13. April 1997
Rede anlässlich der Eröffnung der Hannover Messe 1997 in Hannover


Königliche Hoheit,
Herr Ministerpräsident,
Herr Oberbürgermeister, Exzellenzen,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
meine sehr verehrten Damen und Herren
und vor allem: verehrte Gäste aus dem Ausland,

I.

mein erstes Wort gilt Ihnen, Königliche Hoheit. Ich begrüße Sie sehr herzlich im Namen meiner deutschen Landsleute hier bei uns auf der Hannover Messe. Wir freuen uns, daß Sie unser Gast sind, und ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Ansprache. Gerne nutze ich die Gelegenheit Ihres Besuches bei uns in Deutschland, um Ihnen auch ganz persönlich für manche Geste freundschaftlicher Verbundenheit zu danken, die wir in vielen Jahren immer wieder von Ihnen erfahren haben. Dies war und ist nicht selbstverständlich, und um so größer ist unser Dank.

Sehr herzlich grüße ich unsere zahlreichen ausländischen Gäste, die aus Anlaß der Messe in diesen Tagen in Hannover sind. Ich grüße ebenso die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Messe AG sowie die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Hannover und des Landes Niedersachsen, und gratuliere Ihnen ganz herzlich zu einem besonderen Ereignis. Die Hannover Messe feiert in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Der Erfolg dieser Messe im vergangenen halben Jahrhundert hat viele Gründe. Ganz gewiß gehört dazu die gastfreundliche und offene Aufnahme, die Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt stets hier in Hannover gefunden haben. Mein Wunsch ist, daß sich dies auf die kommenden Jahre überträgt, besonders natürlich auf das Jahr 2000, wenn hier in Hannover die EXPO 2000 stattfindet.

Meine Damen und Herren, Großbritannien ist in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe. Dies ist ein guter Anlaß, über den Weg Deutschlands und Großbritanniens in diesem Jahrhundert nachzudenken, der nicht immer ein Weg der Gemeinsamkeit war. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert ist es deshalb wichtig, den Anspruch zu formulieren, daß Deutsche und Briten den Weg in die Zukunft gemeinsam gehen. Es ist für mich nicht vorstellbar, daß es ein tragfähiges Haus Europa geben kann, in dem die Briten nicht genauso ihre Wohnung haben wie wir, die Deutschen.

50 Jahre Hannover Messe - dies ist eine große Zeitspanne im Leben eines Volkes. Wir haben soeben im Eingangsfilm dieser Eröffnungsfeier die Bilder des kriegszerstörten Hannovers vor 50 Jahren gesehen. Das Jahr 1947 war die Stunde Null in der Geschichte der Deutschen, zwei Jahre nach der totalen Niederlage und zu einer Zeit, in der die Wahrnehmung Deutschlands in der Welt geprägt war durch die schändlichen Taten der Nationalsozialisten.

1947 - dies ist auch die Erinnerung an die persönlichen Schicksalsschläge, die die Menschen durchlitten haben: zerstörte Städte und Dörfer, Gefangenschaft, Flucht und Vertreibung. Zwei Drittel der heute lebenden Deutschen sind nach Hitler geboren und aufgewachsen. Gerade deshalb ist es so wichtig, an jene Gründergeneration zu erinnern, die damals unter schwierigsten Bedingungen mit Mut zur Zukunft, Leistungswillen und Fleiß ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen und Deutschland wieder aufgebaut hat. Heute tragen die Kinder und Enkel dieser Generation Verantwortung für unser Land. Ich kann und will nicht glauben, daß wir nicht mit ebensolcher Kraft und Leistungsbereitschaft die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen können.

Wir feiern in diesem Jahr nicht nur den 50. Geburtstag der Hannover Messe. Wir denken zugleich an die im positiven Sinne ungeheure Tat der damaligen Kriegsgegner, die uns vor einem halben Jahrhundert trotz der Schreckenstaten der Nationalsozialisten die Hand gereicht und uns wieder aufgenommen haben in die Gemeinschaft der Völker. Ich nenne ganz konkret den Oberbefehlshaber der britischen Besatzungsstreitkräfte, auf dessen Geheiß 1947 die erste Hannover Messe aus der Taufe gehoben wurde.

Ich denke natürlich auch an den Marshall-Plan, dessen 50. Jahrestag wir in diesem Jahr feiern. Die Amerikaner haben in großartiger Weitsicht und aus der bitteren Erfahrung nach dem Ersten Weltkrieg den Europäern und nicht zuletzt den geschlagenen Deutschen Hilfe geleistet. Romano Guardini, einer der großen Denker unseres Jahrhunderts, hat gesagt: Erinnerung, das ist die Dankbarkeit des Herzens. Bei allen Erfolgen und auch Sorgen der Gegenwart haben wir Anlaß, uns in Hochachtung und Dankbarkeit immer wieder an jene zu erinnern, die uns nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf die Beine geholfen haben.

II.

Meine Damen und Herren, die Hannover Messe ist heute die größte industrielle Leistungsschau der Welt. In diesem Jahr zeigen über 7200 Aussteller aus 70 Ländern modernste Maschinen und Anlagen. Die Hannover Messe war darüber hinaus immer auch ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen in der Welt, in Europa und in Deutschland. In knapp drei Jahren geht das 20. Jahrhundert zu Ende, ein neues Jahrtausend beginnt. Wenn wir, die Deutschen, jetzt - und dies gilt ebenso für viele andere in Europa - die Zeichen der Zeit nicht erkennen, haben wir vor der Zukunft versagt. Es muß jetzt gehandelt werden.

Wir müssen uns einstellen auf die zunehmende Globalisierung der Weltwirtschaft. Die Gewichte im Welthandel verschieben sich, andere Länder holen auf. Dynamische Volkswirtschaften in Asien und in Lateinamerika entwickeln sich zu ernstzunehmenden Konkurrenten. Auch vor unserer Haustür, in Mittel- und Osteuropa, wachsen - und dies ist eine erfreuliche Entwicklung - neue Wettbewerber heran. Tschechien, Polen und Ungarn, Rußland und die Ukraine, ich nenne nur diese Namen, befinden sich - jeder in seinem Tempo - auf dem Weg in Richtung Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft. Wir wollen, daß die Menschen in den Reformstaaten dabei erfolgreich sind, weil dies zugleich ein Werk des Friedens und der Freiheit in Europa ist.

Die Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen wird noch verstärkt durch den umwälzenden technischen Fortschritt zum Beispiel in der Informationstechnik. Entlegene Standorte gewinnen neue Anziehungskraft durch die Möglichkeit des sekundenschnellen Datenaustauschs rund um den Globus. Diese tiefgreifenden Veränderungen erfüllen viele Menschen mit Sorge, zum Beispiel um ihren Arbeitsplatz. Diese Sorgen müssen wir ernst nehmen. Das heißt vor allem, immer wieder mit den Menschen zu sprechen und sie auch auf die Chancen neuer Entwicklungen aufmerksam zu machen.

Neue Hochtechnologien, zum Beispiel der Telekommunikationsbereich, sind Wachstumsmärkte der Zukunft. Spitzenleistungen auf diesen Märkten sind mitentscheidend für moderne Arbeitsplätze von morgen und für die zukünftige soziale Stabilität unseres Landes. Dafür müssen wir heute die Voraussetzungen schaffen. Notwendige Entscheidungen dürfen nicht vertagt werden - auch nicht mit Hinweis darauf, daß im Herbst 1998 ein neuer Bundestag gewählt wird. Heute muß gehandelt werden! Ich will dies - nicht zuletzt deshalb habe ich vor wenigen Tagen meine Bereitschaft erklärt, mich auch in Zukunft sehr persönlich zu engagieren.

Meine Damen und Herren, die zentralen Herausforderungen, vor denen wir heute in Deutschland stehen, sind die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und das rechtzeitige Einstellen auf den tiefgreifenden demographischen Wandel in unserer Gesellschaft. Mit einem Wort: Wir müssen unseren Standort für das kommende Jahrhundert fit machen. Deutschland ist nach den USA die zweitgrößte Exportnation der Welt. Wir wollen auch in Zukunft einen Spitzenplatz halten.

Deutschland hat gute Voraussetzungen im internationalen Wettbewerb der Standorte. Wir haben eine ausgezeichnete Infrastruktur. Die Arbeitnehmer in Deutschland sind hochqualifiziert. Unser duales System der Berufsausbildung ist weltweit anerkannt. Ich möchte bei dieser Gelegenheit all denen danken, die in den vergangenen Jahren mitgeholfen haben, eine ausreichende Anzahl von Lehrstellen bereitzustellen. Ich verbinde dies mit der Bitte, diese Anstrengungen in den kommenden Jahren weiter zu verstärken. Die Zahl der Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen, wird noch bis zum Jahr 2005 steigen. Unternehmen, Gewerkschaften, Politik - alle sind gefordert, damit junge Frauen und Männer in Deutschland auch in Zukunft eine Lehrstelle erhalten, wenn sie dies wollen und die notwendigen Voraussetzungen erfüllen.

Der Standort Deutschland verfügt - auch dies ist ein wichtiger Pluspunkt für unser Land - über eine ausgewogene Wirtschaftsstruktur mit einem leistungsfähigen Mittelstand. In Deutschland herrscht wirtschaftliche Stabilität. Und wir haben ein gutes soziales Klima. Ich wünsche mir, daß bei aller Schärfe in der Auseinandersetzung, die gelegentlich notwendig ist, nicht vergessen wird, daß die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland der vergangenen 50 Jahre stets auch auf die Gesprächsfähigkeit der Sozialpartner gegründet war. Entscheidend ist es, miteinander und nicht übereinander zu sprechen. Auf dieser Basis haben wir eine gute Chance, die Herausforderungen der Zukunft in Deutschland zu meistern.

Die Wirtschaftsperspektive im Frühjahr 1997 ist positiv. Das Konjunkturklima erwärmt sich, wenngleich für manche - auch für mich - das Tempo noch zu gemächlich ist. Die positiven Auswirkungen des Frühjahrsaufschwungs auf den Arbeitsmarkt sind bislang unbefriedigend. Natürlich ist der Rückgang der Arbeitslosigkeit um 200000 Arbeitslose im März 1997 ein gutes Signal. Dennoch ist die Arbeitslosenzahl weiterhin inakzeptabel hoch.

Dies ist - das will ich bei dieser Gelegenheit klar und deutlich hinzufügen - kein Anlaß zur Resignation. Dringend benötigte neue Arbeitsplätze entstehen ganz gewiß nicht dadurch, daß wir uns in einen notorischen Pessimismus flüchten, der unsere Kräfte lähmt. Natürlich werden wir mehr Beschäftigung ebensowenig durch einen künstlichen Zweckoptimismus erreichen, der lediglich falsche Hoffnungen weckt. Wir werden unsere Probleme am Arbeitsmarkt lösen können, wenn wir realistisch unsere Chancen einschätzen und entschlossen die richtigen Konsequenzen ziehen.

Die anziehende Konjunktur wird die künftige wirtschaftliche Entwicklung in unserem Land positiv beeinflussen. Die meisten Konjunkturexperten erwarten 1997 ein reales Wachstum in ganz Deutschland von 2,5 Prozent. Der Aufschwung steht auf einem soliden Fundament. Mit einer jährlichen Inflationsrate von 1,5 Prozent haben wir faktisch Preisstabilität erreicht. Die Zinsen befinden sich auf einem historisch niedrigen Niveau - eine gute Voraussetzung für mehr Investitionen. Die Weltkonjunktur entwickelt sich lebhaft - dies wird unsere exportorientierte Wirtschaft beflügeln. Hinzu kommt, daß sich die exportbelastende D-Mark-Aufwertung vom Frühjahr 1995 inzwischen zurückgebildet hat.

Zu den positiven Entwicklungen in Deutschland zähle ich auch, daß die Tarifabschlüsse zuletzt mehr Rücksicht auf Wachstum und Beschäftigung genommen haben. Es bleibt die vorrangige Aufgabe aller für Beschäftigung Verantwortlichen, die Bedingungen für neue Arbeitsplätze weiter zu verbessern. Ich bekenne mich ausdrücklich zu dem gemeinsam mit Wirtschaft und Gewerkschaften im Januar 1996 vereinbarten Ziel, die Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2000 zu halbieren.

All denjenigen, die sich jetzt den Kopf darüber zerbrechen, ob man dieses Ziel erreichen kann, sage ich: Wir haben uns 1983 in der alten Bundesrepublik in einer ebenfalls schwierigen Situation auf den Weg gemacht und im Zeitraum bis 1992 insgesamt drei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Natürlich haben sich die Verhältnisse seither geändert, nicht zuletzt durch das Geschenk der Deutschen Einheit. Damals wie heute aber gilt: Nur wenn wir handeln, werden wir neue Arbeitsplätze gewinnen. Und ich füge mit Blick auf unser gemeinsames Ziel, die Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2000 zu halbieren, hinzu: Wenn die politisch verantwortlichen Kräfte keine Vorstellungskraft und keine Vision entwickeln, dann haben Sie vor der Zukunft versagt.

III.

Meine Damen und Herren, notwendige Reformen müssen jetzt durchgesetzt werden. Natürlich sind nicht alle Vorhaben populär, aber alle sind notwendig - und zwar ganz unabhängig davon, daß wir ein anderes wichtiges Ziel, die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion, anstreben. Das Fitmachen des Standortes Deutschland ist keine Frage der Stabilitätskriterien, sondern unverzichtbar für Arbeitsplätze und für eine gute Zukunft unseres Landes. Deshalb werden wir jetzt Punkt für Punkt die erforderlichen Entscheidungen herbeiführen.

Wir haben in den vergangenen Jahren zum Beispiel Genehmigungsverfahren für Investoren durchgreifend verkürzt und vereinfacht und die Privatisierung von Bahn und Post - die Grundlage für moderne Dienstleistungen in unserem Land - unwiderruflich auf den Weg gebracht. Vor vier Wochen hat die Bundesregierung ein Maßnahmenpaket zur Verstetigung beschäftigungsfördernder Investitionen beschlossen. Ziel ist es, kurzfristig Investitionen in einer Größenordnung von 25 Milliarden D-Mark zu mobilisieren. Wir wollen mehr Investitionen in die Wohnungswirtschaft anstoßen, und wir wollen, daß mittelständische Unternehmen stärker investieren. Ein weiterer Schwerpunkt des Programms ist es, vergabereife öffentliche Investitionen für die Verkehrsinfrastruktur und im Hochschulbau vorzuziehen. Dabei wollen wir zeitlich befristet private Finanzierungsmodelle erproben. Dieses Maßnahmenpaket ist kein Konjunkturprogramm nach überholtem Muster. Der Konsolidierungskurs im Bundeshaushalt wird nicht tangiert.

In diesen Tagen und Wochen stehen weitere wichtige Zukunftsentscheidungen für mehr Wachstum und Beschäftigung auf der Tagesordnung. Ein zentrales Vorhaben ist es, die Steuerlast für Bürger und Unternehmen zurückzuführen und die Investitionskraft der Betriebe zu stärken mit dem klaren Ziel, daß Leistung sich lohnt. Die investitions- und beschäftigungsfeindliche Vermögensteuer wird seit 1. Januar 1997 nicht mehr erhoben. Der nächste Baustein ist die große Steuerreform. Es geht darum, die Einkommen- und Körperschaftsteuersätze auf das niedrigste Niveau seit 50 Jahren zu senken. Wir wollen die Steuersätze in Deutschland damit gegenüber allen großen Industrieländern wettbewerbsfähig machen. Dies ist zuallererst ein großes Investitionsprogramm für mehr Wachstum und Arbeitsplätze in unserem Land.

Die Bundesregierung wird alles daransetzen, vor allem die unternehmensbezogenen Steuern schon ab 1. Januar 1998 zu senken. Ich bin dabei zu jedem Gespräch mit der SPD bereit. Entscheidend ist für mich, möglichst rasch Klarheit zu schaffen, weil dies die beste Voraussetzung dafür ist, daß Investitionen schnell getätigt werden und neue Arbeitsplätze so bald wie möglich entstehen. Jede Verzögerungstaktik lehne ich ab. Der Referentenentwurf der Bundesregierung für das Steuergesetz liegt vor. Das Bundeskabinett wird den Gesetzentwurf in diesem Monat beschließen und anschließend auf den Gesetzgebungsweg bringen.

Sofern es in den Gesprächen zwischen Bundesregierung und Opposition keine Einigung gibt, wird über die große Steuerreform in der zweiten Jahreshälfte im Vermittlungsausschuß von Bundestag und Bundesrat beraten werden. Dann wird sich zeigen, wer in Deutschland die notwendige Verantwortungsbereitschaft aufbringt. Ich wünsche mir, daß wir nicht diesen langen Weg gehen müssen, sondern bereits im Verlauf der nächsten Wochen, vielleicht erst während der eigentlichen Gesetzgebungsarbeit im Bundestag oder im Bundesrat, zu einer Entscheidung kommen.

Entscheidend für mich ist, daß es bei diesem zentralen Vorhaben für mehr Wachstum und mehr Arbeitsplätze zu keiner Verzögerung und auch zu keiner Verwässerung durch faule Kompromisse kommt. Bleibt die Steuerreform wegen der Mehrheitsverhältnisse in Bundestag und Bundesrat bis zum Schluß streitig, wird der deutsche Wähler das letzte Wort haben. Dieser Entscheidung werde ich mich dann stellen.

Meine Damen und Herren, das zweite große Vorhaben der Bundesregierung ist es, unser System der sozialen Sicherung auf eine dauerhaft tragfähige Grundlage zu stellen und die Lohnzusatzkosten langfristig zu begrenzen. Auch in diesem Bereich müssen die notwendigen Entscheidungen jetzt getroffen werden. Dabei erinnere ich daran, daß das Thema Lohnzusatzkosten nicht allein eine Angelegenheit des Gesetzgebers ist. Mehr als die Hälfte dieser Kosten beruht auf tarifvertraglich vereinbarten oder freiwilligen Leistungen der Unternehmen. Wer sich deshalb heute in der deutschen Wirtschaft über die Entwicklung der Lohnzusatzkosten beklagt, sollte sich gelegentlich einmal die Frage stellen, was er selbst in der Vergangenheit auf diesem Feld getan hat.

Der Altersaufbau unserer Bevölkerung wird sich in den nächsten Jahrzehnten dramatisch verändern. Es ist für mich immer wieder erstaunlich festzustellen, daß in dieser zentralen Frage für die Zukunft unserer Gesellschaft wichtige Fakten nicht ausreichend zur Kenntnis genommen werden. Tatsache ist: Deutschland gehört zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate in Europa. Daran wird sich in absehbarer Zeit nach aller Voraussicht wenig ändern. Die Zahl der Single-Haushalte ist in der Vergangenheit stetig gestiegen.

Darüber hinaus wächst der Anteil der älteren Menschen in unserer Bevölkerung. Heute leben in Deutschland 13 Millionen Menschen, die 65 Jahre und älter sind. Im Jahr 2030 werden es bereits 19 Millionen sein. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wird von heute 15 Prozent auf fast 26 Prozent dramatisch weiter steigen. Ich nenne ein weiteres einprägsames Beispiel: Die Zahl der Menschen, die 100 Jahre und älter sind, hat sich von gut 1000 im Jahre 1980 auf über 4500 im vergangenen Jahr mehr als vervierfacht.

Es ist unsere Pflicht, bereits heute die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Das heißt zum Beispiel, daß wir in unserem Gesundheitssystem eine dauerhaft tragfähige Balance zwischen unverzichtbarer Solidarität und notwendiger Eigenverantwortung herstellen und der auch in diesem Bereich anzutreffenden Mentalität des Trittbrettfahrens entschieden entgegentreten müssen. Das heißt ebenso, daß wir den Generationenvertrag in der Rentenversicherung auf die absehbare demographische Entwicklung einstellen müssen.

Zu den wichtigen Eckpunkten bei der Reform der Rentenversicherung zählt für mich, daß wir den Beitragszahlern in den kommenden Jahren eine kalkulierbare und tragfähige Belastung gewährleisten. Ebenso gehört für mich dazu, die lohn- und beitragsbezogene Rente für die Zukunft zu sichern. Wir haben - ich sage dies gerade mit Blick auf die Zeit vor 50 Jahren - an die damals 25jährigen zu denken, die die Last des Krieges und der Nachkriegszeit getragen haben. Ich denke dabei nicht zuletzt an diejenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in Frankfurt am Main, sondern in Frankfurt an der Oder gelebt und die volle Last der Teilung unseres Landes getragen haben.

Mit der zwingend notwendigen Reform der sozialen Sicherungssysteme wollen wir ein verläßliches Signal für Investoren geben, daß die Entwicklung der gesetzlichen Lohnzusatzkosten längerfristig begrenzt wird. Auch bei diesem Thema bekenne ich mich nachdrücklich zu dem Ziel, das Bundesregierung, Wirtschaft und Gewerkschaften ebenfalls im Januar 1996 vereinbart haben. Wir wollen die Summe der Sozialversicherungsbeiträge bis zum Jahr 2000 auf unter 40 Prozent zurückführen.

Natürlich weiß ich, daß dieses Ziel schwer zu erreichen ist. Allerdings werden wir es ganz gewiß nicht erreichen, wenn wir dieses Thema mit Hinweis auf bevorstehende Wahlen vertagen. Auf diesem Weg lösen wir keines unserer Probleme. Im Gegenteil: Wir verspielen kostbare Zeit. Viele unserer europäischen Nachbarn haben Reformschritte eingeleitet. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund werden wir jetzt in Deutschland das, was notwendig ist, anpacken und durchsetzen.

IV.

Meine Damen und Herren, ungeachtet aller ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir in Deutschland stehen, ist und bleibt das Wichtigste die Sicherung von Frieden und Freiheit in Europa. Frieden und Freiheit sind keine Selbstverständlichkeit. Vor sechs Jahren hätte niemand für möglich gehalten, daß es mitten in Europa, im ehemaligen Jugoslawien, wieder Krieg und Vertreibung geben könnte. Vor ein paar Jahren hätte auch niemand geglaubt, daß in Europa Verhältnisse wie im heutigen Albanien möglich sein würden.

Die Lehre aus diesen schlimmen Vorgängen muß lauten, alles zu tun, um Frieden und Freiheit im 21. Jahrhundert zu bewahren. Die Chancen dafür sind gut. Zum ersten Mal in der Geschichte der Deutschen haben wir gute und herzliche Beziehungen zu London und zu Washington, zu Paris und zu Moskau. Dies ist ein wichtiges Kapital, mit dem wir pfleglich umgehen sollten.

Deshalb treten wir Deutschen leidenschaftlich für den Bau des Hauses Europa ein. Vor 40 Jahren sind die Römischen Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft unterzeichnet worden. In wenigen Wochen, am 16. und 17. Juni 1997, werden wir beim Europäischen Rat in Amsterdam über den Maastricht-II-Vertrag und damit über eine Hausordnung für das Haus Europa entscheiden. Wir wollen, daß dort alle europäischen Völker ihren Platz haben.

Ein wichtiger Baustein für das Haus Europa ist die Vollendung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Ich sage gleich vorweg: Stabilitätskriterien und Zeitplan für die Einführung der gemeinsamen europäischen Währung stehen nicht zur Disposition, sie müssen eingehalten werden. Natürlich haben wir auf dem Weg dorthin - ebenso wie viele unserer europäischen Nachbarn - noch einige Hausaufgaben zu erledigen. Ich füge aber auch hinzu: Anstatt zu spekulieren, ob wir die Stabilitätskriterien erreichen, sollten wir jetzt das Notwendige tun, damit wir sie erreichen.

In diesem Zusammenhang beobachten wir, daß im Ausland zuweilen mit einem Anflug von Schadenfreude festgestellt wird, daß Deutschland Probleme hat. Dies, meine Damen und Herren, ist eine menschliche Reaktion auf das Verhalten mancher Deutschen - auch solcher in führenden Funktionen -, die sich bei diesem Thema gegenüber unseren europäischen Nachbarn in den vergangenen Jahren als Primus hervorgetan haben. Als Folge machen wir heute die Erfahrung, die wir alle aus unserer Schulzeit kennen: Wenn der Primus schlechte Noten heimbrachte, dann freute sich stets die ganze Klasse.

Wahr ist und bleibt natürlich: Die Stabilität der Währung ist für uns Deutsche nicht irgendein Thema, sondern von höchster politischer Bedeutung. Viele Deutsche haben in diesem Jahrhundert zweimal die Zerstörung ihrer Währung und den Verlust der gesamten Ersparnisse erlebt. 1948 ist die D-Mark eingeführt worden. Millionen Menschen aus allen Bereichen unseres Volkes haben hart dafür gearbeitet, daß die D-Mark allen Unkenrufen zum Trotz eine erfolgreiche und harte Währung wird.

Für viele in Deutschland ist die D-Mark zu einem nationalen Symbol geworden - ein greifbares Stück Deutschland, noch vor der Gründung der Bundesrepublik und noch bevor es Nationalflagge und Hymne gab. Das Verstehen dieser geschichtlichen Zusammenhänge ist der Schlüssel zum Verständnis dafür, daß wir Deutschen auf einer stabilen Währung bestehen.

V.

Meine Damen und Herren, wir haben alle Chancen, die Probleme, vor denen wir in Wirtschaft und Gesellschaft stehen, ungeachtet aller materiellen Schwierigkeiten zu lösen, wenn wir sie mit der richtigen inneren Einstellung angehen. Dazu gehört, daß wir uns stärker auf die Tugenden besinnen, mit denen die Gründergeneration unser Land nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut hat. In drei Jahren findet hier in Hannover die Weltausstellung EXPO 2000 statt. Dies ist eine großartige Chance, Deutschland auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert zu präsentieren - unser Deutschland, meine Damen und Herren.

Mein Wunsch ist es, daß unsere Besucher aus aller Welt Deutschland als Kulturnation, als Wirtschafts- und Wissenschaftsnation erleben, als ein Land, daß die Fähigkeit hat zur Menschlichkeit, zur internationalen Solidarität und zu großen Leistungen. Wir Deutschen haben die Kraft dazu. Ich erinnere an einen Satz von François Mitterrand, der nach der deutschen Wiedervereinigung gesagt hat: Es ist wahr, die Deutschen haben Probleme, aber sie wären nicht die wirklichen Deutschen, wenn sie diese Probleme nicht lösen würden.

Ich lade die deutsche Wirtschaft ein, die EXPO 2000 nicht nur mit Anregungen, sondern mit konkreten Taten zu unterstützen, damit diese Weltausstellung ein großer Erfolg für unser Land wird. Und ich richte an unsere ausländischen Gäste die Einladung: Besuchen Sie unser Land, und machen Sie sich ein eigenes Bild von einem zukunftsgewandten Deutschland auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert.

Ich wünsche allen Ausstellern und Besuchern der Hannover Messe 1997 viel Glück und vor allem geschäftlichen Erfolg. Hiermit erkläre ich die Hannover Messe 1997 für eröffnet.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 31. 28. April 1997.