15. Mai 1997
Dankesrede anlässlich der Verleihung des Leo-Baeck-Preises 1997 des Zentralrates der Juden in Deutschland in Bonn


Frau Bundestagspräsidentin,
Herr Ministerpräsident,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
Exzellenzen, lieber Herr Bubis,
ein besonders herzliches Wort des Dankes möchte ich
gleich vorweg an Sie, lieber Lord Weidenfeld, richten!

Dies ist für mich ein bewegender Augenblick. Ich bin mir bewußt, was es bedeutet, mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet zu werden. Dem Zentralrat der Juden in Deutschland danke ich sehr herzlich für diese hohe Ehrung. Ich danke ganz besonders Lord Weidenfeld, der aus London hierher gekommen ist, um die Laudatio zu halten.

Für Leo Baeck, nach dem der Preis benannt ist, habe ich schon immer große Bewunderung empfunden. Sein Name steht für viele Jahrhunderte lebendiger jüdischer Tradition in Deutschland. Bis in die Gegenwart hinein wirkt seine Lehre weiter - nicht zuletzt durch seine Schüler, von denen ich hier stellvertretend Nathan Peter Levinson, Ernst Ludwig Ehrlich und Albert Friedlander erwähnen möchte.

Leo Baeck setzte sich mit den geistigen Strömungen seiner Zeit auseinander, ohne sich dem Zeitgeist anzupassen. Immer wieder erklärte er, daß Nonkonformismus zum Wesen des Judentums gehöre. Seine Glaubwürdigkeit beruhte nicht zuletzt darauf, daß er diese Standfestigkeit selbst vorlebte und verkörperte. Seine geistige Weite und Offenheit, seine Treue zu sich selbst und den eigenen Überzeugungen, seine Menschlichkeit auch in extremen Herausforderungen und Situationen der eigenen Existenz - all dies macht ihn zum Vorbild für jeden von uns.

In seinen Schriften und in seinem Handeln begegnet uns eine tiefe Humanität. Sie ist mehr als nur der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens und verschiedener Überzeugungen: Sie entspringt der Liebe zum Nächsten.

Von Leo Baeck stammt der wunderbare Satz: "Der Mensch soll am Mitmenschen den Namen Gottes heiligen." Nächstenliebe, wie er sie verstanden und gelebt hat, steht auf dem Fundament der Gottesliebe. Deshalb verbleibt sie nicht in der Sphäre des Unverbindlichen. Durch sein eigenes Tun legte er Zeugnis dafür ab: In Theresienstadt war er als Seelsorger da für alle Häftlinge, die seine Hilfe und seinen Trost suchten, für Juden und für Christen, die man wegen ihrer jüdischen Abstammung dorthin verschleppt hatte.

Theodor Heuss hat einmal von der "schauerlichen Paradoxie" gesprochen, daß Martin Buber die Würde jener Sprache gehütet und gepflegt habe, die von seinen Verfolgern mißbraucht und verdorben wurde. Auf Leo Baeck trifft diese Feststellung ganz gewiß ebenfalls zu. Noch häufig werden seine bitteren Worte zitiert, daß "die Epoche der Juden in Deutschland ... ein für allemal vorbei" sei. Er sagte das nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager. Wir alle können dankbar sein, daß diese Vorhersage so nicht eingetreten ist. Selbstverständlich gibt es kein Zurück mehr in dem Sinne, daß wir an die guten, glanzvollen Kapitel der deutsch-jüdischen Geschichte bruchlos anknüpfen könnten. Doch ebenso offensichtlich ist die Tatsache, daß in Deutschland mittlerweile eine vitale jüdische Gemeinschaft neu entsteht.

Diese Gemeinschaft wächst in einem Maße, wie Leo Baeck es sich wohl kaum hätte träumen lassen. Dabei hat er selbst noch dazu beigetragen, daß jüdisches Gemeindeleben in der Bundesrepublik Deutschland sich entfalten konnte. In den fünfziger Jahren kam er mehrfach zu Vorträgen und Vorlesungen hierher. Auch die von ihm betriebene Gründung des europäischen B'nai B'rith hatte eine wesentliche Wirkung auf das jüdische Gemeindeleben bei uns.

Das Werk des Neuaufbaus wäre nicht gelungen ohne das Engagement all jener jüdischen Männer und Frauen, die nach 1945 im Blick auf die Zukunft bereit waren, in Deutschland zu leben und an der Gestaltung unserer freiheitlichen Demokratie mitzuwirken. Die heutige Feierstunde ist eine gute Gelegenheit, diesen Bürgerinnen und Bürgern meine Dankbarkeit und meinen besonderen Respekt zu bezeugen. Ich möchte in diesem Zusammenhang Sie, lieber Herr Bubis, ganz direkt ansprechen. Erst kürzlich, in Frankfurt anläßlich Ihres Geburtstags, habe ich Ihnen dies so sagen dürfen, und ich möchte es hier wiederholen und unterstreichen.

Meine Damen und Herren, was wir gemeinsam geschaffen haben, das ist unsere Bundesrepublik Deutschland, für die wir gemeinsam Verantwortung tragen - ob Juden oder Christen, ob religiös gebunden oder nicht. Deshalb freue ich mich ganz besonders, daß es bei uns immer mehr junge jüdische Männer und Frauen gibt, die sich ganz bewußt in unserer Gesellschaft engagieren.

Mittlerweile umfaßt die jüdische Gemeinschaft in Deutschland rund 60000 Menschen - eine höchst erfreuliche Entwicklung, die noch vor zehn Jahren kaum jemand für möglich gehalten hätte. Viele Synagogen - das habe ich mir gewünscht, und ich wünsche es mir auch für die Zukunft - sind wieder lebendige Orte jüdischer Gegenwart geworden.

Zu den erfreulichen Kapiteln zähle ich auch die Entwicklung des christlich-jüdischen Dialogs. In unserer pluralistischen Welt dürfen Unterschiede nicht mehr Quelle des Mißtrauens sein - sie müssen als Quelle geistig-kulturellen Reichtums verstanden werden. Es ist wichtig, daß man einander kennt, bevor man übereinander spricht. Um so deutlicher treten dann auch Gemeinsamkeiten hervor:

Christen und Juden teilen die Überzeugung von der unveräußerlichen Würde jedes Menschen. Sie teilen den Glauben, daß uns die Schöpfung - und dieses Wort meint mehr als das Wort Umwelt - anvertraut ist, damit wir sie erhalten und an kommende Generationen weitergeben. Weltbejahung, nicht Weltflucht, zeichnet diesen gemeinsamen Glauben aus. Er ruft jeden von uns in die persönliche Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden. Und er bewahrt uns vor Überheblichkeit und der Vergötzung von Macht.

Meine Damen und Herren, am Ende dieses Jahrhunderts, das so viel Leid und Tränen, Not und Tod gesehen hat, gehört der Bau des Hauses Europa zu unseren wichtigsten Aufgaben. Wir wollen es nicht als Festung Europa. Im europäischen Haus werden unsere amerikanischen Freunde ein Dauerwohnrecht haben. Es ist auch mein Ziel, daß Israel mit unserer Gemeinschaft so eng wie möglich assoziiert wird.

Zum Fundament des europäischen Hauses gehören vor allem die Grundwerte menschlichen Zusammenlebens, die von Juden und Christen gemeinsam vertreten werden. Wir wollen kein Europa, das Identitäten zerstört und Unterschiede einebnet. Unser Ziel ist Einheit in Vielfalt - eine Ordnung des Friedens und der Freiheit, in der sich die besten Kräfte und Traditionen des Alten Kontinents entfalten können.

Die vergangenen Jahre und Jahrzehnte haben uns gelehrt, daß ethnischer Chauvinismus, religiöser Fanatismus und Fremdenhaß keineswegs aus der Welt geschafft sind - trotz aller abschreckenden Erfahrungen dieses Jahrhunderts. Wenn wir diese Dämonen wirksam und auf Dauer bannen wollen, müssen wir jetzt alles daransetzen, die politische Einigung Europas unumkehrbar zu machen. Das ist eine gemeinsame Aufgabe der Deutschen und der Europäer.

Lieber Herr Bubis, meine Damen und Herren, ich danke dem Zentralrat der Juden in Deutschland noch einmal sehr herzlich für diese Ehrung und für diese außergewöhnliche Feierstunde. Der Preis, den Sie mir heute verliehen haben, ist für mich eine Verpflichtung, ein weiterer Ansporn, im Sinne der Anerkennungsurkunde und im Geiste von Leo Baeck tätig zu sein. Das verspreche ich Ihnen!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 41. 26. Mai 1997.