der Schlüssel hierzu ist die Sprache.

Wir freuen uns über all jene, die unsere Sprache erlernen und damit zwischen ihrer und unserer Kultur Brücken schlagen. Deutschkenntnisse ermöglichen nicht nur wirtschaftliche Perspektiven und kulturelle Bereicherung, sondern auch den direkten Zugang zu einer attraktiven - und attraktiver werdenden - Wissenschafts- und Forschungslandschaft. Ohne eine aktive und wirksame Sprachpolitik würden wir den Erwartungen, ja einer dringenden Nachfrage nicht gerecht werden. Zugleich würden wir ohne Not auf einen Teil unserer Wirkungsmöglichkeiten verzichten.

Wir alle wissen um den weltweiten Wettbewerb der Sprachen. Die Dominanz des Englischen als Weltsprache ist Tatsache. Wahr ist aber auch, dass die Vielzahl der Sprachen zum Reichtum der Weltkultur gehört. Auch deshalb ist für uns die Förderung der deutschen Sprache im Ausland ganz wesentlich. In seiner Dresdener Erklärung hat der „Fachverband Deutsch als Fremdsprache" gesagt: „Die Bedeutung der deutschen Sprache im Vergleich zu anderen Weltsprachen wird von den Deutschen selbst nicht hinreichend reflektiert. Die Deutschen sollten ein bewussteres und loyaleres Verhältnis zu ihrer Sprache entwickeln, um sie als internationale Verkehrssprache zu gebrauchen und zu institutionalisieren."

Ich war, bin und bleibe der Überzeugung, dass Sprachförderung ein zentrales Anliegen der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik ist. Ich freue mich, dass es dafür auch eine breite, über die Parteigrenzen hinausreichende Unterstützung im Parlament und in der deutschen Öffentlichkeit gibt.

Wir leben im Zeitalter der elektronischen Medien. Gerade für die weltweiten Kulturbeziehungen ergeben sich durch die globale Vernetzung neue Chancen. Weltweit gibt es etwa 40 Millionen Nutzer des Internet. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, ihnen zu mehr und besseren Informationen über Deutschland zu verhelfen. Auch auf diesem Felde leistet das Goethe-Institut schon Pionierarbeit. So haben die Goethe-Institute in den USA mit einem „elektronischen Klassenzimmer" neue Wege des Dialogs zwischen Schulklassen beiderseits des Atlantik eröffnet. Ein Großteil der Goethe-Institute im Ausland und alle Inlandsinstitute sind im Internet präsent. Ich wünsche mir, dass dieses Beispiel Schule macht.

Das Goethe-Institut bietet Sprachunterricht ebenso wie ein breites Spektrum kultureller Darbietungen. Sprache und Kultur gehören zusammen und ergänzen sich. Daher muss bei einer schwierigen Haushaltslage dafür gesorgt werden, dass die Mittel vernünftig eingesetzt werden. Wir müssen sparen. Deshalb hat auch die Auswärtige Kulturpolitik Kürzungen hinnehmen müssen. Wir haben aber im Haushalt 1996 für die Auswärtige Kulturpolitik insgesamt 100 Millionen D-Mark mehr vorgesehen als im Bundeshaushalt dieses Jahres. Eine gute Kulturpolitik ist indes nicht nur eine Frage des Gelds. Mut, Kreativität und geistige Beweglichkeit gehören ebenso dazu wie die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen.

Wenn Deutschland eine gute Zukunft haben soll, brauchen wir mehr Bürgerinnen und Bürger, die etwas wagen und Risiken eingehen. Deswegen möchte ich an dieser Stelle all jenen danken, die als Sponsoren, Mäzene und Stifter die Auswärtige Kulturpolitik unterstützen.

In einer Zeit knapper Mittel kommt es besonders darauf an, Schwerpunkte zu setzen. Wir haben dies getan, nämlich bei Stipendien und beim Wissenschaftleraustausch, in der Sprachforderung und im Auslandsschulwesen einerseits sowie in Mittel- und Osteuropa und in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion andererseits.

Hier nenne ich besonders das Programm zur Entsendung von Lehrkräften in diese Staaten, das Bund und Länder - ich sage dies voller Dankbarkeit - gemeinsam entwickelt haben. Im Schuljahr 1995/96 entsenden der Bund 354 und die Länder 191 Lehrkräfte. Ich habe den Eindruck, dass einige Bundesländer hier noch einen gewissen Nachholbedarf haben. Dies ist um so bedauerlicher, als wir damit Erwartungen unserer Partner enttäuschen. Ich denke, dass wir in allernächster Zeit in den Gesprächen der Ministerpräsidenten der Länder mit mir im Kanzleramt auf dieses Thema noch einmal zurückkommen. Es liegt schließlich in unserem ureigensten Interesse, dass wir den jungen Demokratien in den Reformstaaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas die Hand reichen.

Dazu gehört auch, dass wir uns mit ihnen zusammen wieder stärker auf unser gemeinsames kulturelles Erbe besinnen. Die einigende Kraft dieses europäischen Erbes ist - Gott sei Dank - auch in den Jahrzehnten der Teilung unseres Kontinents nicht verlorengegangen. Wir haben jetzt, am Ende dieses Jahrhunderts, noch einmal die Chance und die Aufgabe, das Bewusstsein auch für die kulturelle Dimension Europas zu schärfen. Das vereinte Europa, das wir jetzt bauen, würde keine Zukunft haben, wenn es sich lediglich als losen Interessenverband oder als gehobene Freihandelszone verstünde. Dieses Europa ist auch und vor allem eine Werte- und Kulturgemeinschaft.

Die Kraft Europas liegt doch gerade in dem fruchtbaren Spannungsverhältnis zwischen Einheit und lebendiger Vielfalt. Wir müssen den Reichtum an Kulturgütern, an geistigen Entwicklungen der verschiedensten Arten nutzbar machen. Er ist eine ganz wesentliche Grundlage der menschlichen Schaffenskraft, und damit auch Grundlage für politischen wie ökonomischen Erfolg. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die kulturelle Dimension bei der Einigung Europas stärker hervorheben. In ihr gründet das für uns gültige Wertesystem - die Achtung vor dem Leben und der Einzigartigkeit des Menschen, die Achtung von Menschenwürde und Freiheitsrechten. Seine friedensstiftende Kraft ist eine unentbehrliche Grundlage für das gute Gelingen von Partnerschaft und Zusammenarbeit.

Gerade meine Generation, die den Zweiten Weltkrieg und das Ende der Nazizeit noch mit wachem Bewusstsein erlebt hat, sollte vor allem an die nächste Generation denken, an die Jungen, die heute in Deutschland davon ausgehen können, dass sie zeit ihres Lebens in Frieden und Freiheit leben werden - ein Glück, das niemals zuvor einer Generation in Deutschland beschert war.

Mit seiner Arbeit leistet das Goethe-Institut einen wichtigen Beitrag zum gegenseitigen Verstehen und damit zur Verständigung zwischen Menschen und Völkern. Das ist Friedensdienst im allerbesten Sinne. Ich wünsche dem Institut, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und allen seinen Besuchern weiterhin viel Glück und Erfolg!

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 104 (12. Dezember 1995).