30. Oktober 1996
Rede anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Ateneo Universität Manila in Quezon City


Herr Universitätspräsident,

Eminenz,

meine Damen und Herren Professoren,

Exzellenzen, meine Damen und Herren

und vor allem: liebe Studentinnen und Studenten,

ich danke Ihnen allen für den herzlichen und freundschaftlichen Empfang, den Sie mir bereitet haben. Die Ehrendoktorwürde, die mir soeben verliehen wurde, empfinde ich als große Auszeichnung. Sie ist zugleich Ausdruck der Sympathie und Freundschaft zwischen dem philippinischen und dem deutschen Volk, dessen herzliche Grüße ich Ihnen überbringe.

Die Ateneo Universität gehört zu den angesehensten Hochschulen Ihres Landes. Sie hat mit ihrer Arbeit und ihrer Tradition wichtige Grundlagen für den Aufbau von Staat und Gesellschaft Ihres Landes geschaffen. Bedeutende Männer und Frauen haben an dieser Universität studiert - allen voran José Rizal, an dessen hundertsten Todestag in diesem Jahr vielfach erinnert wird.

Meine Damen und Herren, Deutschland und die Philippinen - das mag vielen gar nicht so bewußt sein - sind durch eine lange Zeit freundschaftlicher, vertrauensvoller Beziehungen eng verbunden. Der Handelsaustausch zwischen unseren Ländern geht weit zurück: Im Oktober 1836 brachte das deutsche Schiff "Alexander Barcklay" erstmals Waren von Deutschland hierher und aus den Philippinen nach Deutschland mit.

Heute ist Deutschland der größte europäische Handelspartner dieses Landes und damit für die Philippinen der größte Partner innerhalb der Europäischen Union. Wir wollen unsere Handels- und Wirtschaftsbeziehungen noch vertiefen. Dies ist ein Ziel unserer Gespräche. Die dynamische Entwicklung der hiesigen Wirtschaft wird bei uns mit Respekt und Anerkennung wahrgenommen.

Bei uns in Deutschland findet jedes Jahr die größte Industrieschau der Welt statt - die Hannover-Messe. Auf ihr steht jeweils ein Land mit seinen Industriegütern besonders im Mittelpunkt. Dies wird im nächsten Jahr Ihr Land sein. Wir freuen uns darauf. Ich bin sicher, Sie werden dort erfolgreich sein.

Meine Damen und Herren, aus unserer eigenen Erfahrung wissen wir, daß wirtschaftlicher Aufstieg nicht durch Wunder bewirkt wird. Er ist, wie in Ihrem Land auch, das Resultat mutiger politischer Weichenstellungen, vor allem aber des großen Engagements und Fleißes der Menschen.

Die Philippinen sind uns Deutschen nicht nur ein wirtschaftlich interessanter Partner, sondern vor allem auch ein guter, verläßlicher Freund in Südostasien. Wir Deutschen sind dankbar für diese Freundschaft. Gemeinsam wollen wir unsere Freundschaft pflegen und in vielen Bereichen noch enger gestalten als bisher - etwa bei der Förderung mittelständischer Betriebe oder bei der Berufsausbildung.

Meine Damen und Herren, Ihr Land leistet einen wichtigen Beitrag zu einer immer engeren Verständigung und Zusammenarbeit mit den Nachbarländern im Bereich der Staatengemeinschaft der ASEAN-Länder. Ich begrüße auch das philippinische Engagement, im Rahmen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftskooperation APEC zwei große Kraftzentren der Weltwirtschaft stärker zueinander zu bringen und zu verflechten. Es ist gut zu wissen, daß wir Deutsche mit den Philippinen einen Partner haben, der ebenso wie wir für die weltweite Durchsetzung des Freihandels eintritt.

Asien wird aller Voraussicht nach in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch an wirtschaftlicher Dynamik gewinnen. Die deutsche Bundesregierung hat sich mit ihrem vor drei Jahren verabschiedeten Asienkonzept auf die wachsende Bedeutung dieser Weltregion eingestellt. Mit einem Wort: Wir Deutsche wollen - gemeinsam mit unseren europäischen Partnern und Freunden - die Chance nutzen, die für unsere beiden Regionen in einer engeren Kooperation liegen.

Immer mehr Länder begreifen, daß Konfrontation, aber auch Isolation im Zeitalter der Globalisierung keinen Platz mehr haben. Dies gilt übrigens nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Jedes Land ist in der internationalen Politik gut beraten, Zusammenarbeit mit anderen zu suchen und auf Machtdemonstrationen zu verzichten.

Wohlstand und das Lebensglück des einzelnen und seiner Familie sind Voraussetzungen für soziale und politische Stabilität in einem Gemeinwesen - und damit auch für Frieden und Freiheit. Aus dieser Erfahrung und Überzeugung heraus betrachten wir Deutsche unsere Entwicklungszusammenarbeit als wichtigen Bestandteil einer Politik des Friedens. Alles, was hier getan wird, beispielsweise im Bereich des Ausbaus der Infrastruktur, ist eine sinnvolle Investition in eine gute Zukunft.

Gemeinsam mit unseren Partnern und Freunden in der Welt können wir unseren Beitrag vor allem auch zur Lösung globaler Herausforderungen leisten. Es geht um den Kampf gegen Armut, Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, gegen Drogenmißbrauch und gegen die zunehmende internationale Kriminalität. Wir wollen und müssen vor allem auch dafür Sorge tragen, daß der Schatz der Natur, die Schöpfung, bewahrt und für kommende Generationen erhalten bleibt. Sie ist uns von unseren Kindern und Kindeskindern nur leihweise anvertraut worden. Wir müssen sie in gutem Zustand weitergeben.

Meine Damen und Herren, über allen politischen und wirtschaftlichen Fragen sollten wir aber die kulturelle Dimension nicht aus den Augen verlieren. So wichtig Wirtschaft und Politik für die Bewältigung der Alltagsprobleme und für die Sicherung der Zukunft sind - uns verbindet mehr. Es ist die Sprache der Musik, von Malerei und Literatur, die Brücken schlägt zwischen den Völkern der Welt. Gerade in der Verschiedenartigkeit der Menschen und Kulturen liegt die verbindende Vielfalt, die wir brauchen, um schöpferisch und kreativ unsere Zukunft meistern zu können.

Der Reichtum Ihres Landes - der Philippinen - liegt in seinen Bodenschätzen, seinen guten Ernten und der Schönheit seiner Landschaften, seiner Inselwelt, den Reisterrassen, den Tropenwäldern, seiner faszinierenden Tierwelt und der Pflanzenwelt mit ihrer fantastischen, duftenden Blumenpracht. Ihr Land ist vor allem aber auch reich durch seine menschliche und kulturelle Vielfalt. Über Jahrhunderte hinweg unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt, hat es seine eigenständige philippinische Kultur geformt.

Ich denke dabei an die dichterische Kraft José Rizals, Bienvenido Santos, oder von Sionil José. José Rizal - der große Sohn dieses Landes, dessen Denkmal ich soeben besucht habe - hat diese Faszination und seine Liebe für sein Land und die Menschen hier in seinem Hauptwerk "Noli Me Tangere" eindrucksvoll beschrieben. Er bereiste Europa und studierte unter anderem in Madrid, Paris, Berlin und an meiner Heimatuniversität Heidelberg. Durch sein Studium und sein persönliches Erleben war er Europa eng verbunden. Zugleich galt seine Arbeit und sein Streben immer seinem Vaterland, den Philippinen. Rizal übersetzte, als er in Deutschland lebte, Schillers "Wilhelm Tell" in seine Landessprache - ein Drama über die Freiheit und über die nationale Unabhängigkeit.

Dieses Jahr 1996 bietet Anlaß zurückzublicken: Vor 100 Jahren begann der Freiheitskampf des philippinischen Volkes. Seit 50 Jahren ist Ihr Land unabhängig. Vor zehn Jahren kehrten Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zurück. In Europa blicken wir - vier Jahre vor der Jahrtausendwende - auf ein Jahrhundert zurück, wie es widersprüchlicher nicht hätte sein können. In zwei Weltkriegen haben sich die Menschen bekämpft, sich gegenseitig Zerstörung und Tod gebracht. Die nationalsozialistische Barbarei hat unermeßliches Leid über Europa gebracht. Auch die Menschen hier haben in jenen dunklen Jahren Schlimmes erdulden müssen. Gewaltherrschaft, Terror und Krieg haben vielen - hier und anderswo in Asien - das Leben gekostet.

Vor über 50 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Dann geschah in Europa etwas, was manchem auch heute immer noch wie ein Wunder vorkommt: Die Feinde von einst reichten sich die Hände. Aus bitterem Haß und tiefer Feindschaft entstanden allmählich gemeinsame Begegnungen, Gespräche, Verständnis, Vertrauen und schließlich Freundschaft.

Wir Deutschen erleben seither die längste Friedensperiode unserer jüngsten Geschichte. Heute bauen wir gemeinsam mit unseren Nachbarn und Freunden das Haus Europa. All dies wurde möglich durch den Friedenswillen jener Männer und Frauen, die Europa wieder aufgebaut haben. Wir wollen die Einigung Europas unumkehrbar machen, damit nie wieder junge Menschen in Europa in den Krieg ziehen müssen. Wir wollen, daß nie wieder Menschen nur wegen ihrer Nationalität oder ihrer Rasse ihr Haus, ihre Heimat verlassen müssen.

Von Zeit zu Zeit liest oder hört man die törichte Behauptung, bei der europäischen Einigung ginge es darum, einen europäischen Superstaat zu schaffen, der zudem alle kulturellen Besonderheiten einebne. Das ist nicht das Europa, das die Gründergeneration sich vor 50 Jahren erträumt hat. Das ist auch nicht das Europa, das ich mir vorstelle. Einheit in Vielfalt - das ist unsere Zukunft. Dieser Satz hat gerade auch in diesem Land einen besonderen Klang. Er entspricht unserer gemeinsamen Vorstellung von menschlicher Kultur. Politische, kulturelle, aber auch religiöse und konfessionelle Unterschiede in einem Land dürfen kein Grund für gewalttätige Auseinandersetzungen sein. Wir Deutschen haben uns sehr über das Friedensabkommen in Ihrem Land vor wenigen Wochen gefreut.

Meine Damen und Herren, alle dauerhaften Friedenswerke stehen im Dienst der kommenden Generationen. Deswegen möchte ich jetzt ein Wort an die Studentinnen und Studenten dieser Universität richten: Sie, die jungen Menschen, sind die Zukunft und die Hoffnung Ihres Landes. Alles, was jetzt geschieht, was jetzt entschieden wird, wird vor allem auch Ihr Leben prägen.

Gewiß, das Leben wird nicht immer leicht sein. Viele Herausforderungen werden Sie auf Ihrem Lebensweg erwarten. Sie werden Licht und Schatten auf diesem Weg erleben. Nicht alle Ihre Wünsche und Hoffnungen werden in Erfüllung gehen. Mit Mut, Tatkraft und Zuversicht können und werden Sie aber erfolgreich sein. Und Sie haben Grund - wie Ihre europäischen Altersgenossen auch -, mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen. Demokratie und Freiheit haben seit dem Ende des Ost-West-Konflikts einen beispiellosen Siegeszug angetreten.

Durch die Globalisierung der Märkte, durch die Internationalisierung der Produktionsstandorte und nicht zuletzt auch durch die Möglichkeiten der modernen Informationstechnik ist die Welt enger zusammengerückt. Entfernungen und Grenzen lassen sich leichter überwinden als je zuvor.

Nehmen Sie Ihre Chance wahr! Helfen Sie mit, bauen Sie mit an der Zukunft Ihres Vaterlandes! Das wünsche ich Ihnen von Herzen. Ich wünsche dieser Universität und allen, die hier lernen und lehren, viel Erfolg für ihre berufliche Zukunft und viel Glück auf ihrem Lebensweg. Lang lebe die deutsch-philippinische Freundschaft. Gott segne dieses Land.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 95. 25. November 1996.