14. Mai 1997
Rede anlässlich der Eröffnung des Neubaus der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main


Frau Oberbürgermeisterin,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
Herr Professor Lehmann,
meine sehr verehrten Damen und Herren
und vor allem: liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
der Deutschen Bibliothek,

dies ist ein großer Tag für die Deutsche Bibliothek, für das deutsche Geistesleben und für unser ganzes Land. Es ist ein Tag der Freude! Soeben haben wir das Gewandhaus-Bläserquintett Leipzig hören können. Auch das zeigt: Wir Deutsche haben - gemeinsam mit unseren Nachbarn in Europa und unseren Partnern in der Welt - allen Grund zu Dankbarkeit und realistischem Optimismus.

Mein Dank und mein Glückwunsch gelten heute vor allem jenen, die für den Neubau der Deutschen Bibliothek verantwortlich zeichnen, die den Mut zum Bau dieses Hauses aufbrachten und ihn auch gegen Kritik durchsetzten. Es war gewiß keine leichte Aufgabe, ein Haus für Bücher - wenn Sie so wollen: des lebendigen Geistes - zu gestalten. Das Werk spricht für sich. Es ist eine Demonstration für die Zukunft des Buches - übrigens auch für die Zukunft des Buchhandels.

Wir sind hier zusammengekommen, um den Neubau der Deutschen Bibliothek der Öffentlichkeit zu übergeben. Dieses Ereignis steht in einer besonderen Tradition: Vor fünfundachtzig Jahren wurde die "Deutsche Bücherei" in Leipzig, vor fünfzig Jahren die "Deutsche Bibliothek" hier in Frankfurt gegründet. Nach der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes haben sich beide Bibliotheken zu einer Einheit zusammengeschlossen, die man mit Fug und Recht - es gibt wohl kein besseres Wort dafür - als Nationalbibliothek bezeichnen kann.

Die Verbindung beider Bibliotheken mag zwar für die breite Öffentlichkeit kein spektakulärer Vorgang gewesen sein. Dennoch ist sie für die innere Einheit Deutschlands ein viel wichtigeres Signal als so manches Ereignis, das in den Schlagzeilen gestanden hat. Deshalb ist es gut, daß wir dieses Ereignis ganz besonders würdigen.

Mich beeindruckt vor allem das gute Einvernehmen und die enge kollegiale Zusammenarbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Frankfurt und Leipzig. Sie haben für viele andere ein Vorbild gegeben. Dafür danke ich sehr herzlich und nehme die Gelegenheit gerne wahr, gerade auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Leipzig meine herzlichen Grüße zu übermitteln.

Jeder der Standorte - Leipzig und Frankfurt - vertritt und wahrt seine Tradition, behält seine Identität und nimmt im Rahmen der Arbeitsteilung eigene Aufgaben wahr. So ist die Deutsche Bücherei zu einer Hochburg für die Erhaltung und Restaurierung von Büchern geworden. Es ist bemerkenswert, wie sie sich mit der Entwicklung neuartiger Verfahren auf diesem Gebiet weltweit einen Namen macht. Auch dadurch hat die Buchmessestadt Leipzig inzwischen wieder viel von ihrem alten Rang zurückgewonnen. Darüber freue ich mich sehr.

Der Neubau der Deutschen Bibliothek setzt einen Schlußstein in eine der zahlreichen Brücken, die wir gemeinsam bauen, um die Folgen der Teilung Deutschlands zu überwinden. Er erinnert nicht zuletzt daran - und das ist eine der großen, guten Erfahrungen unserer jüngsten Geschichte -, daß die kulturelle Einheit unserer Nation auch in den langen Jahren erzwungener Trennung nicht verlorenging. Ich habe damals bei meinen Auslandsreisen immer wieder erlebt, wie gerade dies meine Gesprächspartner weltweit bewegte. Mir ist unvergeßlich, wie der jüngst verstorbene Deng Xiaoping mir einmal die rhetorische Frage stellte, ob Goethe oder Schiller BRD- oder DDR-Deutsche seien. Dies in Peking zu hören, war für mich sehr ermutigend in einer Zeit, in der viele in Deutschland zur Resignation neigten.

Neben dem gemeinsamen Willen zur Einheit in Freiheit waren es die gemeinsame Sprache und Kultur, die uns Deutsche zusammenhielten. So ausgefeilt die Unterdrückungsmechanismen des SED-Regimes auch waren - gegen die Macht des Wortes konnten sie schließlich nichts ausrichten. Autoren wie Uwe Johnson, Reiner Kunze und Martin Walser nutzten die Kraft unserer gemeinsamen Sprache, um gegen den Ungeist der Diktatur und die gewaltsame Teilung Deutschlands zu protestieren. Sie haben damit eines der besten Kapitel deutscher Literaturgeschichte geschrieben.

Dieses Erbe, meine Damen und Herren, bleibt für uns eine wichtige Quelle, aus der wir für die Gestaltung der inneren Einheit Kraft schöpfen können. Es prägt auch in Zukunft unser Ansehen als große europäische Kulturnation und damit das Bild Deutschlands in der Welt.

Meine Damen und Herren, die Geschichte der Deutschen Bibliothek belegt wie kaum ein anderes Beispiel die Gültigkeit der Worte Goethes: "Eine Büchersammlung ist der Gegenwert eines großen Kapitals, das geräuschlos unberechenbar Zinsen spendet."

1848 tagte hier in Frankfurt die Nationalversammlung. Damals stellten die deutschen Buchhändler den Parlamentariern 4600 Bücher als Handbibliothek zur Verfügung. Es war eine demonstrative Geste der Ermutigung, der Ermunterung, im Geist von Einheit und Freiheit zu handeln. Es war die geistige Geburtsstunde der Deutschen Bibliothek: einer Nationalbibliothek, die heute in ihren Archiven über 15 Millionen Medieneinheiten - so heißt es auf Neudeutsch - verfügt. Mit diesem Neubau spannt sie jetzt den Bogen von Gutenbergs Buchdruck bis zur digitalen Informationswelt.

Die Frankfurter Deutsche Bibliothek ist zu einem Zentrum ausgebaut worden, das auch die vielfältigen Möglichkeiten modernster Kommunikationstechnologie nutzt. Die Bibliothekslandschaft ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und in der Welt um einen wichtigen Platz reicher.

Meine Damen und Herren, Sprache - so heißt es bei Aristoteles - macht offenbar, "was nützlich und schädlich, gerecht und ungerecht ist. Das gemeinsame Bewußtsein davon schafft erst Haus und Staat". Wir würden dies heute vielleicht anders formulieren. Aber wenn wir die Herausforderungen unserer Zeit bestehen wollen, ist diese Feststellung für uns von größter Bedeutung. Sie gilt im herausragenden Maße für das geschriebene und gedruckte Wort.

Der Buchdruck war eine entscheidende Voraussetzung für die Entstehung und Verbreitung der modernen Schriftsprachen - und damit auch für die Entstehung des modernen Nationalbewußtseins. Eines der berühmtesten Beispiele hierfür ist Martin Luthers Übersetzung der Bibel ins Deutsche. Johannes Gutenbergs Erfindung war zugleich auch wesentliche

Voraussetzung für die Entwicklung bürgerlichen - heute würden wir eher sagen: freiheitlichen - Selbstbewußtseins und damit nicht zuletzt des demokratischen Gedankens. Ehedem exklusive Informationen waren jetzt schnell und einfach verfügbar - und zwar in der eigenen Landessprache. So wurde neues Wissen öffentlich und konnte breite Wirkung entfalten. Man konnte es diskutieren und kritisch überprüfen. Gleichzeitig erweiterten sich die Möglichkeiten zum Austausch von Ideen über große Entfernungen hinweg.

Meine Damen und Herren, seit jeher sammeln, ordnen und bewahren die Menschen das schriftlich fixierte Wort. Unabhängig davon, ob es in Tontafeln geritzt, auf Papyrus, Pergament oder Papier geschrieben oder gedruckt wurde, ob es Verwaltungszwecken oder dem philosophischen Diskurs diente - immer gab es besondere Orte, die dieses Gut beherbergten.

So verstanden - und das gilt auch für dieses Haus - ist eine Bibliothek nicht etwa eine Lagerstätte für tote Buchstaben. Die Alten Ägypter nannten sie "Haus des Lebens". Treffender läßt sich dieser Ort wohl nicht bezeichnen, denn hier wird das Leben gleichsam festgehalten, hier kann man es in Ruhe studieren, hier tritt man in geistige Verbindung mit Autoren, von denen man sonst durch Jahrhunderte oder unüberwindliche Distanzen getrennt wäre. Bibliotheken waren und sind gleichsam das Gedächtnis der Menschheit. Ohne das Sammeln und Ordnen von Erkenntnissen blieben wir geschichtslos. Es gibt kaum etwas Schlimmeres, das einem Volk oder einer Generation passieren kann.

Seit mehr als 3000 Jahren gelten die großen Bibliotheken als Ausdruck und elementarer Bestandteil der Hochkultur. Wir kennen die großen internationalen Beispiele. Immer waren Bibliotheken der Stolz großer Zivilisationen. Die Zerstörung von Bibliotheken - etwa durch Feuersbrunst - prägte sich in das Gedächtnis der Völker stets als besondere Katastrophe ein. Bibliotheken waren und sind auch Kristallisationspunkte nationaler Identität. Hier findet Sprache einen umfassenden Resonanzboden. Hier lebt Kultur im Rhythmus der Vergangenheit, aber auch im Takt der Gegenwart - hier läßt sich etwas von der Melodie der Zukunft erahnen.

Im Laufe der Geschichte sind Bibliotheken geplündert, ihr Bestand gestohlen oder unliebsame Bücher aus ihnen entfernt worden. Häufig haben sich Herrscher aus Angst vor der Macht des geschriebenen Wortes auch gegen das Buch versündigt. In der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur wurden deutsche Buchbestände auf schlimmste Art dezimiert. Sicherlich ist vielen Älteren hier im Saal - auch mir - noch gegenwärtig, wie in ihrer Stadt Bücher verbrannten. Nicht nur wichtige Bücher wurden entfernt, auch namhafte Bibliothekare wurden ihrer Ämter enthoben. Schließlich bewahrheitete sich auf schreckliche Weise das Wort Heinrich Heines, daß dort, wo man Bücher verbrennt, am Ende auch Menschen verbrannt werden.

In den Jahrzehnten der SED-Diktatur mußten wir miterleben, wie Bücher in den Giftschränken des totalitären Überwachungsstaates verschwanden, weil man die Sprengkraft des freiheitlichen Gedankens fürchtete. Viele haben heute schon vergessen, wie gefährlich es war, Bücher oder Zeitschriften über die Grenze in die damalige DDR zu bringen. Das ist nicht einmal zehn Jahre her! Schriftsteller und Publizisten wurden schikaniert und in ihrer Würde verletzt. Der freiheitliche Geist - der nicht zuletzt in Form des gedruckten Wortes Gestalt annimmt und erfahrbar wird - wurde beschnitten, wo es nur ging. Meine Damen und Herren, in solchen Situationen schärft sich der Blick für das, was zwischen den Zeilen steht. Bücher werden dann zu Stätten geistiger Zuflucht - und oft auch zu Nischen, um dem Alltag zu entfliehen.

Ich selbst erinnere mich noch gut, daß in den entbehrungsreichen Jahren unmittelbar nach dem Krieg Bücher für uns zu einer wichtigen Orientierungshilfe wurden. Ich weiß noch sehr genau, wie ich damals als Schüler der Mittelstufe Eugen Kogons "SS-Staat" in die Hand bekam - übrigens in einer Drucktechnik, die heutigen Ansprüchen bestimmt nicht mehr genügen würde. Wir jungen Leute haben dieses Werk förmlich aufgesaugt, weil dort etwas niedergelegt war und dargestellt wurde, was wir nur zum Teil erahnten, von dem wir aber nicht wirklich Genaues wußten.

Im zerstörten Nachkriegsdeutschland war die Gründung der Deutschen Bibliothek in Frankfurt ein Signal, ein weithin sichtbares Zeichen für den Fortbestand der deutschen Kulturnation. Vor allem aber stand sie für den demokratischen Neubeginn: Eine freiheitliche Demokratie lebt davon, daß jeder Bürger jederzeit ungehinderten Zugang zu Informationen und Wissen hat. Ohne diese Möglichkeit erlahmen auch die schöpferischen, die innovativen Kräfte einer Gesellschaft.

Die Deutsche Bibliothek hat sich schon bald nach ihrer Gründung der deutschen Exilliteratur in besonderer Weise angenommen. Dies war nicht nur ein Akt der Wiedergutmachung für zuvor verfemte Autoren, Künstler und Wissenschaftler. Es lag und liegt im vitalen Interesse der deutschen Kultur, zu der diese Frauen und Männer so viele wichtige und wertvolle Beiträge geleistet haben. Die Deutsche Bibliothek verfügt heute über eine der herausragenden Sammlungen dieser Literatur und ist auf diesem Felde ein weltweit renommiertes Forschungszentrum, das immer weiter ausgebaut wird. Allein im letzten Jahr wurden dem Archiv über zwanzig Nachlässe aus den Vereinigten Staaten eingegliedert.

Ich möchte Sie, Herr Professor Lehmann, gerade für den weiteren Ausbau des Exilarchivs meiner besonderen Unterstützung versichern. In ein, zwei Jahrzehnten werden wir in diesem Bereich viel weniger Möglichkeiten haben. Deswegen möchte ich Sie ausdrücklich ermutigen, auch bei knapper Finanzlage - vielleicht durch Umschichtung - die jetzige Chance wahrzunehmen.

Meine Damen und Herren, fünfzig Jahre in Frieden und Freiheit haben - trotz aller Sorgen um wirtschaftlichen Wohlstand und soziale Sicherheit - die Rahmenbedingungen für eine nie dagewesene Ausweitung des Büchermarktes geschaffen. Von 1947 bis 1997 stiegen die Bestände der Deutschen Bibliothek allein hier in Frankfurt auf fast sieben Millionen Medieneinheiten an. Heute verzeichnet die Deutsche Bibliothek einen täglichen Zuwachs von rund 1000 Titeln. Nicht nur diese enormen Mengen, auch die revolutionären Veränderungen bei den Informations- und Kommunikationstechnologien stellen dieses Haus vor neuartige Herausforderungen.

Audiovisuelle und elektronische Medien haben in unser Leben Einzug gehalten. Die Arbeitsprozesse verändern sich dramatisch, und die Informationsdichte nimmt zu. Informationen, für die vor Jahren noch eine langwierige Suche in Archiven erforderlich war, sind heute in Sekunden zugänglich. Zahlreiche - vor allem wissenschaftliche - Veröffentlichungen werden nicht mehr in gedruckter, sondern nur noch in digitaler Form angeboten.

Bibliotheken werden auch in Zukunft Bücher sammeln, ordnen und für die Nachwelt erhalten. Gleichzeitig müssen sie ihre Funktion erweitern, wollen sie auch für kommende Generationen "Häuser des Lebens" bleiben. Sie werden dabei verstärkt zu Vermittlern von Informationen - zu großen Dienstleistungsunternehmen.

Die Deutsche Bibliothek hat mit diesem Neubau die große Chance erhalten, ihren Erfolg für die Zukunft zu sichern. Sie stellt sich neuen Entwicklungen, indem sie jetzt auch digitale Veröffentlichungen archiviert. Dieses Haus ist ein Signal, daß wir gemeinsam den Weg in die Informationsgesellschaft des dritten Jahrtausends gehen. Die Deutsche Bibliothek ist Mitglied der virtuellen Europäischen Bibliothek, die über das Internet abrufbar ist. Auf diese Weise leistet sie auch einen Beitrag zur Integration in Europa und zum weltweiten Dialog der Kulturen. Ich denke, damit übernimmt die Deutsche Bibliothek auch eine neue und wichtige kulturhistorische Funktion.

Die Deutsche Bibliothek ist mit ihrem technologischen Standard den großen europäischen Bibliotheken ebenbürtig. Paris und London haben Neubauten für ihre Buchbestände errichtet. Heute reiht sich Frankfurt in den Reigen dieser Neueröffnungen ein. Das bedeutet nicht nur, daß auch Deutschland nun über eine nationale Bibliothek mit einem repräsentativen Gebäude verfügt. Es bindet die Bundesrepublik Deutschland zudem in ein internationales Netz der großen europäischen Bibliotheken ein. Für die Stadt Frankfurt am Main, die ja auch Sitz der Europäischen Zentralbank sein wird, bedeutet dies einen weiteren Schritt beim Ausbau ihrer Stellung als eine der großen Metropolen unseres Kontinents.

Mir, Frau Oberbürgermeisterin, gefällt Ihr Hinweis sehr gut: Die Banken sind natürlich wichtig, ebenso ist es wichtig, daß die europäische Währungsunion, der Euro kommt. Aber wir hätten auf Sand gebaut, wenn wir dabei die Bücher und die kulturelle Dimension unseres alten Europa vergäßen. Beides gehört notwendigerweise zusammen. Wenn ich das als einer, der ein Jahr in Frankfurt studiert hat, einmal so persönlich sagen darf: Die Vorstellung, daß man in dieser Stadt zwischen dem Gebäude der Europäischen Zentralbank und der Deutschen Bibliothek hin- und herlaufen kann, regt zu vielen erfrischenden Ideen für die Zukunft an.

Meine Damen und Herren, für die großen Bibliotheken in der Europäischen Union ist es selbstverständlich, daß auch Mittel- und Osteuropa in die neue Kooperation einbezogen werden. Das möchte ich hier besonders hervorheben. Wir müssen alles tun, daß dieses Europa nicht das Europa des Westens ist und bleibt, sondern daß Mittel- und Osteuropa dazugehören. Man kann gar nicht oft genug sagen, daß wir dies auch in unserem Sprachgebrauch stärker berücksichtigen müssen: Eine Stadt wie Krakau liegt eben nicht in Ost-, sondern in Mitteleuropa.

Gelehrte, Forscher und Leser können heute in ganz Europa über die Bibliotheken miteinander in Verbindung treten. Es entsteht eine Art übernationale Republik des Geistes, in der es keine trennenden Grenzen mehr gibt. Die Deutsche Bibliothek gestaltet diese Entwicklung aktiv mit. Wenn man es recht bedenkt, ist das, sehr geehrter Herr Hoffmann, im besten Sinne auch ein sehr praktisches Beispiel gelebter Auswärtiger Kulturpolitik.

Meine Damen und Herren, "Einheit in Vielfalt" ist das Leitmotiv, unter dem wir jetzt das Haus Europa bauen. Denn die nationale und regionale Vielfalt ist die eigentliche Stärke Europas. Diese Vielfalt kommt auch im engen Verbund der europäischen Bibliotheken zum Ausdruck, und zwar in verschiedenen Organisationsstrukturen, in der Wahl der Standorte und in der Architektur der nationalen Bibliotheken.

Unsere französische Freunde etwa haben ihre Nationalbibliothek in ihrer Hauptstadt Paris errichtet. Etwas anderes wäre dort überhaupt nicht denkbar. Das neue Haus der Deutschen Bibliothek steht in Frankfurt - nicht in der Hauptstadt Berlin. Zudem ist sie in Leipzig mit der Büchersammlung der Deutschen Bücherei und in Berlin mit dem Musikarchiv - das der Deutschen Bibliothek angeschlossen ist - vertreten.

Diese räumliche Trennung ist auch ein klares Bekenntnis zum föderalen Charakter Deutschlands. Das ist eine Besonderheit, die in manchen Alltagsfragen Mühe macht - das muß man ehrlich einräumen -, sie darf aber auf keinen Fall verlorengehen. Sie entspricht der geistig-kulturellen Tradition unseres Landes und damit dem Geist, der Mentalität, der Tradition und der Geschichte unserer Landschaften und Regionen, die in ihrer ganzen Vielfalt aus der gemeinsamen deutschen und europäischen Wurzel Kraft ziehen.

Europa, meine Damen und Herren, ist nicht nur das großartige Aufbauwerk der letzten vier Jahrzehnte. Der Grundriß für unser gemeinsames Haus ist viel älter. Die Ideen und geistigen Traditionen, die sein Fundament bilden, verbinden uns alle: die Philosophie der Antike und des Humanismus, die Rationalität der Aufklärung und vor allem natürlich die prägende Kraft des Christentums.

Es war gut und richtig - wir als Deutsche haben uns maßgeblich dafür eingesetzt -, daß im Maastrichter Vertrag der sogenannte Kulturartikel verankert wurde. Er ist zu Recht so ausgestaltet, daß die traditionellen Träger und Verantwortlichen der Kulturpolitik - entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip - gestaltende Kraft sind und bleiben: die einzelnen Mitgliedstaaten - bei uns vor allem die Länder -, die Regionen und Gemeinden. Ich wünsche mir sehr, daß sich möglichst viele der entscheidenden Aufgabe europäischer Kulturpolitik verpflichtet fühlen, nämlich - wie es im Text des Vertrages heißt - der "Verbesserung der Kenntnis und Verbreitung der Kultur und Geschichte der europäischen Völker".

Auch und gerade in einer Zeit großer wirtschaftlicher Herausforderungen sollten wir Europäer uns auf unsere gemeinsamen europäischen Traditionen und wechselseitigen Einflüsse besinnen. Gerade am Ende dieses Jahrhunderts, das so viel Not, Elend und Trauer sah, sollten wir uns daran erinnern, daß diese gemeinsamen, europäischen Wurzeln unseren Völkern nicht nur Glanz, sondern ganz einfach Glück geschenkt haben. Es gibt kaum einen Ort, an dem dieser geistig-kulturelle Reichtum so konzentriert anzutreffen ist wie in einer großen Bibliothek! Auch dort gibt übrigens der Umgang mit dem Buch die Möglichkeit zu einem besonders rücksichtsvollen Umgang der Menschen miteinander. Das können Sie sogar in der Bundestagsbibliothek spüren, meine Damen und Herren; es ist eine sehr eindrucksvolle Erfahrung.

Meine Damen und Herren, angesichts der interessanten Möglichkeiten, die die neuen Medien bieten, mag mancher an der Zukunft des Buches zweifeln. In solchen Befürchtungen offenbart sich ein Kulturpessimismus, den ich nicht teile. Alle moderne Informationstechnologie, die wir und auch ich bejahen, die wir brauchen, wird uns die Chance nicht nehmen, uns mit einem Buch zurückzuziehen. Wir kennen aus jungen Jahren die elterliche Aufforderung, endlich zu schlafen, statt noch im Bett zu lesen. Aber da gibt es ja auch noch die Möglichkeiten einer Taschenlampe . . . Manche - das können Sie im Parlament und anderswo beobachten - lesen nach Schülerart unter der Bank, weil sie das über der Bank Gebotene als nur schwer erträglich empfinden. Dies zeigt doch, daß der Umgang mit dem Buch nicht der Umgang mit etwas Totem ist, sondern daß einen aus den Seiten, die man liest, das Leben anspricht.

Ich glaube an die Zukunft des Buches, weil - unabhängig von anderen Entwicklungen - die Bücher ihren Eigenwert behalten. Nach wie vor steht fest: Bücher bieten mehr als Information. Sie vermitteln ein Gefühl, eine Beziehung - eine Atmosphäre. Vielleicht werden manche zum Beispiel die großen Werke der Weltliteratur auch einmal am Bildschirm abrufen - vielleicht bin ich zu altmodisch, um das zu begreifen -, aber ich bin ganz sicher: Wenn die Menschen für sich allein sein wollen, werden sie zum Buch greifen.

Das Buch ist ein geistiger Partner des Menschen, der ihm fremde Welten erschließt. Jeder zieht aus einem Buch seine ganz eigenen, individuellen Schlüsse - liest es im eigenen Rhythmus. Er ist unabhängig von Hardware, Software, elektronischem Netzwerk. Er braucht eben das Buch - und darüber hinaus nicht mehr.

Ich will jedoch nicht leugnen, daß das Lesen für manche schwieriger geworden ist. Infolge manch törichter Reform im Bereich des Bildungswesens werden unseren Kindern häufig zu wenig Chancen geboten zu lesen. Es fällt vielen schon in der Kinderzeit schwer, sich auf ein Buch zu konzentrieren. Deshalb halte ich es für verdienstvoll, daß eigene Organisationen aufgebaut werden, um wieder für das Lesen zu werben. Ich finde, wenn wir von diesem Haus, dieser Bibliothek und der heutigen Erfahrung etwas weitergeben, dann kommen wir dabei wieder ein Stück voran.

Vielleicht, meine Damen und Herren, haben wir in der Vergangenheit manchmal zu sehr die Nützlichkeit des Lesens betont, um dem Buch neue Freunde zu gewinnen. Für die Zukunft kann vielleicht als Merksatz gelten: Der Computer ist nützlich, das Buch ist schön. "Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt", sagt eine arabische Weisheit. Wenn Sie sich in diesem Hause umschauen, wissen Sie: Dieser Garten ist in Deutschland, in Europa und in der Welt voller Pflanzen, die tief in der Erde wurzeln und ihre Blüten weit in den Himmel recken. Ich finde, dieses Bild paßt sehr schön zu der Vorstellung, daß Bibliotheken "Häuser des Lebens" sind!

Meine Damen und Herren, dieses Haus ist für die Zukunft gebaut. Es wahrt die Tradition der Buchkultur und schreibt sie gleichzeitig fort. Das wichtigste, zukunftsweisende Merkmal dieses Gebäudes ist denn auch seine Vielseitigkeit im Hinblick auf neue Bedürfnisse.

Ich sagte es zu Beginn und wiederhole es: Bibliothekare, Architekten und Ingenieure, die Bauleute und alle, die mitgewirkt haben, haben hervorragend zusammengearbeitet. Gemeinsam haben sie ein modernes Gebäude geschaffen, das ein Zentrum des kulturellen Lebens ist und das uns - wie ich hoffe - den Weg in ein friedliches und glückliches 21. Jahrhundert weist. All denen, die dazu beigetragen haben, noch einmal ein Wort des Dankes. Von Herzen Gratulation!

Ich wünsche, daß dieses Haus, der Neubau der Deutschen Bibliothek, in vielen Jahrzehnten den Menschen, die hier ein- und ausgehen, die hier arbeiten, ein Buch suchen, Informationen erhalten wollen, in einer guten und friedlichen Zeit dient. In diesem Geist und mit allen guten Wünschen erkläre ich den Neubau der Deutschen Bibliothek für eröffnet!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 42. 28. Mai 1997.