5. Juni 1997
Dankesrede bei der Verleihung des Marshall-Preises anlässlich des 50. Jahrestages der Rede von George C. Marshall zur Verkündung des Marshall-Plans in Washington


Lieber Präsident Ford,

Königliche Hoheit,

Exzellenzen,

meine Damen und Herren,

für die hohe Ehre, die Sie mir erweisen, danke ich Ihnen herzlich. Mein Dank gilt insbesondere auch Ihnen, verehrte Frau Albright, für Ihre freundlichen Worte. Dies ist für mich ein bewegender Augenblick. Es erfüllt mich mit besonderer Freude und Dankbarkeit, daß ich heute als Bundeskanzler des wiedervereinten Deutschlands diese Auszeichnung entgegennehmen darf. Dies geschieht genau fünfzig Jahre, nachdem George Marshall mit seiner Rede in Harvard das amerikanische Hilfsprogramm für Europa - und auch für den besiegten Kriegsgegner Deutschland - ankündigte.

Viele Erinnerungen an die Zeit vor 50 Jahren gehen mir in dieser Stunde durch den Sinn. Vielen meiner Landsleute, die uns heute am Fernsehgerät zuschauen, wird es wohl ähnlich gehen. 1947 war ich siebzehn Jahre alt und ging noch zur Schule. Die Folgen des verlorenen Krieges waren in Deutschland noch allgegenwärtig. Das Elend von Millionen Flüchtlingen, die Trümmerwüsten deutscher Städte, Hunger, Verzweiflung und blanke Not - das war damals der Alltag in Deutschland. In dieser Situation war die Rede Marshalls für uns Deutsche wie ein Lichtstrahl der Hoffnung, der die Dunkelheit von Not, Verzweiflung und Ausweglosigkeit durchbrach. Amerika reichte dem am Boden liegenden Deutschland die Hand.

Konrad Adenauer hat die Empfindungen der allermeisten Deutschen ausgedrückt, als er die noble Haltung der Vereinigten Staaten wenige Jahre später "als eine der größten Taten eines Volkes" bezeichnete. Es gibt in der Tat wohl kein anderes welthistorisches Beispiel, in dem die siegreiche der besiegten Nation so großzügig aufhalf und sie dabei unterstützte, in den Kreis der freien Völker zurückzufinden. Wir Deutschen werden dies niemals vergessen. Als einer derjenigen, denen die amerikanische Großzügigkeit damals manch warme Mahlzeit und zugleich die Wärme einer neuen Zukunft spendete, rufe ich für alle Deutschen: Danke, Amerika!

Was in Deutschland und Europa seither möglich wurde, ist das Werk vieler Menschen - vieler Staatsmänner und auch Millionen Ungenannter, die sich mit neuer Zuversicht an die Aufbauarbeit machten. Wir verdanken es aber auch und vor allem dem Weitblick und der moralischen Größe von herausragenden amerikanischen Persönlichkeiten wie Harry S. Truman und George Marshall. Der Weg, den sie einschlugen, mündete vor wenigen Jahren in einen Triumph der Freiheit: Der Eiserne Vorhang in Europa fiel, der Kalte Krieg ging zu Ende. Mein Vaterland gewann in Frieden und Freiheit seine Einheit zurück.

Meine Damen und Herren, in der Initiative George Marshalls verbanden sich die Großherzigkeit und tiefe Menschlichkeit des amerikanischen Volkes mit der nüchternen Lageeinschätzung des Soldaten und der visionären Kraft des Staatsmannes. Die kluge politische Strategie, die Präsident Truman und sein Außenminister gemeinsam mit vielen anderen - ich nenne hier nur Senator Vandenberg - entwickelten und durchsetzten, hat damals dem freien Teil Europas die Chance für politische, wirtschaftliche und soziale Stabilität gebracht. Sie verankerte Amerika fest in Europa - vor allem in den Herzen der Menschen. Sie half den Europäern, sich selbst zu helfen. Nicht zuletzt hat sie ihrer Bereitschaft zum gemeinschaftlichen Handeln einen kräftigen Impuls gegeben. In der Reihe der großen Männer und Frauen, die die Einigung Europas vorangebracht haben, verdient George Marshall einen Ehrenplatz.

Der Marshall-Plan war von Anfang an für das ganze Europa gedacht. Aber Stalin war die Sicherung - und möglichst auch Ausdehnung - des kommunistischen Machtbereichs so wichtig, daß er auf keinen Fall den Erfolg dieses amerikanischen Hilfsangebots wünschen konnte. Deshalb blieb auch dem damals sowjetisch besetzten Teil meines Vaterlandes - wie auch den anderen Ländern des damaligen kommunistischen Einflußbereichs - die Annahme dieses großzügigen Angebots verwehrt.

Erst jetzt, nach dem Sieg der Freiheit auch im östlichen Teil unseres Kontinents, beginnt sich mit der Aufnahme der ersten mittel- und osteuropäischen Staaten in die OECD sowie mit der anstehenden Erweiterung der Europäischen Union und der Atlantischen Allianz das Vermächtnis Marshalls im Blick auf das ganze Europa zu erfüllen. Es ist eine der zentralen Aufgaben der westlichen Staatengemeinschaft, den jungen De-mokratien in Mittel-, Ost- und Südosteuropa Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und sie fest in die internationalen Gremien und Organisationen zu integrieren.

So wie wir Deutschen von den Vereinigten Staaten von Amerika nach dem Krieg nicht alleingelassen wurden, müssen und werden wir - Europäer und Amerikaner gemeinsam - mit den Menschen in der Mitte und im Osten Europas solidarisch sein. Der Leitgedanke Marshalls, durch enge Zusammenarbeit die wirtschaftliche Gesundung zu fördern sowie Frieden und Freiheit auf Dauer zu sichern, weist uns auch hier den Weg.

Meine Damen und Herren, auch heute noch entfaltet der Marshall-Plan segensreiche Wirkungen in unserem Land. Er hat den Grundstock für ein Vermögen gebildet, aus dem wir bis heute wichtige Aufgaben finanzieren. So werden beispielsweise aus ERP-Mitteln Kredite an aufstrebende Unternehmen in Ostdeutschland vergeben.

Aus demselben Vermögen wurde als Dankesspende der Deutschen vor 25 Jahren auch der "German Marshall Fund of the United States" ins Leben gerufen. Er fördert in verschiedenen Programmen das Verständnis, die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Gerade der kontinuierliche Austausch von Deutschen und Amerikanern ist mir ein großes Anliegen. Deshalb hat Deutschland - ebenfalls aus ERP-Mitteln - ein zusätzliches Programm für transatlantische Begegnung eingerichtet.

Meine Damen und Herren, unsere Freundschaft hat sich in Jahrzehnten hervorragend bewährt. Sie ist ein festes Band, das unsere Nationen auch in Zukunft eng zusammenschließt. Eine entscheidende Quelle ihrer Stärke war und ist die Wertegemeinschaft zwischen der Alten und der Neuen Welt, die gemeinsame Verpflichtung auf die Würde des Menschen und die freiheitliche Demokratie.

Die deutsch-amerikanische Freundschaft muß aber immer wieder von den Menschen ganz konkret erlebt und gelebt werden. Deshalb wünsche ich mir, daß wir noch mehr tun, um das gegenseitige Kennenlernen zu fördern. Ich sage dies im Blick auf die junge Generation, aber auch auf die Deutschen im östlichen Teil meines Vaterlandes. Sie haben jahrzehntelang Amerika nur im Zerrspiegel kommunistischer Propaganda gesehen. Jetzt können sie sich endlich ein wahrhaftiges Bild von dieser großen und großherzigen Nation machen.

Meine Damen und Herren, die Erfahrungen dieses Jahrhunderts haben uns gelehrt: Europa braucht Amerika. Aber ebenso gilt, daß Amerika auch Europa braucht. Lassen Sie uns - Europäer und Amerikaner - auf unserem gemeinsamen Weg vorangehen: im stolzen Rückblick auf das gemeinsam Geleistete, im klaren Bewußtsein für die gemeinsamen Aufgaben von heute und in unserer gemeinsamen Vision einer Zukunft in Frieden und Freiheit. Und ich füge hinzu: in tiefer Dankbarkeit für Persönlichkeiten wie George C. Marshall, die Deutschland und Amerika auf diesen gemeinsamen Weg geführt haben. Ich danke Ihnen.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 51. 17. Juni 1997.