25. Januar 1996: Dankesrede anlässlich der Verleihung der „Goldmedaille für humanitäre Verdienste" des B'nai B'rith International in München


Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Freund Shimon Peres,
sehr geehrter Herr Präsident Baer,
sehr geehrter Herr Oberrabbiner Melchior,
lieber Herr Domberger,
sehr geehrter Herr Präsident Haller,
Exzellenzen, meine Damen und Herren,

dies ist für mich ein bewegender Augenblick. Ich will hier gar nicht auf die vielen freundlichen Dinge eingehen, die heute Abend über mich gesagt worden sind. Da halte ich es lieber mit dem wunderbaren Ausspruch von Papst Johannes XXIII., der sich selbst mit den Worten ermahnte: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!" Das gilt auch für den Helmut, wenn Sie so wollen.

Ich bin mir bewusst, was es bedeutet, als deutscher Bundeskanzler heute von der größten jüdischen Weltorganisation eine solche Auszeichnung zu empfangen. Ich danke dem Internationalen B'nai B'rith sehr herzlich für diese hohe Ehrung. Ihnen, lieber Shimon Peres, danke ich für ihre freundschaftlichen und warmherzigen Worte. Ich freue mich, dass Sie heute hier sind.

Vor mir haben Repräsentanten des B'nai B'rith gesprochen, deren Lebensweg für das Schicksal so vieler deutscher Juden in diesem Jahrhundert steht. Für mich ist dies auch ein Moment des Rückblicks auf meine eigene Jugend. Als die kleine Synagoge in meiner Heimatstadt Ludwigshafen brannte, da war ich acht Jahre alt. Wir Kinder haben damals natürlich nicht verstanden, was das wirklich bedeutete - aber es ist mir doch gegenwärtig als erste Erinnerung an das, was an Furchtbarem geschah. Ich denke in diesem Augenblick vor allem an meine Mutter. Sie war eine fromme katholische Frau, und sie erzog mich zur Achtung vor dem Judentum - in einer Zeit, in der an den Schulen etwas ganz anderes gelehrt wurde. Mit ihr habe ich damals das erste Mal den Wormser Judenfriedhof besucht; von weitem haben wir die zerstörte Synagoge gesehen. Nach dem Krieg - als ich Martin Buber kennenlernte - habe ich begriffen, welch wunderbares Geschenk es ist, dass deutsche Juden auch nach der Katastrophe bereit waren, den Traum einer gemeinsamen Zukunft von Juden und Christen in diesem Land zu träumen.

Wir haben im vergangenen Jahr in besonderer Weise der Shoah gedacht. In zwei Tagen jährt sich zum 5 1. Mal die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Es gibt Wunden, die nie verheilen. Unsere besondere Achtung gilt den Überlebenden der Shoah. Ihr Zeugnis ist eine bleibende Mahnung für uns Deutsche und für die ganze Menschheit. Die Verbrechen der NS-Gewaltherrschaft, die Missachtung und Verhöhnung aller sittlichen Normen, die systematische Unmenschlichkeit dieser Diktatur- wir dürfen und wir wollen sie niemals vergessen.

Dass es trotzdem möglich wurde, Brücken zwischen dem jüdischen und dem deutschen Volk zu bauen, gehört zu den besten und bewegendsten Erfahrungen der vergangenen 50 Jahre. Shimon Peres hat zu Recht an Konrad Adenauer erinnert, der mit Nahum Goldmann 1951 in London und mit David Ben Gurion 1960 in New York zusammenkam. Diese drei Männer waren von dem Willen beseelt, über die Abgründe der Vergangenheit hinweg gemeinsame Wege in die Zukunft zu finden.

In Deutschland selbst waren Juden bereit, ein neues Leben auf den Trümmern einer der ältesten und größten jüdischen Gemeinden in Europa wieder aufzubauen. Sie kehrten nach Deutschland zurück und halfen mit ganzer Kraft, eine neue, freiheitliche Ordnung in Staat und Gesellschaft aufzubauen. Gewiss, jüdisches Leben, jüdische Kultur in unserem Land werden nie wieder so sein, wie sie es vor der Shoah waren. Doch wünsche ich mir und hoffe zuversichtlich, dass jüdische Gemeinden bei uns wiedererstehen und wieder erstarken. Diese Hoffnung teile ich mit der großen Mehrheit der Menschen in unserem Land. Dazu gehört auch, dass Synagogen wie jene in Worms künftig nicht nur Stätten historischer Erinnerung sind, sondern wieder zu lebendigen Orten jüdischer Gegenwart werden.

Alle Bürger dieses Landes - ob Christen oder Juden, ob religiös gebunden oder nicht - tragen eine gemeinsame Verantwortung für unsere Demokratie. Dies bedeutet nicht zuletzt kompromisslosen Kampf gegen jede Form von Rassismus, Extremismus und politisch motivierter Gewalt!

B'nai B'rith gründete bereits 1958 Gruppen in der Bundesrepublik Deutschland. Ehrenpräsident der Vereinigung auf europäischer Ebene wurde Leo Baeck. Er war 1937 der letzte Präsident des Deutschen B'nai B'rith gewesen und hatte erleben müssen, wie diese Vereinigung zwangsweise durch die NS-Diktatur aufgelöst wurde. Leo Baeck verkörperte geradezu den Lebenswillen und die menschliche Größe des jüdischen Volkes.

Wer einmal in New York das dortige Leo-Baeck-Institut besucht, dieses Haus durchschritten hat und im Treppenhaus an den vielen Bildern bedeutender jüdischer Männer und Frauen - Literaten, Politiker, bildende Künstler, Regisseure - vorbeigegangen ist, der kann erst ermessen, welch ein großer Reichtum diese Menschen für Deutschland waren; die Entwicklung der deutschen Kultur seit dem Zeitalter der Aufklärung ist ohne ihren Beitrag nicht denkbar. Die Vertreibung und Ermordung dieser Menschen ist zu allererst ein unfassbares Verbrechen; wahr ist aber auch, dass durch dieses Verbrechen Deutschland selbst einen unersetzlichen Verlust erlitten hat.

Leo Baeck stand für die über tausendjährige jüdische Tradition in Deutschland, aber auch für den Neuanfang nach der Katastrophe. So hatte und hat der B'nai B'rith maßgeblichen Anteil daran, dass sich in der Bundesrepublik ein reges jüdisches Leben entwickeln konnte. Es war vor allem auch der B'nai B'rith. der den jüdisch-christlichen Dialog in unserem Land mit Engagement voranbrachte - und vielerorts sogar erst einführte. An dieser Stelle möchte ich vor allem Herrn Professor Ehrlich sehr herzlich für seinen unermüdlichen Einsatz im Dienste der jüdisch-christlichen Freundschaft danken. Er gilt zu Recht als einer der Mentoren dieses Dialogs in Europa.

Christen und Juden haben mehr Gemeinsamkeiten, als manche immer noch meinen: das Vertrauen auf die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen; die Überzeugung von der Einzigartigkeit und der unveräußerlichen Würde jedes Menschen; den Glauben, dass uns die Schöpfung anvertraut ist, damit wir sie erhalten und weiter gestalten. Weltbejahung, nicht Weltflucht, zeichnet den Glauben der Juden und Christen aus. Diese Überzeugung ruft uns gemeinsam in die Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden. Sie bewahrt uns vor Überheblichkeit und vor der Vergötzung von Macht.

In seiner Erklärung vom 27. September 1951 vor dem Deutschen Bundestag bezeichnete es Konrad Adenauer in feierlicher Form als ., vornehmste Pflicht des deutschen Volkes ", im Verhältnis zum Staate Israel und zum jüdischen Volk den „ Geist wahrer Menschlichkeit wieder lebendig und fruchtbar " werden zu Sassen. Damit drückte er nicht nur seine persönliche Meinung aus. Diese Überzeugung und dieser Grundsatz werden vielmehr von allen demokratischen Kräften in der Bundesrepublik Deutschland geteilt. Was geschehen ist. kann niemals ungeschehen gemacht werden. Aber an die jungen Generationen können und müssen wir die alles entscheidende Lehre aus der Barbarei des zu Ende gehenden Jahrhunderts weitergeben: Friede zwischen Menschen und Völkern beginnt mit der Achtung der unbedingten und absoluten Würde des anderen.

Wir müssen und wollen uns erinnern, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Zugleich müssen und wollen wir den Blick nach vorne richten. Es geht um Frieden, um Freiheit, um das Glück unserer Kinder und Kindeskinder. Ich bin dem israelischen Staatspräsidenten Weizman sehr dankbar für das, was er zu diesem Thema vor wenigen Tagen bei seinem Besuch in Deutschland gesagt hat.

Ich betrachte die heutige Ehrung auch als eine Anerkennung für die Politik der europäischen Einigung, die seit den Anfängen der Bundesrepublik Deutschland ein Herzstück der deutschen Außenpolitik ist - und es auch bleiben wird. Diese Politik bedeutete die Abkehr von der nationalstaatlichen Machtpolitik früherer Zeiten.

Die bitteren Erfahrungen vor allem in diesem Jahrhundert haben uns gelehrt, dass Nationalismus und die Ethik der Zehn Gebote sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Feindbilder und Hasspropaganda verletzen das biblische Gebot der Nächstenliebe. In letzter Konsequenz führt Nationalismus zum Krieg. Recht verstandener Patriotismus bedeutet hingegen immer auch Achtung vor der Vaterlandsliebe des Nachbarn und damit die Ablehnung jeglicher Form nationaler Überheblichkeit.

Gerade auch nach dem Ende des Kalten Kriegs und nach dem Glücksfall der deutschen Wiedervereinigung halten wir entschieden an der Fortführung des europäischen Einigungswerks fest. Wir wollen den Bau des Hauses Europa unumkehrbar machen, denn nur so können wir in Europa - dies ist meine feste Überzeugung - Frieden und Freiheit auch im 21. Jahrhundert garantieren.

Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts ist in Europa und im Nahen Osten das Bewusstsein dafür gewachsen, dass in der Welt von morgen beide Regionen sehr viel stärker als bisher voneinander abhängig sein werden. Frieden, wirtschaftliche Entwicklung und soziale Gerechtigkeit im Nahen Osten sind unser gemeinsames Anliegen. Sie sind auch das große Anliegen von Shimon Peres, und für diese Vision wurde unser unvergessener Freund Yitzhak Rabin zum Blutzeugen. Gerade auch an diesem Abend erinnere ich mich seiner in Trauer und mit Dankbarkeit.

Ihnen, Herr Ministerpräsident Peres, möchte ich sagen, wie viel Respekt, wie viel Achtung und wie viel Zuneigung Ihnen in unserem Land auf Ihrem Weg des Friedens entgegengebracht werden. Wir alle wünschen Ihnen von Herzen Erfolg! Mögen Ihr Mut, Ihre Klugheit und Ihre Weitsicht dazu führen, dass der Nahe Osten zu einer Region des Friedens wird. Ich möchte hier in München feierlich bekräftigen, dass Deutschland dabei fest an der Seite Israels steht. Ihr Land, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, hat in uns auch künftig einen verlässlichen Freund und - wo immer es notwendig ist - einen treuen Fürsprecher in der Europäischen Union!

Wir wollen - darüber haben wir beide heute ausführlich gesprochen - zwischen der Europäischen Union und dem Nahen Osten enge Beziehungen knüpfen. Es gilt hierbei vor allem, für die Menschen in der Region eine soziale und wirtschaftliche Perspektive zu schaffen und so dauerhaft Stabilität zu ermöglichen. Neben den wichtigen wirtschaftlichen Fragen dürfen wir aber nicht die kulturelle Dimension vernachlässigen. Ein Thema liegt mir hierbei besonders am Herzen: der Dialog zwischen den großen monotheistischen Weltreligionen. Keine Religionsgemeinschaft ist völlig frei von der Gefahr des Fanatismus. Wer zum Dialog über die Grenze der eigenen Religion hinweg bereit ist, wirkt dieser Gefahr entgegen. Ein solcher Dialog setzt freilich Verständigungsbereitschaft auf beiden Seiten und die Anerkennung bestimmter Grundregeln voraus.

Im Interesse des Friedens brauchen wir das Gespräch zwischen Juden, Christen und Muslimen. Ich nenne bewusst die drei Weltreligionen, die im Nahen Osten ihren Ursprung haben. Ich leugne keineswegs die großen Unterschiede, die immer wieder Quelle von Missverständnissen, ja Konflikten sind. Aber wesentlichen Fragen auch Gemeinsamkeiten gibt. Juden, Christen und Muslime gehören als Kinder Abrahams zu einer großen Familie.

Ich danke dem B'nai B'rith noch einmal sehr herzlich für diese außergewöhnliche Feierstunde. Ich danke ihm für alles, was er in Deutschland an Gutem und Wertvollem aufgebaut hat. Ich möchte ihn bitten und ermutigen, auf diesem Weg weiterzugehen und so auch ein Beispiel gelebten Bürgersinns zu geben.

In wenigen Jahren überschreiten wir die Schwelle zum 21. Jahrhundert. Wir leben in einer Zeit dramatischer Veränderungen. Jeder von uns spürt, dass wir an einem Wendepunkt stehen. Auf uns alle kommt es an, damit es ein Wandel zum Besseren wird. Juden und Christen stehen dabei in gemeinsamer Verantwortung. Stellen wir uns dieser Pflicht - mit Zuversicht und Gottvertrauen!

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 10 (2. Februar 1996).