15. September 1996
Ansprache anlässlich des Treffens mit Vertretern der deutschen Gemeinschaft in der Goethe-Schule Buenos Aires


Herr Präsident der Vereinigung deutscher Verbände,

Herr Präsident der Schulvereinigung,

Herr Bürgermeister, Herr Direktor der Schule,

meine Damen und Herren, liebe Landsleute,

und vor allem: liebe Schülerinnen und Schüler,

ich bedanke mich sehr herzlich bei Ihnen allen für diesen freundlichen Empfang. Ich danke Ihnen, Herr Bürgermeister, für die Überreichung des Ehrenbürgerbriefes. Ich übersende Ihnen allen, allen Freunden der Schule und allen unseren Freunden in Ihrem großartigen Land die herzlichen Grüße der Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland, des wiedervereinten Deutschlands.

Ich freue mich, heute bei Ihnen zu sein. Mein Besuch soll insbesondere ein Zeichen der engen und herzlichen Verbundenheit der Menschen unserer beiden Völker sein. Ich gratuliere der Goethe-Schule schon heute und im voraus sehr herzlich zu ihrem 100jährigen Bestehen. Ich finde, dies ist ein Grund, stolz zu sein. Sie alle hier, die Mitarbeiter, die Lehrer und Schüler leben und erleben hier tagtäglich ein Stück deutsch-argentinische Freundschaft. Das gleiche gilt auch für die anderen deutschen Schulen in diesem Land, wie die Pestalozzi-Schule hier in Buenos Aires.

Was macht das Wesentliche einer solchen Begegnungsschule aus? Der tägliche Umgang miteinander, das gemeinsame Kennenlernen der anderen Kultur, die Freundschaften - all dies ist eine gute Sache für unsere gemeinsame Zukunft. Als einer, der die Schulzeit nicht vergessen hat, weiß ich, daß es vor allem auch die Freundschaften sind, die man hier schließt - Freundschaften, die oft ein Lebenlang währen.

Seit meinem ersten Besuch in diesem wunderschönen Land im Jahre 1984 hat sich vieles verändert - hier wie auch in Europa und bei uns zu Hause in Deutschland. Es gab seitdem in Lateinamerika einen beispiellosen Prozeß der politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung und Öffnung. In Europa haben wir nach dem Ende des Ost-West-Konflikts die Chance, unseren Kontinent zu einen und für die Menschen Frieden und Freiheit im nächsten Jahrhundert zu sichern.

Heute stehe ich vor Ihnen als Bundeskanzler des wiedervereinten Deutschlands. Ich überbringe unseren argentinischen Freunden, vor allem aber auch meinen deutschen Landsleuten hier in Argentinien die besten Grüße aus Deutschland. Wer die über vier Jahrzehnte währende Trennung unseres Volkes aus der Nähe erlebt hat, der weiß, was Mauer und Stacheldraht mitten in Deutschland bedeutet haben. Der kann auch verstehen, daß wir bei allen Problemen, die wir natürlich immer noch haben, für das Glück der Einheit sehr dankbar sind.

Ich möchte an dieser Stelle auch all jenen danken, die sich für die deutsch-argentinische Freundschaft einsetzen. Besonders nenne ich: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter deutscher Firmen, diejenigen, die im Bereich von Wissenschaft und Kultur, an den deutschen Schulen und in den Universitäten arbeiten, die Mitglieder der deutschen Vereinigungen, die Mitarbeiter der sozialen und karitativen Organisationen und die Verantwortlichen der "Deutschen Wohltätigkeitsgesellschaft". Mein Dank gilt auch den Vertretern der deutschen Unternehmen, der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer, den Angehörigen des Goethe-Instituts und nicht zuletzt den vielen, die in diesen Jahrzehnten an der Deutschen Botschaft gearbeitet haben. Ganz besonders begrüße ich die Mitglieder der deutsch-jüdischen Gemeinde in Argentinien, die heute unter uns sind.

Meine Damen und Herren, die deutsch-argentinischen Beziehungen reichen weit zurück in die Geschichte. Sie waren stets gut und herzlich. Bilaterale Probleme hatten wir im wesentlichen nie. Deutsche Einwanderer und ihre Nachkommen haben in diesem Land über die Jahrzehnte und Jahrhunderte eine wichtige Rolle gespielt. Diese Schule ist auch Ausdruck dieses guten Miteinanders.

Auf uns Deutsche hat Argentinien immer eine große Anziehungskraft ausgeübt: seine große Ausdehnung von den Subtropen des Nordens bis zum südlichen Eismeer, die hochragenden Kordilleren, die weiten und fruchtbaren Ebenen der Pampas, die ausgedehnten Seengebiete im Süden des Landes. Seine Größe, seine Schönheit, sein natürlicher Reichtum, aber auch seine Menschen - das alles hat viele von uns Deutschen immer wieder fasziniert.

Viele meiner Landsleute haben am Aufbau Ihres Landes mitgewirkt. Sie sind gute Argentinier geworden. Hierzu gehören nicht nur viele Kaufmannsfamilien, deren Namen bis heute in diesem Land einen guten Klang haben. Gleiches gilt auch für die zahlreichen Wissenschaftler, die nach Argentinien kamen. Deutsche Botaniker, Geologen, Mineralogen und Chemiker haben sich mit ihren Leistungen um den Aufbau von Instituten und Forschungseinrichtungen an argentinischen Universitäten verdient gemacht.

So begründete etwa der deutsche Gelehrte Hermann Burmester auf Anregung des argentinischen Präsidenten Sarmiento 1873 die naturwissenschaftliche Tradition an der Universität in Córdoba. Sie alle - ob Wissenschaftler, Kaufleute, Handwerker oder Bauern, aber auch Schriftsteller und Intellektuelle - wurden hier mit offenen Armen aufgenommen. Sie fanden eine neue Heimat und haben mitgeholfen, dieses großartige Land aufzubauen.

Zugleich haben sie aber auch vielfach an den Bindungen zur alten Heimat festgehalten und ihr kulturelles Erbe bewahrt. Sie bildeten und bilden damit eine lebendige Brücke zwischen unseren beiden Ländern. Dazu gehören nicht zuletzt die deutschen Schulen und eben auch diese Schule. Lateinamerika und vor allem auch Argentinien steht uns Europäern durch die gewachsenen historischen Bande und die vielfältigen Gemeinsamkeiten geschichtlich und geistig sehr nah. Unsere kulturellen Beziehungen stützen sich auf eine traditionelle Verbundenheit, die durch einen langen und fruchtbaren wechselseitigen Austausch entstanden ist. So ist bis heute beispielsweise unvergessen, daß der argentinische Rechtsgelehrte Quesada 1927 dem preußischen Staat eine Bibliothek überließ. Sie gilt als Keimzelle der Sammlung des 1930 in Berlin gegründeten Ibero-Amerikanischen Instituts.

Argentinische Filmwerke und Literatur erfreuen sich bei uns in Deutschland wachsender Beliebtheit. Musikkünstler wie Martha Argerich und Mauricio Kagel haben in Deutschland eine große und treue Anhängerschaft. Argentinien nimmt im Kulturaustausch Deutschlands mit Lateinamerika einen herausragenden Platz ein. Hieran haben die deutschen Schulen einen großen Anteil. Die Vermittlung der deutschen Sprache und Kultur ist und bleibt ein zentrales Element, damit sich die Menschen in unseren beiden Ländern noch näherkommen können. Gute Sprachkenntnisse sind gleichzeitig die Basis für rege Wirtschaftskontakte. Sie ermöglichen zudem einen fruchtbaren wissenschaftlichen Austausch.

Als ich in der vorletzten Woche in der Ukraine war, konnte ich dort - etwa an der Universität in Kiew oder in Odessa - verfolgen, wie sehr das Interesse an der deutschen Sprache zugenommen hat. Es ist gut, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß Deutschlernen und Deutschsprechen eine Sache der Geschichte, der Gegenwart, aber auch viel mehr der Zukunft ist. Dafür möchte ich auch hier werben.

Wir haben im Mai letzten Jahres das Lateinamerika-Konzept der Bundesregierung verabschiedet. Es setzt Schwerpunkte für die künftige partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern. So wollen wir künftig beim Ausbau pädagogischer Ausbildungszentren mithelfen und den Wissenschafts- und Studentenaustausch fördern. Wir wollen das deutsche Stipendienangebot attraktiver als bisher gestalten. Die Bundesregierung wird sich auch um partnerschaftliche Unterstützung seitens der Wirtschaft bemühen.

Meine Damen und Herren, Argentinien, Ihr Land, ist für uns Deutsche ein verantwortungsvoller Partner und Freund. Seine Politik der guten Nachbarschaft und sein Bemühen um Zusammenarbeit und Integration in der Region verdienen Anerkennung und Respekt. Im Bereich weltweiter Problemfelder wollen wir - die Deutschen - eng mit Argentinien zusammenarbeiten. Unsere beiden Länder können und werden - ein jeder nach seiner besonderen Verantwortung - die an sie gestellten Herausforderungen annehmen und bewältigen.

Gemeinsam mit unseren Partnern und Freunden in der Welt können wir unseren Beitrag zur Lösung der globalen Herausforderungen leisten: beim Kampf gegen Arbeitslosigkeit, gegen Armut und Unterentwicklung, gegen Drogenmißbrauch und gegen die zunehmende internationale Kriminalität. Vor allem aber - dies sage ich besonders den jungen Menschen hier - wollen und müssen wir dafür Sorge tragen, daß der Schatz der Natur, die Schöpfung, bewahrt und für kommende Generationen erhalten bleibt.

Kein Staat der Welt ist heute in der Lage, sich diesen Herausforderungen allein zu stellen. Nur gemeinsam - das kann man nicht oft genug unterstreichen - können wir letztlich erfolgreich sein. Wir sind froh, in Argentinien dabei einen bewährten und guten Freund zu haben. Sie können sich auch auf uns verlassen.

Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir, daß ich ein kurzes Wort an die Schülerinnen und Schüler der Goethe-Schule richte: Argentinien verfügt über ein großartiges Zukunftspotential. Ich meine damit nicht nur seine Bodenschätze und seine herrliche Natur, sondern vor allem auch seine Menschen. Auf Euch, auf die junge Generation, wird es vor allem ankommen. Es ist Eure Zukunft, um die es geht. Wer jetzt hier zur Schule geht - von den Sechsjährigen, die ich eben getroffen habe, bis zum Abiturienten - der hat noch einen weiten Lebensweg vor sich. Euer Leben wird Euch weit hineinführen in das 21. Jahrhundert. Es ist also auch Eure Sache, wie dieses Land hier einmal aussehen wird und die Welt, in der Ihr leben werdet, in der Ihr Kinder großziehen werdet. Ihr, die jungen Menschen hier und in Deutschland, in Lateinamerika und in Europa habt die Chance auf eine Zukunft in Frieden, Freiheit und Wohlstand. Dabei wird es vor allem auch auf Euren Beitrag ankommen dafür zu sorgen, daß die Menschen in unseren Kontinenten und weltweit auf einander zugehen und sich kennen- und verstehenlernen - daß Freundschaft entsteht.

Das ist eben nicht nur eine Sache von Politikern oder Diplomaten. Jeder von Euch kann etwas dafür tun. Der Namensgeber dieser Schule hat dies einmal ganz einfach ausgedrückt als er schrieb: " - Und jedes Gute, das Ihr tut, kommt vielen anderen auch zu gut." In diesem Geist können wir eine Welt des Friedens bauen, die eine gemeinsame Heimat für die junge Generation unserer Völker ist - für Argentinier und Deutsche, für die Menschen Lateinamerikas und Europas und für alle Menschen.

Als ich ins Gymnasium kam, war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Als ich fünfzehn war, war der Krieg zu Ende. Viele glaubten damals, es sei auch das Ende meines Vaterlandes gekommen. Ich habe erlebt, was Krieg, Not und Elend bedeutet haben. Ich habe aber auch erlebt, was die großartige Aufbaugeneration in unserem Volk nach dem Krieg geleistet hat.

Es ist wichtig, auf einem solchen Weg nicht nur an sich selbst zu denken, sondern auch für andere da zu sein. Es kommt auch darauf an, daß auch unser Nächster, unser Nachbar - auch jenseits von Staatsgrenzen - erfolgreich ist. Niemand kann heute von uns voraussagen, was in 100 Jahren sein wird, aber eines weiß ich gewiß und dies ist meine Botschaft an Sie: Wenn Sie mitmachen, wenn Sie nicht abseits stehen, wenn Sie Ihren Beitrag für Ihr Land leisten, dann wird dieses 21. Jahrhundert ein gutes Jahrhundert werden. Ich möchte Sie und uns einladen, in diesem Sinne zusammenzustehen. Ich wünsche Ihnen für Ihr Leben Glück und Gottes Segen.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 80. 11. Oktober 1996.