29. Januar 1997
Ansprache anlässlich des Festaktes zum 100. Geburtstag von Ludwig Erhard in Bonn

Am 4. Februar 1997 wäre Professor Dr. Ludwig Erhard, Bundeswirtschaftsminister von 1949 bis 1963 und Bundeskanzler von 1963 bis 1966, 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass fand am 29. Januar im Hotel Maritim in Bonn ein Festakt statt.




Sehr geehrter Herr Staatsminister Jean-Claude Juncker,

Frau Bundestagspräsidentin,

liebe Familie Erhard,

meine Damen und Herren Abgeordnete,

Exzellenzen,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

ein ganz besonders herzliches Grußwort möchte ich zunächst an Karl Hohmann, den langjährigen, treuen Weggefährten von Ludwig Erhard, richten.

Ich begrüße Sie alle sehr herzlich zu dieser Festveranstaltung in Erinnerung an Ludwig Erhard. Ganz besonders heiße ich die vielen unter Ihnen willkommen, die noch mit Ludwig Erhard eng zusammengearbeitet, die ihm persönlich nahegestanden haben und ihn gut kannten. Viele von uns sind Ludwig Erhard im Laufe der Jahre und Jahrzehnte bei vielen Gelegenheiten begegnet, haben ihn kennen- und schätzengelernt und sind ihm und seinem Lebenswerk in besonderer Weise verbunden.

In wenigen Tagen - am 4. Februar 1997 - wäre Ludwig Erhard 100 Jahre alt geworden. Dies ist eine gute Gelegenheit, um innezuhalten und sich an diesen großartigen Mann, der unserem Vaterland gedient hat, zu erinnern. Gerade heute spüren wir alle, wie sehr sein Werk und sein Erbe größte Aktualität besitzen.

Die heutige Festveranstaltung bedeutet mehr als nur das Feiern eines runden Geburtstages. Ludwig Erhard war eine der großen Gründergestalten in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Er hat nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst in der Bizone, dann als erster Bundesminister für Wirtschaft und später als Bundeskanzler über mehr als eineinhalb Jahrzehnte hinweg den Wiederaufbau im freien Teil Deutschlands entscheidend mitgestaltet. Ohne ihn - das darf man sagen - wären der in unserem Land erreichte wirtschaftliche Wohlstand und soziale Friede undenkbar.

Es war, ist und bleibt das persönliche Lebenswerk und die große historische Leistung Ludwig Erhards, die Soziale Marktwirtschaft als Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung im freien Teil unseres Vaterlandes durchgesetzt und fest verankert zu haben. Wir, die Deutschen, haben ihm viel zu verdanken. Gerade heute, da wir uns an der Schwelle zum 21. Jahrhundert neuen, ungewohnten und großen Herausforderungen stellen müssen, sollten wir uns wieder stärker auf die Idee und - im Sinne Ludwig Erhards - auf die Werte der Sozialen Marktwirtschaft besinnen. Ludwig Erhard hat uns die Soziale Marktwirtschaft als Erbe und Auftrag, als eine bleibende Herausforderung für die Zukunft hinterlassen.

Deswegen ist es für uns und vor allem für mich eine ganz besondere Freude, daß ich Sie, lieber Herr Professor Hellwig, begrüßen kann, der Sie im besten Sinne des Wortes Weggenosse von Ludwig Erhard waren. Viele erinnern sich an Sie als einen der führenden Wirtschaftspolitiker der CDU in den Anfangsjahren der Sozialen Marktwirtschaft. Sie waren von 1953 bis 1959 Mitglied des Deutschen Bundestages und in der zweiten Hälfte dieser Jahre Vorsitzender dessen Ausschusses für Wirtschaftspolitik. Später haben Sie, zuletzt als Vizepräsident der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, mit begonnen, den Bau des Hauses Europa zu gestalten. Es war jene Zeit, in der die Fundamente der Sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik gelegt und gefestigt wurden.

Wie Ludwig Erhard haben auch Sie sich stets für das Ziel des wirtschaftlichen und sozialen Aufbaus unseres Landes eingesetzt. Gewiß - auch das wissen manche noch - waren Sie und Ludwig Erhard auf dem Weg dorthin nicht immer einer Meinung. Aber mit sachlichen Auseinandersetzungen über die geeigneten Wege und Mittel ist es möglich gewesen, gemeinsame Lösungen zu finden. Dies gehört - wie wir es verstehen - zum Wesen der offenen Meinungs- und Willensbildung in einer freiheitlichen Demokratie. Ich danke Ihnen, lieber Herr Professor Hellwig, sehr herzlich dafür, daß Sie heute aus Ihrem Erfahrungsschatz zu uns sprechen werden.

Meine Damen und Herren, wir werden im weiteren Verlauf des Festakts zunächst ein kurzes Video sehen, das uns an wichtige Stationen im Leben Ludwig Erhards erinnert. Danach wird Herr Professor Hellwig das Wort an uns richten. Im Anschluß darf ich Sie herzlich zu einem Empfang im Foyer einladen.

Zuletzt möchte ich noch eine ungewöhnliche Werbung machen. Wir haben uns überlegt, was man von diesem Tag und dieser festlichen Stunde - neben einer wegweisenden Rede unseres Hauptgastes - mit nach Hause nehmen kann. Wir haben uns entschlossen, ein Werk Ludwig Erhards neu aufzulegen, das den Menschen und Denker, den Theoretiker und Praktiker Ludwig Erhard in einem umreißt, nämlich seine Denkschrift von 1943/44 mit dem Titel "Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung", und dies in einer Faksimileausgabe. Dies ist ein Dokument von bleibendem Wert.

Wir finden, es ist angemessen, diese Auflage zu einem Preis wie zu Erhards Zeiten zu verkaufen, nämlich acht D-Mark. Der Erlös soll einen Studenten der Wirtschaftswissenschaften an Ludwig Erhards ehemaliger Hochschule unterstützen. Falls die Spende für mehrere Studenten ausreichen sollte - Ihrem Wohltun sind keine Grenzen gesetzt.

Wenn Sie diese Denkschrift zur Hand nehmen - das möchte ich hinzufügen -, dann sollten Sie auch einen Moment darüber nachdenken, was es bedeutet hat, daß Ludwig Erhard in einem Zeitabschnitt unserer Geschichte, in dem die brutale Diktatur der Nationalsozialisten wütete, im Vorfeld zum Attentat des 20. Juli 1944, das Wagnis auf sich genommen hat, all dies niederzuschreiben. Die Denkschrift war gedacht - und so ist es auch geschehen - als ein Denkanstoß und eine Unterstützung für die Männer vom 20. Juli. Die Denkschrift ging damals an Carl Goerdeler, der seinen Freunden noch vor seiner Verhaftung empfohlen hat, das Niedergeschriebene zu beherzigen und diesen Mann in Erinnerung zu behalten.

Es ist gut, daß wir mit dieser Denkschrift auch den Bogen der Geschichte schlagen, nicht nur zum Beginn der Bundesrepublik, sondern auch in jene finstere Zeit Deutschlands, in der aufrechte Männer und Frauen versucht haben, Zukunft zu denken und Zukunft zu gestalten.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 13. 12. Februar 1997.