10. Juni 1996: Rede anlässlich der Eröffnung der 23. Europarat-Ausstellung „Kunst und Macht im Europa der Diktatoren 1930 bis 1945" im Deutschen Historischen Museum in Berlin


Frau Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarats,
Herr Regierender Bürgermeister,
Herr Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses,
lieber Herr Stölzl,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

ich freue mich, heute mit Ihnen gemeinsam diese bedeutende Ausstellung zu eröffnen. Die Veranstalter - der Europarat und das Deutsche Historische Museum - haben ein brisantes Thema der Zeitgeschichte aufgegriffen. Das Deutsche Historische Museum kann dabei an eine Tradition anknüpfen, denn es hat der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bereits eine Reihe vielbeachteter Ausstellungen gewidmet. Der Europarat leistet mit seiner mittlerweile 23. Ausstellung erneut einen bedeutenden Beitrag dazu, die Europäer an ihre gemeinsame Geschichte zu erinnern.

Dies ist heute wichtiger denn je: Die Erinnerung an unsere Vergangenheit und an unsere gemeinsamen Werte schärft unser europäisches Bewusstsein. Der Hayward Gallery in London gebührt unser Dank dafür, diese Ausstellung konzipiert und in Großbritannien veranstaltet zu haben. Anschließend wurde die Ausstellung in Barcelona gezeigt.

Das Verhältnis und das Zusammenspiel von Kunst und Macht in Diktaturen sind bereits früher untersucht und aufgearbeitet worden. Und doch ist dieses Phänomen gerade in den letzten Jahren erneut zum Gegenstand vieler Diskussionen und Betrachtungen geworden. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Ende des Ost-West-Konflikts wollen wir das Rätsel der totalitären Versuchung neu ergründen. Wir wissen seit langem, dass auch im kulturellen Leben nicht wenige dieser Versuchung erlagen, aber wir bemühen uns heute um eine genauere und vielleicht auch gerechtere Einschätzung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben Wissenschaftler und Schriftsteller wie Hannah Arendt, George Orwell und Karl-Dietrich Bracher die erste große Debatte um den Totalitarismus und seine Ursachen angestoßen. Seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Herrschaftssystems wurde sie wiederbelebt und bereichert. Ich nenne nur das Opus magnum von François Furet.

Nichts von dem, was wir heute als typische Kunst der totalitären Systeme Europas im 20. Jahrhundert bezeichnen, ist über Nacht entstanden. So war der in der Architektur verbreitete modernistisch-bombastische Stil ein Trend, den man seit den zwanziger Jahren damals in ganz Europa und auch Nordamerika antreffen konnte. Zugleich entwickelte sich eine avantgardistische Kunst, die sich von bis dahin bekannten Kunstformen teilweise abwandte und mit radikalen Experimenten völlig neue Dimensionen zu erschließen versuchte.

Im Mittelpunkt stand die Vision einer fortschrittlichen, einer modernen Weit - häufig auch ein „neuer", ein besserer Mensch. Ähnliche Heilsverkündungen waren auch im politischen Bereich anzutreffen. Gleichwohl darf die Kunst der Avantgarde jener Zeit nicht als Wegbereiter der Kunst des Totalitarismus begriffen werden, wie dies manche Kritiker im nachhinein getan haben. Zu grundlegend und unüberbrückbar waren die ideellen Gegensätze. Dies zeigt sich allein schon in der gespaltenen Orientierung der totalitären Richtungen jener Zeit: Fortschrittspathos und zugleich Rückbesinnung auf alte Mythen oder eine mythologisierte Vergangenheit bildeten ihr geistiges Fundament. So berief sich etwa die Mussolini-Diktatur auf die Größe und den Glanz des imperialen Rom, die NS-Propaganda beschwor die „germanische Sagenwelt".

Kunst sollte immer auch der Herrschaftslegitimierung des Regimes dienen. Die Diktatoren glaubten an die Macht der Kunst. Das Raffinement der Avantgarde war ihnen zuwider. Sie setzten auf die Vermittlung ihrer pompösen Machtrhetorik und nahmen dafür sogar akademische Starre in Kauf. Das Gespreizte, das Pathetische oder auch Brutale erhielten den Vorzug. Diese Ausstellung macht dies nur zu deutlich. Alles, was phantasievolles Experiment, freies Formenspiel oder Erkundung neuer Kunstwelten bedeutete, wurde verworfen und unterdrückt.

Kunst und Kultur sollten fortan ausschließlich der Glorifizierung des Totalitären dienen: Willensmacht und Unterordnung genauso wie Herrschaft und Krieg. Mit der Freiheit von Kunst und Kultur- das haben wir in Deutschland erlebt - war es vorbei. Sie wurden zum Dienst am Staat zwangsverpflichtet. Sie hatten dem Ruhm der Machthaber zu dienen. Die Ausstellung zeigt dies in beklemmender Weise.

Immanuel Kant hat Kunst und Kultur einmal als etwas Absolutes definiert, als etwas, das um seiner selbst willen existiert. Äußerer Zwang und Anpassung an ein totalitäres System heben diesen Zustand auf. Kunst und Kultur sind ohne Freiheit nicht denkbar. Sie sind Voraussetzung für individuelle und soziale Freiheit einer Gesellschaft.

Die Männer und Frauen, die vor fast 50 Jahren das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland schufen, wussten, warum sie so großen Wert auf die freiheitliche Grundordnung auch im künstlerischen Bereich legten. Das Grundgesetz garantiert die Freiheit der Kunst, die Freiheit der künstlerischen Aussage. In Artikel 5 heißt es kurz und knapp: „Die Kunst ist frei." Ohne geistig-künstlerische Freiheit ist Kunst im Sinne Kants nicht denkbar. Verkauft der Künstler seine Seele an ein politisches System, so endet im eigentlichen Sinne auch seine Existenz als Künstler.

Gewiss: Dieser Zusammenhang lässt sich im Einzelfall nicht immer klar nachvollziehen. Viele Künstler haben damals versucht, sich mit dem System zu arrangieren oder ihr politisches Umfeld zu ignorieren und, soweit es ihnen möglich war, ihrer Kunst Geltung zu verschaffen. Ich möchte hier und heute nicht darüber rechten, wie sich der eine oder andere Künstler in jener Zeit verhalten hat. Viele sahen sich vor die Entscheidung zwischen Anpassung oder Arbeitsverbot gestellt. Niemand von uns kann sagen, wie seine eigene Entscheidung in einer derartigen Lage ausgesehen hätte.

Um so mehr gelten unser Gedenken und unser Dank heute vor allem jenen, die keine Kompromisse schlössen, die unter den Diktatoren Schlimmes erleiden mussten: Unterdrückung, Exil und nicht wenige den Tod. Ihre Kunst und ihr Schaffen wurden als „entartet" verhöhnt und verboten. Das nationalsozialistische Verdikt traf zunächst Künstler, die sozial und politisch orientiert waren - wie Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, Otto Dix und George Grosz. Viele der besten Künstler, die mit ihrer Kunst Widerstand leisteten, gingen ins Exil, mussten die schlimmen Jahre der Emigration, der Heimatlosigkeit auf sich nehmen - unter ihnen Max Beckmann und Oskar Kokoschka.

Neben der Unterdrückung ganzer Kunstrichtungen kam es zur systematischen Vertreibung von jüdischen Künstlern aus dem Kulturleben. Ungeachtet der jeweiligen Kunstrichtung wurden ihre Werke erst verächtlich gemacht und dann verboten. Berühmte Künstler wie Bruno Walter, Otto Klemperer oder Max Reinhardt waren davon ebenso betroffen wie schon verstorbene Komponisten wie Gustav Mahler oder sogar Felix Mendelssohn Bartholdy. Namhafte Filmkünstler und Schauspieler verließen das Land. Ich nenne hier nur Fritz Lang und Max Ophüls, Elisabeth Bergner und Fritz Kortner.

Wenn man sich heute vergegenwärtigt, welche Kunst das Hitler-Regime forderte und welche es selbstherrlich ablehnte und zerstörte, wird die Gefahrdung jener Künstler deutlich, die als Verfemte im Verborgenen weiterarbeiteten. Die Werke aus jener Zeit der inneren Emigration sind eindringliche und großartige Zeugnisse für das Ringen um die Freiheit und die Unabhängigkeit der Kunst. Es war gerade diese Kunst, die bei Kriegsende von vielen Menschen - besonders aus der jungen Generation - als ein Signal der Befreiung, der Hoffnung und der Zuversicht verstanden wurde.

In der Sowjetunion Stalins wurden mit der Einführung der Doktrin des „Sozialistischen Realismus" viele avantgardistische Künstler kaltgestellt, in den Gulag deportiert oder im Schnellverfahren umgebracht. Sie konnten sich nicht als die von Stalin geforderten „Ingenieure der menschlichen Seele" sehen und wollten ihr Schaffen nicht dem Leitbild des sogenannten „sowjetischen Menschen" unterwerfen. Boris Pasternak, Michail Bulgakov, Andrej Platonov, Pavel Filonov, Wladimir Tatlin, Kasimir Malewitsch und andere wurden rigoros unterdrückt. Von 1935 an schaltete Stalin im Zuge der Moskauer Schauprozesse alle aus, die ihm missliebig waren. Viele Künstler, Architekten und Dichter - darunter Isaak Babel und Ossip Mandelstam -wurden Opfer des Regimes.

Die Bilanz all dieser Jahre ist erschütternd. Der Totalitarismus bedeutete die nahezu völlige Zerstörung eines reichen und lebendigen Kulturlebens. Alles Kreative wurde systematisch entfernt. Kunst und Kultur verödeten unter dem Joch einer sinnentleerten, einer menschenverachtenden Ideologie. Auch an diesem Verlust erkennen wir, welch schrecklichen Irrweg der Totalitarismus bedeutete.

Das vom Totalitarismus verkündete und von totalitärer Kunst verbreitete Menschenbild führte in den Abgrund, es führte in den Krieg und in die Vernichtung. Seine einzige Botschaft war der Kampfund der Terror. Dies hat das Bewusstsein der Überlebenden und der nachfolgenden Generationen bis in unsere Tage belastet - und tut es noch. Und doch wurde dieser Abgrund überwunden. Einer der deutschen Schriftsteller, den die Nazis unter beschämenden Umständen aus dem Land getrieben hatten, wies den Weg in die Zukunft. Thomas Mann rief 1953 Hamburger Studenten zu: „Europas historische Schuld beraubt es nicht seiner alten Würde. In einem wieder erstarkten europäischen Selbstbewusstsein muss es sich finden und zur Einheit gelangen."

Aus der gleichen Einsicht heraus haben in Europa die Männer und Frauen der ersten Stunde die Idee eines geeinten Europas entwickelt. Ihrer Initiative und ihrem Weitblick verdanken wir, dass wir zumindest in Westeuropa eine Entwicklung des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands erleben konnten, wie es sie bis dahin auf unserem Kontinent noch nicht gegeben hatte. Dieses Glück war den Menschen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs nicht vergönnt. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis offenkundig wurde, dass der Kommunismus nicht nur moralisch, sondern auch politisch ebenso bankrott war wie Nationalsozialismus und Faschismus.

Mit der Wiedervereinigung unseres Vaterlands und der Rückkehr der Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas in die Familie der freien Völker steht unser Kontinent heule vor neuen Herausforderungen, zugleich aber auch vor Chancen, von denen wir noch vor wenigen Jahren nicht zu träumen wagten. [...]

Aber es gilt nach wie vor, wachsam zu bleiben, damit der Frieden auf Dauer erhalten bleibt. Wir haben erkennen müssen, dass sich die Hoffnungen auf einen dauerhaften Frieden in der Welt auch mit dem Ende des Ost-West-Konflikts nicht erfüllt haben. Wer behauptet, wir seien in Europa gegen Rückfalle in politische Zustände wie in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts gefeit, der irrt. 1925, als Aristide Briand und Gustav Stresemann den Friedensnobelpreis erhielten, glaubten viele, es sei undenkbar, dass es noch einmal zwischen Deutschen und Franzosen zum Krieg kommen würde. Nicht weit von Locarno, in Italien, war damals aber schon Mussolini an der Macht, acht Jahre später war es Hitler in Deutschland, und weitere sechs Jahre später brach der Zweite Weltkrieg aus.

Ich möchte in diesem Zusammenhang an ein Ereignis erinnern, das fast in Vergessenheit geraten ist. Im Jahre 1935 trafen sich zur Erinnerung an die Schlacht von Verdun viele tausend Kriegsteilnehmer, Deutsche und Franzosen, und schworen einander feierlich: Nie wieder Krieg zwischen Deutschland und Frankreich! Vier Jahre später brach der Zweite Weltkrieg aus. Viele derjenigen, die an der damaligen Gedenkfeier teilnahmen, mussten erneut in den Krieg ziehen, und viele von ihnen kehrten nicht wieder heim.

Natürlich wird sich Geschichte nicht so einfach wiederholen. Aber der Friede ist ein kostbares Gut, das jeden Tag neu erworben sein will. Wir Deutschen würden vor der Geschichte versagen, wenn wir uns mit der Deutschen Einheit zufriedengäben. Nach wie vor gilt der unvergessliche Satz Konrad Adenauers, wonach Deutsche Einheit und europäische Einigung zwei Seiten einer Medaille sind. Wir müssen darum - gemeinsam mit unseren Freunden und Partnern - die Einigung Europas unumkehrbar machen. Sie ist für uns Deutsche und für alle Europäer eine Frage von schicksalhafter Bedeutung. Es geht um unsere Zukunft. Wir müssen handeln. Wenn wir jetzt bei der europäischen Einigung nicht vorankommen, gefährden wir auf Dauer all das, was wir uns über Jahrzehnte gemeinsam erworben haben.

Historische Chancen pflegen oft - wenn überhaupt - erst nach langer Zeit wiederzukehren; das hätte im übrigen auch für die deutsche Wiedervereinigung 1990 gegolten. Wir haben die Wahl, Europa jetzt zu einigen oder damit zuwarten. Doch keiner kann uns sagen, ob die Chance wiederkehrt. [...] Von Jacob Burckhardt stammt der Satz: „Nur aus der Betrachtung der Vergangenheit gewinnen wir einen Maßstab der Geschwindigkeit und Kraft der Bewegung, in welcher wir leben."

Die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen - Arbeitslosigkeit. Sicherung des Wirtschaftsstandorts Europa angesichts steigender internationaler Konkurrenz, Verbesserung des Umweltschutzes, Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität -, zwingen uns alle zur Zusammenarbeit, denn sie können nicht im Sinne des alten nationalstaatlichen Denkens von einem Staat allein bewältigt werden.

Der Bau des Hauses Europa hat viele Gründe. Für mich ist der entscheidende Grund, dass wir im 21. Jahrhundert in Europa in Frieden und Freiheit zusammenleben wollen und nie wieder in eine Zeit der Barbarei zurückfallen dürfen. Die europäische Einigung ist bei aller Wichtigkeit wirtschaftlicher Fragen aber mehr als die Summe ökonomischer und politischer Erfordernisse. Es geht vor allem auch um die Vergegenwärtigung unseres gemeinsamen europäischen Kulturerbes. Ich meine damit nicht nur die einzigartigen Kulturdenkmäler, sondern unser gemeinsames geistig-kulturelles Erbe: die Philosophie der Antike, die Ideen des Humanismus und der Aufklärung und nicht zuletzt die Kraft des Christentums. Dieses Erbe ist wie ein einigendes Band, das uns Europäer miteinander verbindet - über alle Länder, Sprachgrenzen und kulturellen Verschiedenheiten hinweg; es bestimmt unsere europäische Identität.

Es ist wahr: Die Völker unseres Kontinents sind sehr verschieden. Aber gerade diese Verschiedenartigkeit - auch und vor allem in Kunst und Kultur -ist doch eine phantastische Chance. Denn aus dem Spannungsverhältnis zwischen Einheit und lebendiger Vielfalt können wir ein friedliches, freies und kulturell reiches Europa schaffen - für uns und für die Generationen, die nach uns kommen.

Im Zentrum dieses Europa steht unser Wertesystem: Es basiert auf der Einzigartigkeit des Menschen, der Achtung vor dem Leben, vor der Menschenwürde und vor den persönlichen Freiheitsrechten - Werten, dies zeigt diese Ausstellung, die dem Totalitarismus wesensfremd sind. Es ist gut zu wissen, dass diese Werte auch von totalitärer Tyrannei nicht zerstört werden konnten. Indem wir die Freiheit der Kunst schützen, verteidigen wir auch diese Werte.

Von Vaclav Havel gibt es dazu ein sehr schönes Wort. Aus dem Gefängnis schrieb er an seine Frau: „Hielte ich mich für das [...] Schräubchen des gigantischen Maschinensatzes, der menschlichen Identität beraubt -, dann kann ich nicht viel tun ... Wenn ich jedoch daran denke, was jeder von uns ursprünglich ist, [...] nämlich ein mündiges, menschliches Wesen, verantwortungsfähig der Welt und für die Welt, dann kann ich selbstverständlich viel tun [...]"

Mit dieser Einstellung kommen wir weiter als mit törichtem Kulturpessimismus. Freiheit und Verantwortung, das sollte für uns die Richtschnur sein für eine gute Zukunft im 21. Jahrhundert. Ich erkläre die Ausstellung für eröffnet.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 50 (18. Juni 1996).