17. September 1997
Dankesrede anlässlich der Verleihung des "Vision für Europa"-Preises der Edmond Israel Stiftung in Luxemburg


Sehr geehrter Herr Premierminister,
lieber Jean-Claude Juncker,
sehr geehrter Herr Präsident der Kommission,
lieber Jacques Santer,
Herr Parlamentspräsident,
Herr Marquenie, Herr Lussi,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren
und vor allem: sehr geehrter Herr Israel,

ich bin froh, heute wieder einmal in dieser schönen Stadt im Herzen Europas zu sein. Über Ihre freundlichen, warmherzigen Worte des Willkommens habe ich mich sehr gefreut.

Ich habe eben hier im Saal auch meinen alten Freund und Gönner Pierre Werner entdeckt. Wer hier in Luxemburg über Europa spricht, der kommt automatisch auch zu diesem Mann, der Großes für die europäische Einigung geleistet hat. Es ist für mich eine große Ehre und Freude, lieber Freund, daß Sie heute bei uns sind.

Für die Verleihung des "Vision für Europa"-Preises danke ich der Stiftung und ganz besonders Ihnen, lieber Herr Israel, von ganzem Herzen. Sie sind ein Mann, der die Höhen und Tiefen europäischer Geschichte in diesem Jahrhundert miterlebt hat. Daß Sie den Preis überreicht und zu uns gesprochen haben, dafür bin ich ganz besonders dankbar. Ich empfinde diese Auszeichnung als große Ermutigung. Sie ist ein Ansporn, weiter für unsere gemeinsame Sache, für die Einheit unseres Kontinents einzutreten.

Dies ist für mich eine bewegende Stunde. Wenn man - wie ich - aus der rheinland-pfälzischen Nachbarschaft stammt, dann weiß man um die guten, aber auch um die schlimmen Zeiten, die die Geschichte unserer beiden Länder ausgemacht haben. Auch deswegen bin ich froh und dankbar, daß ich heute diese Ehrung hier in Luxemburg erfahren darf.

Unter den Mitgliedstaaten, die zur Erfolgsgeschichte der europäischen Integration beigetragen haben, nimmt Luxemburg einen herausragenden Platz ein. Es hat damit jene Vorhersage bestätigt, die Winston Churchill in seiner Züricher Rede von 1946 gemacht hatte: "Kleine Nationen werden ebensoviel zählen wie große und sich durch ihren Beitrag zur gemeinsamen Sache Ehre erwerben." Luxemburg hat sich Ehre erworben. Es ist eine der treibenden Kräfte bei der Gestaltung der europäischen Zukunft.

Ich bin froh, daß wir im zweiten Halbjahr 1997 mit unserem Freund Jean-Claude Juncker einen hervorragenden Steuermann am europäischen Ruder haben. In den kommenden Monaten sind große Herausforderungen zu meistern; ich nenne hier nur den Sondergipfel im November und den Europäischen Rat mit den Schwerpunkten "Erweiterung" und "Agenda 2000". Ich bin sicher, Jean-Claude Juncker wird mit zuverlässigem europäischen Kompaß die Union erfolgreich durch die kommenden Monate führen. Wir, die deutsche Bundesregierung, werden ihn dabei nach Kräften unterstützen.

Meine Damen und Herren, wir stehen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. In wenigen Jahren beginnt ein neues Jahrtausend. Stärker als alles andere markiert die Zahl 2000 die Hoffnung auf eine gute Zukunft. Wir blicken zurück auf ein Jahrhundert der extremen Gegensätze - Krieg und Neubeginn, Bruderkampf und europäische Einigung.

In zwei Weltkriegen litten und starben unzählige Menschen. Millionen Flüchtlinge und Vertriebene verloren ihre Heimat. Es war eine Zeit totalitärer Ideologien: Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft brachte entsetzliches Unheil über Europa und die Welt. Und noch vor zehn Jahren lebten die Völker im Osten Europas unter dem Joch des Kommunismus.

Sie, lieber Herr Israel, sind ein Zeuge jener Zeit. Mit 16 Jahren, im Mai 1940, mußten Sie Ihre Heimat verlassen. Es folgten bittere Jahre. Viele verloren damals die Hoffnung auf eine bessere Zeit. Nach 1945 geschah dann etwas, das manchem auch heute noch wie ein Wunder erscheint. Feinde von einst reichten einander die Hand. Besonders wichtig war, daß damals viele Männer und Frauen bereit waren, den gemeinsamen Neubeginn zu wagen. Edmond Israel zählt selbst zu dieser großartigen Gründergeneration. Aus eigener, leidvoller Erfahrung erkannte diese Generation, daß Frieden und Aussöhnung unter den europäischen Völkern dauerhaft nur auf der Grundlage einer demokratischen Ordnung und der Achtung der Menschenrechte gesichert werden können.

Meine Damen und Herren, ich war 1947 17 Jahre alt, als wir uns an der deutsch-französischen Grenze bei Weißenburg versammelten, europäische Lieder sangen, Grenzpfähle ausrissen und glaubten, daß wir sofort ein vereintes Europa bauen könnten. Nun, es hat noch ein wenig gedauert. Aber, wir hatten eine Vision, wir hatten einen Traum. Daß dieser Traum Wirklichkeit würde, daran haben wir zwar geglaubt, aber so manchen Zweifel gab es dabei auch. Und doch ist in diesen Jahrzehnten die Einigung Europas eine der ganz großen Erfolgsgeschichten der Neuzeit geworden.

Konrad Adenauer stellte bereits 1951 vor der Beratenden Versammlung des Europarates fest: "Es ist der ursprüngliche Wunsch der europäischen Völker, ihr politisches Schicksal künftig gemeinsam zu gestalten." Die europäische Einigung ist "ein schöpferischer Impuls, der der Größe der europäischen Tradition würdig ist."

Solchem Geist und solcher Überzeugungskraft haben wir es zu verdanken, daß im freien Teil Europas aus der Friedenssehnsucht der Menschen ein gelebtes Miteinander entstehen konnte. Aus der Begegnung und der Zusammenarbeit in gemeinsamen Institutionen erwuchsen Verständnis, Vertrauen und schließlich Freundschaft. Die Vision der Gründerväter - ich nenne nur Robert Schuman, Alcide de Gasperi, Konrad Adenauer - hat sich erfüllt: Das vereinte Europa ist zu einem Hort dauerhaften Friedens geworden.

Sie alle wußten, daß es ein schwieriger und weiter Weg von der europäischen Vision zur europäischen Wirklichkeit sein würde. Dennoch ließen sie sich nicht beirren. Sie - und nicht die Bedenkenträger - haben sich als die eigentlichen Realisten erwiesen. Wo stünden wir heute in Europa, wenn die Staatsmänner der "ersten Stunde" die große europäische Idee nicht gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt hätten? Sie verfolgten ihre Vision mit Mut, Weitsicht und Geduld. Das waren entscheidende Voraussetzungen für die Erfolgsgeschichte der europäischen Integration. Die Lektion daraus lautet heute wie damals: Nicht den Bedenkenträgern, sondern denen, die etwas bewegen, gehört die Zukunft.

Dies gilt auch heute im Blick auf die Zukunft: Beim Bau des Hauses Europa kommt es darauf an, ein klares Ziel und einen langen Atem zu haben. Wer nur den kurzfristigen Erfolg im Auge hat und sich seine politischen Ziele nach den demoskopischen Zahlen des Tages setzt, der wird eine gute Zukunft im vereinten Europa nicht gestalten können.

Gewiß, es gibt viele schwierige Fragen und Probleme zu lösen. Die europäische Integration ist kein "Glasperlenspiel" für verträumte Weltverbesserer, sondern handfeste und auch harte Alltagsarbeit. Aber die Anstrengung lohnt sich: Europa sichert uns Frieden und Freiheit, es macht unsere Volkswirtschaften wettbewerbsfähiger und hilft uns, viele gemeinsame Aufgaben besser zu lösen. Wer das aus Populismus oder Bequemlichkeit nicht wahrhaben will, versündigt sich an der Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder.

Der Friedensgedanke ist und bleibt das Bewegungsgesetz der europäischen Integration. Gerade angesichts manch kritischer Stimmen müssen wir uns über das Tagesgeschäft hinaus den Blick für das große Ziel bewahren. Die schrecklichen Bilder aus dem ehemaligen Jugoslawien haben gezeigt, daß wir uns auch nach dem Ende des Ost-West-Konflikts nicht der Illusion hingeben können, die bösen Geister der Vergangenheit seien ein für allemal gebannt.

Wir alle brauchen das vereinte Europa, denn wir wollen kein Zurück zum nationalstaatlichen Machtdenken des 19. Jahrhunderts. Auf sich allein gestellt kann keine europäische Nation in einer Welt zunehmender wirtschaftlicher Verflechtung erfolgreich sein. Allein werden wir den großartigen Schatz der Natur auf Dauer nicht bewahren können, allein werden wir der internationalen Kriminalität, der Drogenmafia und der Bedrohung durch den Terrorismus nicht Herr werden. Nur gemeinsam können wir das vereinte Europa zu einem guten Zuhause für alle Menschen machen, die darin wohnen. Es gibt ihnen die Chance auf ein Leben in Frieden und Freiheit, in Wohlstand und sozialer Sicherheit.

Meine Damen und Herren, wir stehen heute in einer wichtigen Phase europapolitischer Weichenstellungen. Mit dem Abschluß des Vertrages von Amsterdam haben wir die europäische Einigung erneut ein gutes Stück vorangebracht. Jetzt steht die Osterweiterung der Europäischen Union an. Sie ist gerade für uns Deutsche von besonderer Bedeutung. Die Menschen in den jungen Demokratien Mittel-, Ost- und Südosteuropas sehen zu Recht im vereinten Europa - gemeinsam mit der Atlantischen Allianz - den Garanten für Frieden, Sicherheit und Wohlstand auf unserem Kontinent. Sie lehren uns, mit neuen Augen zu sehen, was viele von uns mittlerweile für selbstverständlich halten und daher nicht mehr richtig zu schätzen wissen. Es wäre im übrigen ein Verrat an den Idealen Europas, wenn wir uns der berechtigten Hoffnung unserer östlichen Nachbarn verschlössen.

Ich widerspreche deshalb all jenen, die sagen, für eine Erweiterung sei die Zeit noch nicht reif. Nicht von ungefähr ist in der Präambel des Vertags von Maastricht von "einer immer engeren Union der Völker Europas" die Rede. Für mich ist es beispielsweise undenkbar, daß die Westgrenze Polens auf Dauer die Ostgrenze der Europäischen Union bleibt. Wir hoffen, daß sie in einer Generation - in 20 oder 30 Jahren - die gleiche Bedeutung haben wird, wie die Grenze zwischen meiner pfälzischen Heimat und dem benachbarten Elsaß, zwischen Saarbrücken und Metz oder hier ganz unmittelbar zwischen Trier und Luxemburg. Verbindung, nicht Trennlinie soll auch diese Grenze in Zukunft sein. Deswegen müssen wir die Erweiterung der Europäischen Union entschlossen voranbringen - ungeachtet aller Aufgaben, die wir zugleich innerhalb der bestehenden Union zu lösen haben. Jetzt ist der Horizont wieder offen, jetzt müssen wir aufeinander zugehen und die Chance einer gemeinsamen Zukunft nutzen.

Eines der Schlüsselprojekte auf dem Weg zum geeinten Europa ist die Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion. Sie ist die logische und notwendige Ergänzung des europäischen Binnenmarktes mit seinen mehr als 370 Millionen Menschen. Erst mit der einheitlichen Währung wird der Binnenmarkt seine positiven Wirkungen für Wachstum und Beschäftigung voll entfalten können. Die Vollendung der Europäischen Währungsunion wird den Standort Europa im Zeitalter der Globalisierung stärken.

Für mich ist dabei von entscheidender Bedeutung, daß wir die vereinbarten Kriterien und den Zeitplan für die gemeinsame europäische Währung einhalten. Es gibt historische Chancen, die - sind sie einmal vertan - nicht so schnell wiederkehren. Die Währungsunion muß deshalb pünktlich am 1. Januar 1999 beginnen. Die Vorbereitung auf den Euro hat bereits eine bemerkenswerte Entwicklung ausgelöst. Schon bevor der Euro überhaupt existiert, hat er das stabilitätspolitische Klima in Europa außerordentlich positiv beeinflußt. Der beachtliche europaweite Rückgang bei den Inflationsraten und bei den Zinsen ist ein Erfolg, über den wir alle mehr sprechen sollten!

Die Europäische Union ist schon jetzt dabei, zu einer Stabilitätsgemeinschaft zusammenzuwachsen. Der Währungsunion kommt für die Zukunft eine herausragende ökonomische Bedeutung zu - aber sie ist vor allem auch ein eminent politisches Projekt. Mit dem Euro wird die Europäische Union als Friedens- und Freiheitsordnung für das 21. Jahrhundert noch enger zusammenwachsen.

Dabei dürfen wir eines nicht vergessen: Europa muß sowohl eine Sache des Verstandes - von politischer Zweckmäßigkeit und ökonomischer Vernunft - als auch eine Sache des Herzens sein. Es wird dann zur Herzenssache, wenn die Menschen spüren, daß dieses Europa für sie gebaut wird. Es geht um ein Europa, das nach dem Prinzip "Einheit in Vielfalt" gestaltet ist. Regionale und nationale Identitäten gehen darin nicht verloren. Für die Menschen in Europa gilt: Sie bleiben Luxemburger, Italiener oder Deutsche - und sind gleichzeitig alle Europäer. Heimat, Vaterland, Europa, das ist der Dreiklang der Zukunft.

Vor allem die Beschäftigung mit der gemeinsamen europäischen Geschichte und Kultur kann uns helfen, eine gute Zukunft zu gestalten. Die kulturellen Leistungen unseres alten Kontinents haben alle Zerrissenheit, alle schrecklichen Irrwege und europäischen Kriege überdauert. Sie machen den Rang Europas und sein Bild in der Welt aus.

Vor allem aber ist die Kultur für jeden einzelnen Menschen eine Chance, sein Leben und seine Persönlichkeit zu bereichern. Deshalb darf die kulturelle Dimension der europäischen Einigung gegenüber der Wirtschafts- und Währungsunion, der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik und den anderen wichtigen Themen nicht als zweitrangig angesehen werden. Denn wir wollen ja nicht nur einen prosperierenden Wirtschaftsraum, der sich im globalen Wettbewerb behauptet, sondern ein Europa der Bürger.

Es gilt daher, unser in Jahrhunderten geprägtes Erbe zu bewahren. Es geht mir vor allem um den Geist, die Inspiration, die diese Kunstwerke prägen und die ihnen ihre Größe und Schönheit über Zeiten und Grenzen hinweg verleihen. In diesem Geist fließen die Philosophie der Antike und des Humanismus ebenso zusammen wie die Rationalität der Aufklärung und die prägende Kraft des Christentums.

Aus dem Bewußtsein für unsere gemeinsamen geschichtlichen und geistigen Ursprünge entstand die europäische Idee. Zu ihr gehört auch ein zeitlos gültiges Wertesystem, mit dem wir eine humane Zukunft gestalten wollen. Es gründet auf der Einzigartigkeit des Menschen, auf der Achtung vor dem Leben, auf der Achtung von Menschenwürde und persönlichen Freiheitsrechten.

Es ist wahr: Die Völker unseres Kontinents sind sehr verschieden. Aber wir dürfen die Unterschiede nicht als trennende Gegensätze verstehen, sondern als Reichtum, der uns allen zugute kommt. Darin liegt das Geheimnis der Kraft Europas. Aus diesem Spannungsverhältnis können und wollen wir ein friedliches, freies und lebendiges Miteinander schaffen.

Das muß unser Ziel sein - unsere Vision für Europa. Es ist eine Vision von einem immer engeren Miteinander, von dauerhaftem Frieden und Freiheit auf unserem Kontinent. Lassen Sie uns gemeinsam mit ganzer Kraft dafür arbeiten. Ich kenne keine wichtigere und keine lohnendere Aufgabe.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 79. 7. Oktober 1997.