8. November 1996
Ansprache anlässlich der Verleihung des Preises der Prinz von Asturien-Stiftung in Oviedo, Spanien


Majestät,

Königliche Hoheit,

Herr Stiftungspräsident,

Exzellenzen,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

in dieser traditionsreichen Stadt eine solch hohe Auszeichnung zu erhalten, ist eine große Ehre. Ich freue mich ganz besonders darüber, daß ich sie gemeinsam mit Adolfo Suarez erhalte.

Ich empfinde diesen Preis als persönliche Ermutigung. Er ist zugleich ein Ansporn für alle Menschen, die sich für die Sache Europas, für die Einheit unseres Kontinents einsetzen. Dafür möchte ich Ihnen danken. Zugleich danke ich Spanien im Namen aller meiner Landsleute dafür, daß es bei der Wiedervereinigung Deutschlands als treuer Freund an unserer Seite stand.

Als großes europäisches Land wird Spanien auch den Weg unseres Kontinents im 21. Jahrhundert maßgeblich mitprägen. Oviedo und Asturien sind Namen, die für eine einzigartige, geschichtsträchtige Kulturlandschaft Europas stehen. Durch diese Stadt verlief im Mittelalter eine der großen Straßen unseres Kontinents - der Jakobsweg.

Viele Pilger sind ihn gegangen, viele kamen auch aus meiner Heimat, der Pfalz. Sie sammelten sich dort in Speyer, einem der anderen großen Zentren jener Zeit. Von dort begaben sie sich auf ihre große Reise. Sie war nicht nur eine Reise im landläufigen Sinne, sondern bedeuteten auch innere Einkehr.

Pilgerstraßen wie der Jakobsweg erinnern uns daran, daß wir Europäer bei aller Vielfalt der Kultur gemeinsame Wurzeln haben. Europa ist nicht nur das großartige Aufbauwerk der letzten vier Jahrzehnte. Die Baupläne für unser Haus Europa, das wir jetzt bauen, sind älter. Die geistigen Ideen und Traditionen, die es begründen, verbinden uns alle.

Wir Europäer sollten uns deshalb häufiger auf unsere europä-ischen Traditionen, auf Querverbindungen und wechselseitige Einflüsse besinnen. Ich meine nicht nur die großen Meisterwerke der Literatur, der Musik, der Malerei oder die einzigartigen Baudenkmäler. Es geht mir vor allem um den Geist, der diese Kunstwerke prägt und der ihnen ihre Größe und Schönheit über Zeiten und Grenzen hinweg verleiht.

In diesem Geist fließen die Philosophie der Antike und des Humanismus ebenso zusammen wie die Rationalität der Aufklärung und vor allem natürlich die prägende Kraft des Christentums. Aus dem Bewußtsein für diese gemeinsamen Ursprünge entstand die europäische Idee. Zu ihr gehört auch ein zeitlos gültiges Wertesystem, mit dem wir eine humane Zukunft gestalten wollen. Es gründet auf der Einzigartigkeit des Menschen, auf der Achtung vor dem Leben, auf der Achtung von Menschenwürde und persönlichen Freiheitsrechten.

Meine Damen und Herren, im vergangenen Jahr haben wir des fünfzigsten Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkriegs gedacht. Das Jahrhundert, auf das wir heute - kurz vor der Jahrtausendwende - zurückblicken, könnte nicht widersprüchlicher sein. In zwei Weltkriegen haben sich die Menschen bekämpft, einander Zerstörung und Tod gebracht. Die nationalsozialistische Barbarei hat unermeßliches Leid über Europa gebracht.

Dann geschah etwas, das manchem auch heute noch wie ein Wunder erscheint. Die Feinde von einst reichten sich die Hände, aus bitterem Haß wurden Verständigung, Zusammenarbeit und Freundschaft. Der Bau des Hauses Europa hat viele überzeugende Gründe. Für mich ist entscheidend, daß wir im 21. Jahrhundert in Europa in Frieden und Freiheit zusammenleben und nie wieder in die Zeit der Barbarei zurückfallen, die wir hinter uns gelassen haben.

Wir wollen dieses Europa als wetterfestes Haus bauen. Unsere amerikanischen Freunde sollen ein dauerhaftes Wohnrecht darin haben. In unserem Europa sollen Meinungsverschiedenheiten nie wieder gewaltsam ausgetragen werden. Wir wollen keine "Festung Europa". Wir bauen unsere inneren Grenzen nicht ab, um sie nach außen um so höher zu errichten. Das wäre nicht das Europa, das ich mir vorstelle.

Europa hat auf Dauer eine gute Zukunft, wenn es offen für die Welt bleibt. Wir wollen Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn im Osten und auf der anderen Seite des Mittelmeers. Wir wollen Zusammenarbeit mit anderen Kontinenten. Ich denke besonders an Lateinamerika, dem wir uns eng verwandt und besonders verbunden fühlen.

Die Völker unseres Kontinents sind sehr verschieden. Einheit in Vielfalt ist unsere Vision von Europa. In beidem liegt ja das Geheimnis der Kraft Europas. Sein Reichtum an Kulturgütern und geistigen Entwicklungen ist eine wesentliche Grundlage menschlicher Schaffenskraft - und damit auch von wirtschaftlichem und politischem Erfolg.

Alles, was wir heute tun, tun wir in erster Linie für die junge Generation. Es geht um ihre Zukunft - gerade für sie wollen wir die Vision eines vereinten Europas verwirklichen. Denn ein solches Europa brauchen wir alle, um dauerhaft in Frieden und Freiheit zu leben.

Ihr großer Dichter Lope de Vega hat vor 400 Jahren geschrieben: "Das fernste Ziel auch ist dem erreichbar, der mit Klugheit hofft." Stellen wir Europäer uns dieser Aufgabe. Werden wir niemals müde, für das in Freiheit vereinte Europa zu kämpfen und zu arbeiten - für uns und für alle, die nach uns kommen.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 90. 13. November 1996.