3. Juni 1997
Rede bei einem Empfang für Staatssekretär a. D. Dr. Johannes Ludewig und Staatssekretär Rudi Geil anlässlich des Wechsels im Amt des Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer im Berliner Rathaus


Herr Regierender Bürgermeister,
meine Herren Ministerpräsidenten,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
lieber Johannes Ludewig,
lieber Rudi Geil,
meine Damen und Herren,

der heutige Tag ist ein Tag des Dankes und zugleich der Begrüßung. Die große Zahl an Gästen unterstreicht, daß Respekt und Dank für Johannes Ludewig aus allen Gruppen unserer Gesellschaft kommen. Gewerkschafter und Unternehmer haben sich ebenso eingefunden wie die Repräsentanten der Landesregierungen, der Kommunalpolitik und vieler anderer Bereiche der neuen Länder. Diese ansehnliche Gästeschar zeigt die Wertschätzung für Johannes Ludewig und unterstreicht die Bedeutung des Amtes, das er innehatte.

Ich möchte Ihnen, lieber Johannes Ludewig, im Namen der Bundesregierung und vor allem persönlich danken für die Arbeit, die Sie geleistet haben, aber auch für Ihr besonderes Engagement für die Probleme der Menschen in den neuen Ländern. In diesen Dank schließe ich auch Ihre Familie und insbesondere Sie, liebe Frau Ludewig, ein. Ohne den Rückhalt, den Sie Ihrem Mann gegeben haben, wäre es gewiß nicht möglich gewesen, ein derartiges Arbeitspensum über viele Jahre hinweg zu leisten. Sie haben dies mitgetragen, manchmal sicher auch mitertragen.

Lieber Johannes Ludewig, seit Ihrem Eintritt ins Bundeskanzleramt 1983 habe ich Sie stets als einen standfesten, engagierten und ausgesprochen durchsetzungsstarken Mitarbeiter erlebt. Am nachhaltigsten aber hat mich beeindruckt, daß Sie sich in all den Jahren selbst treu geblieben sind: Der Oberregierungsrat Ludewig hatte denselben menschlichen Charakter wie der Staatssekretär Ludewig. Ich bin davon überzeugt, daß Sie sich auch in Ihrer neuen Funktion bei der Deutschen Bahn AG nicht verändern werden.

Eine besondere Eigenschaft des Johannes Ludewig ist es, daß er das Gespräch mit den Menschen sucht. Er weiß, wie wichtig es ist, daß man den Menschen in die Augen schaut, mit ihnen redet, ihre Sorgen erkennt. Seine große Begabung ist seine Fähigkeit, Vertrauen zu schaffen und den Menschen zuzuhören. Seine offene und direkte Art, unabhängig davon, ob er mit einem Betriebsrat, einem Ministerpräsidenten, einem Bischof oder einem Bundeskanzler spricht, läßt die Menschen spüren, daß er es ernst meint. Er macht keine unhaltbaren Versprechen und vertritt keine opportunistischen Standpunkte, sondern sagt seine ehrliche Meinung. Das hat ihm bei den Menschen große Glaubwürdigkeit verschafft.

Johannes Ludewig gehört zu den Menschen - dies wiederhole ich bei dieser Gelegenheit gerne -, die in den Jahren 1989 und 1990 zur Stelle waren, als die staatliche Wiedervereinigung Deutschlands immer mehr zu einer greifbaren Chance wurde. Bei den Verhandlungen über die Wiedervereinigung, die sich immer wieder bis spät in die Nacht hineinzogen, war er beteiligt. Die Deutsche Einheit und der Aufbau der neuen Länder ist ein Stück seines Lebens geworden. Die Menschen in Ostdeutschland werden rasch merken, daß sie sich auf Johannes Ludewig auch in seiner neuen Funktion verlassen können. Das Streckennetz der Deutschen Bahn endet für ihn nicht an der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

Meine Damen und Herren, der heutige Wechsel im Amt des Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer ist ein guter Anlaß, ein immer wieder anzutreffendes Vorurteil richtigzustellen: In unserer Gesellschaft wird vielfach angenommen, daß Beamte nur Dienst nach Vorschrift machen. Johannes Ludewig ist ein Beamter. Und er ist ein Vorbild in puncto Elan und Einsatzbereitschaft. Genauso haben sich viele andere Beamte und Angestellte des Öffentlichen Dienstes der alten Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung ohne zu zögern in den neuen Ländern engagiert und beim Aufbau Ost mitgeholfen. Sie haben sich nicht hinter Tarifverträgen versteckt, sondern sich tatkräftig für die innere Einheit unseres Landes eingesetzt. Patriotismus bleibt leer und hohl, wenn er sich nicht mit Leben erfüllt; und Leben heißt die Bereitschaft, selbst etwas zu tun und sich für andere einzusetzen: Dies ist gelebter Patriotismus.

Johannes Ludewig hat immer gehandelt in der festen Überzeugung, daß die Soziale Marktwirtschaft nicht nur das beste Wirtschafts-, sondern auch das beste Gesellschaftssystem ist. Der Begründer der Sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard, war ihm stets ein Leitbild. Gerade in der heutigen Zeit, in der insbesondere im Hinblick auf die tiefgreifenden demographischen Veränderungen in unserer Gesellschaft der Umbau des Sozialstaats dringend erforderlich ist, ist es wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, daß wir eine Soziale Marktwirtschaft und nicht die pure Marktwirtschaft wollen.

Lieber Johannes Ludewig, ich bin mir sicher, daß Sie auch in Ihrem neuen Amt erfolgreich arbeiten werden. Mit Ihnen an der Spitze der Deutschen Bahn AG werden die "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit" zusätzliche Schubkraft erhalten. Sie werden, da bin ich sicher, den Aufbau eines leistungsfähigen Bahnnetzes konsequent vorantreiben. Ich bin eindeutig dafür, daß die neuen Bundesländer hier jetzt die Möglichkeit für einen Vorsprung erhalten, nachdem in den alten Bundesländern über vier Jahrzehnte die Gelegenheit zur Modernisierung des Eisenbahnnetzes bestand. Mit einem Wort: Ich möchte Ihnen, lieber Johannes Ludewig, für die freundschaftliche, konstruktive und stets fruchtbare Zusammenarbeit herzlich danken. Ich will das tun, was ich tun kann, um Ihnen bei Ihrer neuen Tätigkeit zu helfen, so wie Sie alles tun werden, um den Menschen in unserem Land und ganz besonders in den neuen Ländern zu helfen - dies soll unser gemeinsamer Vorsatz für die Zukunft sein.

Ihnen, lieber Rudi Geil, sage ich ein sehr herzliches Wort des Willkommens. Sie haben bewiesen, daß Sie persönliche Vorteile zurückstellen, um anderen helfen zu können. Ich kenne Sie ebenfalls seit vielen Jahren und weiß, daß auch Sie in hohem Maße die Fähigkeit besitzen, auf Menschen zuzugehen, ihre Sorgen zu erkennen und diese Sorgen als die Ihrigen zu betrachten. Sie sind ein Mensch, der gerade mit der besonders schwierigen Situation in den neuen Ländern, sei es auf dem Arbeitsmarkt, der Entwicklung des Mittelstands oder im Ausbildungsbereich, sehr gut vertraut ist.

Als Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern haben Sie zügig in einer völlig anderen Landschaft Fuß gefaßt. Sie wurden von den Menschen akzeptiert, weil diese sehr rasch spürten, daß man Ihnen vertrauen kann und daß Sie die Sorgen und Probleme der Menschen vor Ort verstehen. Natürlich kann es nicht darum gehen, Wunderdinge in diesem Amt zu vollbringen. Ihre Aufgabe ist es, mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Kompetenzen und finanziellen Ressourcen das bestmögliche Ergebnis für die Menschen in den neuen Ländern zu erzielen.

Die nach wie vor bestehenden Probleme in Ostdeutschland und deren erfolgreiche Bewältigung haben auch im Jahr 1997 absolute Priorität in Deutschland. Ich wende mich persönlich mit Nachdruck gegen all jene, die jetzt in einer finanziell schwierigeren Lage die Hilfen für den Aufbau Ost reduzieren wollen. Im wiedervereinigten Deutschland dürfen wir nicht nur über Solidarität reden. Wir müssen auch tatkräftig denen helfen, die nicht durch eigenes Verschulden, sondern durch die geschichtliche Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg auf der östlichen Seite der Mauer lebten. Sie haben einen Anspruch darauf, in der Gemeinschaft unseres Landes die notwendige Unterstützung zu erhalten.

Zugleich müssen sich die Lebensverhältnisse in den neuen Ländern an das Niveau in Westdeutschland angleichen, und zwar nicht irgendwann, sondern sobald dies ökonomisch vertretbar ist. Die Rentnerinnen und Rentner in den neuen Ländern brauchen nach einem langen Arbeitsleben unsere Solidarität bei der Sicherung ihres Lebensabends. Die jüngere Generation braucht eine gute Berufsausbildung, um darauf ihre eigene Existenz und Zukunft aufbauen zu können.

Lieber Rudi Geil, ich wünsche Ihnen für Ihre neue Aufgabe eine glückliche Hand. Ich sichere Ihnen - auch im Namen der ganzen Bundesregierung und der Ministerien - meine volle Unterstützung zu, um den Aufbau Ost erfolgreich weiterzuführen. Noch einmal herzlichen Dank, lieber Johannes Ludewig, und ein herzliches Glück auf, lieber Rudi Geil.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 54. 25. Juni 1997.