8. Mai 1996: Rede anlässlich der Eröffnung des Goethe-Institutes in Weimar


Lieber Herr Hoffmann,
lieber Bernhard Vogel,
meine Herren Minister,
Herr Landtagspräsident,
meine Damen und Herren Abgeordneten,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

auf dem Weg hierher habe ich über meinen ersten Besuch in Weimar nachgedacht. Er fand im Jahre 1975 statt. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich einmal in meinem Leben zu einer Gelegenheit wie der heutigen hierher kommen könnte. Die Stadt ist und bleibt überwältigend. [...] Es gibt wenige Orte in Deutschland, an denen man so deutlich spüren kann, mitten in Deutschland und mitten in Europa zu sein.

Deshalb freue ich mich, heute mit Ihnen gemeinsam das erste Goethe-Institut in einem der neuen Länder eröffnen zu können. Mein herzlicher Glückwunsch und Dank gilt Ihnen. Herr Professor Hoffmann, und allen, die an seiner Entstehung mitgewirkt haben. Jetzt gibt es in Weimar eine Einrichtung des Goethe-Instituts, deren spezielle Aufgabe es ist, im internationalen Kulturaustausch die deutsche Klassik und das umfassende Werk und Denken Goethe in den Vordergrund zu stellen. Dies begrüße ich nachdrücklich.

Ich halte es auch in einer Zeit, in der mir nachgerufen wird, „Sparkanzler'" zu sein - ich habe nichts dagegen - für wichtig, dass wir uns immer klarmachen, dass jede Deutsche Mark, die wir jetzt für vernünftige kulturelle Zwecke einbringen, ein Stück Abschlagzahlung für eine friedliche, gute Zukunft der Deutsehen ist.

Der Bund, das Land Thüringen, die Stadt Weimar und das Goethe-Institut haben bewiesen, dass unsere Verwallungen über Ideenreichtum verfügen, wenn es darum gehl. Gemeinschaftsaufgaben anzupacken und zu lösen. Sie haben gezeigt, dass sich mit Findigkeit und gutem Willen scheinbar unüberwindliche Probleme der Zuständigkeit und der Finanzierung lösen lassen. Besonders freue ich mich, dass sich mit Herrn Gotthard Hacker ein privater Mäzen bereit gefunden hat, mit einem namhaften Betrag das Vorhaben zu sichern. Ich danke ihm herzlich dafür.

Die Wahl des Ortes ist glücklich: Das Haus der Frau von Stein wird Sitz eines Instituts, das dem Namen Goethes verpflichtet ist. Weimar steht für die deutsche Klassik und zugleich für die Tradition des demokratischen Deutschland. - Niemand wird sich der Symbolkraft dieser Namen entziehen können. Die Symbolkraft ist unübersehbar, und Weimar kann nicht genannt werden, ohne Buchenwald zu erwähnen und daran zu erinnern.

Im Hause der Frau von Stein wird nicht nur das Goethe-Institut untergebracht. Es werden auch Teile des Nachlasses von Marlene Dietrich präsentiert und dem Publikum zugänglich gemacht. Man kann darin auch ein weiteres Symbol sehen: Immerhin hat Marlene Dietrich im Hause der Frau von Stein einige Jahre ihrer Jugend verbracht. Die Namen beider Frauen assoziieren wir - auch wenn es sonst keine Verbindung gibt - mit Epochen und Ausdrucksformen des geistigen und künstlerischen Lebens in Deutschland, deren Erbe wir pflegen und lebendig halten wollen. Warum sollten wir, wenn wir Geschichte präsentieren, auch jüngste Geschichte, nicht den Namen dieser eindrucksvollen Frau hier in Weimar mit präsentieren? Die Puristen werden Anstoß nehmen. Aber die Puristen sind ja in einem unvergleichlichen und unvergesslichen Filmstück der Marlene Dietrich auch besonders persifliert worden.

Weimar wird 1999 Kulturstadt Europas sein. Die verbleibende Zeit für die Vorbereitungen dieses wichtigen Ereignisses ist kurz. Wir alle werden noch erhebliche Anstrengungen unternehmen müssen, damit die Erwartungen unserer europäischen Partner und Gäste erfüllt werden. Der Anlass, der uns heute hier zusammenführt, setzt dafür ein ermutigendes Zeichen. Ich denke auch, dass wir bereits gute Vorarbeit geleistet haben: in und mit der Stadt Weimar selbst, mit dem Land Thüringen, vor allem aber mit dem, was seit der Wiedervereinigung auf kulturellem Gebiet in den neuen Ländern erreicht werden konnte.

Die Bilanz kann sich sehen lassen: Zu Beginn der Deutschen Einheit standen die neuen Länder und ihre Gemeinden kulturpolitisch vor Aufgaben, die ihre Leistungskraft überforderten. Deshalb hat die Bundesregierung sogleich nach der Wiedervereinigung die „Übergangsfinanzierung Kultur" mit ihren drei Förderprogrammen Substanzerhaltung, Infrastruktur und Denkmalschutz beschlossen. Für diese Programme stellte der Bund 1991 bis 1994 rund drei Milliarden D-Mark zur Verfügung.

So konnte gemeinsam mit den Ländern und Gemeinden wertvolle kulturelle Substanz erhalten und zugleich Zeit für die Entwicklung dauerhaft tragfähiger Strukturen im Kulturbereich gewonnen werden. Der Bund hat mitgeholfen, dass die neuen Länder in einem Kernbereich ihrer Zuständigkeit trotz schwierigster Wirtschafts- und Finanzprobleme handlungsfähig geblieben sind. Die „Übergangsfinanzierung Kultur" hat sich insgesamt als ein ebenso wichtiger wie erfolgreicher Schritt auf dem Weg zur inneren Einheit der Deutschen erwiesen.

Mit Beginn des Jahres 1995 ist die kulturelle Überbrückungshilfe des Bundes ausgelaufen. Die Neuregelung des Bund-Länder-Finanzausgleichs hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Länder und Kommunen ihre kulturellen Aufgaben nunmehr eigenständig wahrnehmen können. Die Mitverantwortung des Bundes in den neuen Ländern konzentriert sich jetzt, wie in den alten auch, auf national bedeutsame Kultureinrichtungen und -Veranstaltungen. Für Thüringen sind beispielsweise die dauerhafte finanzielle Beteiligung an der Stiftung Weimarer Klassik und die Projektmittel für die Kulturstadt Weimar 1999 zu nennen.

Die Bundesregierung setzt im Rahmen ihres Engagements für national bedeutsame Einrichtungen bewusst besondere Zeichen in den neuen Ländern, die ja in Wahrheit alte und traditionsreiche deutsche Länder sind. Hier ist der Handlungsbedarf am größten. Gerade in Zeiten tiefgreifenden Wandels können diese Kulturlandschaften im Herzen Europas der notwendigen historischen Ortsbestimmung dienen und das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken.

Diese Gefühl hat auch in den Jahren der Teilung unseres Vaterlands eine Weimarer Institution vermittelt, der ich an dieser Stelle meine Anerkennung aussprechen will: Die Internationale Goethe-Gesellschaft hat wesentlich dazu beigetragen, das Bewusstsein für die kulturelle Einheit unserer Nation wach zu halten. Dafür schulden wir ihr Dank.

Die Gemeinsamkeit der deutschen Geschichte - im Guten wie im Bösen -wird uns gerade an einem Tag wie heute bewusst - dem 51. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Weimar als Kulturstadt Europas soll nicht nur Ort eines großen Kulturfestivals sein. Es wird die deutsche und die europäische Öffentlichkeit auch an die Bedeutung der kulturellen Dimension für die Einheit Europas erinnern. Weimar ist für das geistige Europa ein Begriff. Er gibt unserem Blickfeld, das allzu oft nur die wirtschaftlichen und tagespolitischen Ereignisse erfasst, die notwendige historische Tiefenschärfe. Aus vielen Gesprächen mit meinem verstorbenen Freund François Mitterrand weiß ich, dass er eigentlich erst in seinen letzten zwei Lebensjahrzehnten dem „Weimarer Deutschland" nahegekommen ist. dass er viele Gemeinsamkeiten entdeckt hat.

Das vereinte Europa, das wir jetzt bauen, würde keine Zukunft haben, wenn es sich lediglich als losen Interessenverband oder als gehobene Freihandelszone verstünde. Dieses Europa ist auch und vor allem eine Werte- und Kulturgemeinschaft.

Je rasanter die neuen Informationstechnologien die Welt zusammenwachsen lassen, je nachhaltiger die Globalisierung der Wirtschaft unseren Alltag prägt, desto wichtiger wird die Besinnung auf den eigenen Standort, das eigene Herkommen. Wenn wir uns in der Welt umschauen, dann finden wir diese Einheit in den aufstrebenden Regionen Asiens und des Pazifik, aber auch in Lateinamerika bestätigt. Die dortigen Beispiele lehren, dass das Bewusstsein der eigenen Identität in einer Wechselbeziehung zu wirtschaftlichen und politischen Erfolgen steht. Identität ist für Individuen und Gesellschaften zugleich ein Wert, ohne den Begriffe wie Menschenwürde und Freiheit ihren Sinn verlören.

Die europäische Identität kann nur eine zweifache sein: Den Europäer werden immer sowohl seine nationalen Besonderheiten wie auch das gemeinsame europäische Erbe prägen. Das Ziel der europäischen Einheit schließt keineswegs die Vorstellung kultureller Gleichförmigkeit ein: Es geht nicht um Homogenität, sondern um Einheit in Vielfalt! Vor allem die Beschäftigung mit der gemeinsamen europäischen Geschichte wird helfen, diese Einheit zu gestalten.

Ich will nicht einem leblosen Historismus das Wort reden, sondern der Rückbesinnung auf die historischen Wurzeln des heutigen Europa, die auch ein Stück seiner Zukunftsfähigkeit in sich trägt. Die kulturellen Leistungen unseres alten Kontinents haben alle Zerrissenheit, alle schrecklichen Irrwege und europäischen Bürgerkriege überdauert. Sie machen den Rang Europas und sein Bild in der Welt aus. So gesehen, ist Kultur ein Standortfaktor. Vor allem aber stellt sie für jeden einzelnen Menschen eine Bereicherung seines Lebens, die Chance zur Persönlichkeitsbildung dar.

Deshalb darf die kulturelle Dimension der europäischen Einigung gegenüber der Wirtschafts- und Währungsunion, der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik und den anderen wichtigen Themen nicht als Quantite negligeable angesehen werden. Denn wir wollen ja nicht nur einen prosperierenden Wirtschaftsraum, der sich im globalen Wettbewerb behauptet, sondern ein Europa der Bürger.

Deshalb war es gut und folgerichtig, im Maastrichter Vertrag den sogenannten Kulturartikel zu verankern. Er ist zu Recht so ausgestaltet, dass eine gemeinschaftliche - also möglicherweise zur Gleichförmigkeit tendierende - Kulturpolitik in ihm keine Grundlage findet. Vielmehr sollen die traditionellen Träger und Verantwortlichen der Kulturpolitik - die Mitgliedsstaaten, Länder, Regionen und Gemeinden - entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip die gestaltenden Kräfte bleiben.

Ich wünsche mir, dass alle, die an der inhaltlichen Gestaltung einer so definierten europäischen Kulturpolitik mitwirken, sich der zentralen Aufgabe der Vertragsbestimmung, nämlich der „Verbesserung der Kenntnis und Verbreitung der Kultur und Geschichte der europäischen Völker" weiterhin verpflichtet fühlen. Das Europa der Bürger kann es aber nicht geben, wenn man seinen Bau allein den Regierungen und staatlichen Instanzen überlässt - es muss ein Europa für Bürger von Bürgern sein.

Das gilt auch für seine kulturelle Dimension. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch die gesellschaftlichen Gruppen, die privaten Vereinigungen, die Stifter, die Mäzene und Förderer ermuntern, sich daran zu beteiligen. Eine wichtige Aufgabe kommt hier gerade unseren Mittlerorganisationen der Auswärtigen Kulturpolitik zu. Ich bin sicher, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt haben und sich nach Kräften bemühen, ihre Arbeit immer auch so zu gestalten, dass sie dem geistig-kulturellen Europa dienen.

An dieser Stelle möchte ich gerne die Gelegenheit nutzen, allen unseren Mittlerorganisationen, die mit Bund, Ländern und Gemeinden an der Gestaltung und am Erfolg der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik mitwirken, meine herzlichen Dank zu sagen. Dieser Dank gilt heute natürlich besonders dem Goethe-Institut, seiner Leitung, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im In- und Ausland.

Ihre Aufgaben - nämlich die Vermittlung eines realistischen Deutschlandbilds, die Sprach- und Kulturarbeit überall in der Welt - sind in den letzten Jahren noch gewachsen. Die verfügbaren Mittel dagegen sind begrenzt. Wir haben daher Schwerpunkte gesetzt und wollen durch verbesserte Koordinierung und Flexibilisierung entstehende Engpässe ausgleichen.

Die Kernaufgaben der Auswärtigen Kulturpolitik dürfen bei allen Sparzwängen nicht vernachlässigt werden. Dies gilt vor allem für die Vermittlung und Pflege der deutschen Sprache. Sie bleiben das zentrale Anliegen unserer kulturellen Präsenz im Ausland. Darüber besteht ein breiter Konsens in der Öffentlichkeit und im Deutschen Bundestag, der am 13. Juni über dieses wichtige Thema der Auswärtigen Kulturpolitik debattieren wird.

Wir alle kennen die Erwartungshaltung unserer östlichen Nachbarn, die wir enttäuschen würden, wenn wir ihrem Wunsch nach mehr Sprachvermittlung nicht nachkämen. Ich möchte hier noch einmal an das gemeinsam von Bund und Ländern getragene Programm zur Entsendung von Lehrkräften nach Mittel- und Osteuropa und in die Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion erinnern. Im Schuljahr 1995/96 sind insgesamt 552 Programmlehrkräfte eingesetzt; davon entfallen 355 auf den Bund und 197 auf die Länder. Es wäre im deutschen Interesse, wenn die Länder sich noch stärker als bisher an dem Entsendeprogramm beteiligen würden, zumal ein weiterer dringender Bedarf von 900 Lehrkräften besteht.

Mit dem Weimarer Goethe-Institut hat die Initiative, der Bedeutung der Klassik und des kulturellen Erbes für die Gegenwart mehr Aufmerksamkeit zu widmen, Gestalt angenommen. Dieses Beispiel sollte Schule machen. Wir haben im internationalen kulturellen Austausch gegenüber unseren Partnern in aller Welt gewissermaßen eine Bringschuld, denn sie erwarten von uns Deutschen, dass wir nicht nur unser kulturelles Gegenwartsleben vorstellen, sondern auch unser kulturelles Erbe. Zu einem realistischen Deutschlandbild gehört auch für einen Franzosen, einen Briten, einen Italiener die Präsenz von Beethoven und Brahms, Lessing und Heine, Schiller und Goethe. Dem Goethe-Institut Weimar, seinen Mitarbeitern und Besuchern wünsche ich viel Glück und Erfolg.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 31 (17. Mai 1996).