4. Dezember 1997
Rede beim Besuch der "Europa-Universität Viadrina" in Frankfurt an der Oder


Herr Ministerpräsident der Republik Polen,
lieber Herr Buzek,
Herr Ministerpräsident Stolpe,
Magnifizenz,
meine sehr verehrten Damen und Herren
und vor allem: liebe Studentinnen und Studenten,

Ihr erster Besuch in Ihrem neuen Amt als Ministerpräsident hat Sie, lieber Herr Buzek, hierher nach Frankfurt an der Oder geführt. Darüber freue ich mich sehr. Soeben haben wir eine neue Autobahnbrücke über die Oder dem Verkehr übergeben. Dieser Brückenschlag steht gleichsam symbolisch für die Chance, zueinander zu finden, miteinander zu sprechen, einander zu verstehen - und damit auch für Partnerschaft und Freundschaft zwischen den Menschen.

Ich freue mich darüber, daß der zweite Ort unserer heutigen Begegnung die Europa-Universität Viadrina ist. Hier wird eine Vision sichtbare Wirklichkeit - der Bau des Hauses Europa, von dem so viele in Europa in diesem Jahrhundert geträumt haben.

Als ich mich vor sieben Jahren mit dem damaligen polnischen Ministerpräsidenten Mazowiecki hier in Frankfurt traf, sprach ich mit ihm über den Bau der Brücke, die wir heute eröffnet haben, und darüber, wie sich dieses Grenzgebiet - das so lange Zeit für unsere beiden Völker von bitteren Erinnerungen geprägt war - entwickeln könnte. Als dann die Rede auf die Wiederbegründung der Viadrina kam, hätte wohl niemand für möglich gehalten, daß dieses Vorhaben so schnell vorankommen würde. Hier ist innerhalb kurzer Zeit Unglaubliches geleistet worden. Mit großem Engagement wurde diese Universität - in einer Zeit des tiefen Umbruchs - aufgebaut im Zeichen des Neubeginns und des europäischen Denkens. Diese Leistung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Die Tradition der alten Viadrina wird neu belebt. Daß etwas von dem, was mehr als 300 Jahre europäische Geschichte ausgemacht hat, jetzt in diesen Räumen, in diesem Gebäude wiederersteht, zeigt, daß die geistige Einheit unseres Kontinents auch in den Jahrzehnten der Teilung nicht untergegangen ist.

Die Europa-Universität in Frankfurt an der Oder hat sich bewußt den Namen Viadrina gewählt, um an eine große Tradition anzuknüpfen. Die alte Viadrina war über Jahrhunderte eine Stätte von Begegnungen in der Mitte Europas - und so ist es heute wieder. Viele berühmte Persönlichkeiten sind aus dieser Universität hervorgegangen. Hier fand neues Denken - vor allem zur Zeit der Aufklärung - ein Zuhause.

Seit 1506 war die Viadrina Teil des Netzwerks von Universitäten, die im engen Miteinander die geistige Einheit unseres Kontinents über Jahrhunderte mitgeprägt haben. Städte und Hochschulen wie Paris, Bologna, Krakau, Heidelberg - meine alte Universität - oder Frankfurt an der Oder waren in jenen Jahrhunderten untereinander verbunden. Es war ganz selbstverständlich, daß Studenten von einem Ort zum anderen zogen, studierten, aber auch Land und Leute kennenlernten, andere Kulturen in sich aufnahmen und weitertrugen. Das, was wir unter abendländischer Einheit in Vielfalt verstehen, hat hier seinen Ursprung.

Wir sollten uns heute - trotz aller finanzieller Probleme und Schwierigkeiten daran erinnern, wieviel Gutes diese alte akademische Tradition mit ihren überlieferten Querverbindungen und wechselseitigen Einflüssen für unseren Kontinent bewirkt hat. Und wir sollten gemeinsam darauf hinarbeiten, daß das Wechseln zwischen verschiedenen europäischen Universitäten bald wieder genauso zur Normalität des studentischen Lebens gehört wie damals.

Die Wiedergründung dieser Universität ist ein Signal, das weit über die Grenzen der Region hinweg ausstrahlt. Vor allem führt die Viadrina junge Menschen aus Polen und Deutschland zusammen. Sie ist auch für Studenten anderer Länder ein Anziehungspunkt geworden. Gleiches gilt für die Professoren und Dozenten.

Die Vielzahl der internationalen Partnerschaften mit anderen Hochschulen ist beeindruckend. Gemeinsam mit der Posener Universität baut die Viadrina das "Collegium Polonicum" in Slubice auf der östlichen Oderseite auf, das wir heute kurz besuchen konnten.

Meine Damen und Herren, für die Zukunft der deutsch-polnischen Beziehungen sind Kontakte im akademischen Bereich und Begegnungen von Wissenschaftlern und Studenten unserer beiden Länder von herausragender Bedeutung. Ich freue mich ganz besonders darüber, daß dies den Alltag dieser Hochschule kennzeichnet. Wir sind hier - wie überhaupt in der bildungspolitischen Zusammenarbeit - auf einem guten Weg. Vor allem die letzten Jahre haben enorme Fortschritte gebracht. Dazu haben nicht zuletzt die staatlichen Förderprogramme einen maßgeblichen Beitrag geleistet.

Trotz knapper Mittel konnten in den vergangenen Jahren mehrere tausend polnische und deutsche Wissenschaftler und Studenten gefördert werden. Dies ist eine wichtige Investition - nicht nur in das Wissen und Können vieler junger Menschen, sondern auch in eine gute Zukunft unserer beiden Völker.

So wichtig internationale Verträge und Staatsbesuche auch sind - ein vereintes Europa läßt sich nur errichten, wenn möglichst viele Menschen, gerade auch die jüngeren Menschen, zusammenkommen und einander besser verstehen lernen. Hierbei leistet auch das Deutsch-Polnische Jugendwerk großartige Arbeit, für die ich an dieser Stelle sehr herzlich danken möchte. Ich wünsche mir, daß Polen und Deutsche künftig mit der gleichen Selbstverständlichkeit als Nachbarn und Freunde miteinander leben und arbeiten, wie Deutsche und Franzosen dies nun schon seit bald zwei Generationen tun.

Meine Damen und Herren, wer wie ich von der deutsch-französischen Grenze kommt und miterlebt hat, wie diese Grenze langsam an praktischer Bedeutung verlor und die Menschen immer weniger trennte, der weiß auch, daß ein solches Wunder nicht über Nacht geschehen kann. Dennoch: Das, was am Rhein möglich war, ist - da bin ich sicher - auch hier an der Oder möglich. Die deutsch-französische Freundschaft hat uns gezeigt, was zwischen zwei Völkern an Gutem möglich werden kann: Aus gegenseitigem Kennen- und Verstehenlernen können Vertrauen, Partnerschaft und Freundschaft erwachsen. Es gibt - auch wenn eine nationalistische Propaganda immer wieder versucht hat, dies den Menschen einzureden - keine Erbfeindschaft zwischen den Völkern. Dies erweist sich auch zwischen Deutschen und Polen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die denkwürdige Rede von Wladyslaw Bartoszewski vor dem Deutschen Bundestag, der dies besonders eindringlich betont hat.

Lange Zeit bestimmten machtpolitische Bestrebungen und nationalistische Gegensätze unser Verhältnis. Es bleibt unvergessen, welch unermeßliches Leid die nationalsozialistische Gewaltherrschaft gerade auch über Polen brachte. In deutschem Namen und von deutscher Hand ist dem polnischen Volk Furchtbares angetan worden.

Wahrheit ist auch, daß viele Deutsche - unschuldige Menschen - auf der Flucht und bei der Vertreibung umkamen. Millionen verloren ihre Heimat. Unter uns leben Menschen, die bis heute Schmerz darüber empfinden. Aber auch sie wissen, wie wichtig es ist, aus den Erfahrungen der Geschichte zu lernen und im Geist des Friedens und der gegenseitigen Achtung zu handeln. Heute arbeiten wir gemeinsam dafür, daß unsere Kinder und Kindeskinder nie wieder Krieg, nie wieder Diktatur erleben müssen - und nie wieder Menschen gewaltsam aus ihrem Zuhause vertrieben werden.

Dazu gehört auch die klare Absage an jede Form von Fremdenhaß und Gewalt. Wir werden nicht zulassen, daß die kriminellen Handlungen einiger weniger Randalierer dem wertvollen Werk des Friedens und der Verständigung, das hier in Frankfurt an der Oder geleistet wird, Schaden zufügen. Solchen Umtrieben müssen wir mit allen Mitteln des Rechtsstaates entgegentreten. Aber hier ist auch die Zivilcourage jedes einzelnen gefordert: Es gilt, daß jeder durch sein persönliches Beispiel ein unmißverständliches Zeichen setzt. In unserer Gesellschaft ist kein Platz für Fremdenfeindlichkeit, Haß und Gewalt.

Meine Damen und Herren, Tatsache ist: Die deutsch-polnischen Beziehungen sind so gut wie noch nie in unserer jüngeren Geschichte. Noch vor zehn Jahren hätte niemand von solchen Fortschritten zu träumen gewagt. Der Fall der Berliner Mauer, der Zusammenbruch des Kommunismus und der Triumph der Freiheit haben auch zwischen Deutschen und Polen einen tiefgreifenden Wandel zum Besseren möglich gemacht.

Deutschland und Polen verbindet heute ein enges und vielfältiges Netz des Austausches und der Zusammenarbeit. Ministerpräsident Buzek und ich haben soeben die neue Autobahnbrücke über die Oder eingeweiht. Sie wird dazu beitragen, daß die Menschen in unseren beiden Ländern noch einfacher die Grenze überqueren können, um Freundschaft zu schließen. Wir - Deutsche und Polen - sind nach den langen Jahrhunderten einer schwierigen Geschichte auf dem Weg, gute Nachbarn und enge Partner in einem vereinten Europa zu werden.

Wieviel sich zum Gutem entwickelt hat - gerade auch im menschlichen Miteinander von Deutschen und Polen -, haben wir in diesem Sommer erleben können. Als die Oder über die Ufer trat und das Hochwasser die Menschen diesseits wie jenseits des Flusses vor eine schwere Prüfung stellte, haben polnische und deutsche Nachbarn einander nicht im Stich gelassen. Bei meinem letzten Besuch hier habe ich dies selbst erfahren können. Im gemeinsamen Kampf gegen die steigenden Fluten haben die Menschen in Frankfurt und Slubice einander nach Kräften geholfen. Diese selbstverständliche Solidarität und Hilfsbereitschaft - zwischen Deutschen, Polen und auch Tschechen, die von der Hochwasserkatastrophe gleichfalls hart getroffen wurden - geben uns Zuversicht im Blick auf unsere gemeinsame Zukunft im vereinten Europa.

Frankfurt an der Oder wird schon bald nicht mehr an der Ostgrenze, sondern inmitten der Europäischen Union liegen. Damit wird nun auch politisch nachvollzogen, was nicht nur geographisch, sondern auch geistig und kulturell seit jeher gilt: daß Polen, Tschechen und Ungarn - um nur diese zu nennen - genauso selbstverständlich zu Europa gehören wie Deutsche, Franzosen, Italiener oder Briten. Gerade wir Deutschen haben ein besonderes Interesse daran, daß alle unsere Nachbarn der Europäischen Union angehören.

Ich bin überzeugt: In der gemeinsamen Arbeit am Haus Europa werden Deutsche und Polen noch enger zusammenfinden. Nicht zuletzt für die gedeihliche Entwicklung unserer bilateralen Wirtschaftsbeziehungen ist die Integration Polens in die Europäische Union von entscheidender Bedeutung.

In wenigen Tagen findet der Europäische Rat in Luxemburg statt. Wir wollen dort im Kreise der Staats- und Regierungschefs den Beschluß fassen, die Beitrittsverhandlungen der Europäischen Union mit Polen - wie auch mit anderen Ländern - zu eröffnen. Wir Deutsche wünschen uns, daß diese Verhandlungen sorgfältig, aber auch zügig geführt werden, damit Polen möglichst bald der Europäischen Union angehören kann. Gewiß: Der Weg dorthin wird auch für Polen nicht leicht sein; er bedarf großer Anstrengungen und mutiger Entscheidungen. Aber unsere polnischen Freunde können sich darauf verlassen, daß wir sie auch weiterhin nach Kräften unterstützen werden.

Und natürlich müssen auch wir gemeinsam mit unseren Partnern in der Europäischen Union unsere eigenen Hausaufgaben machen. So gilt es, dafür Sorge zu tragen, daß die Europäische Union auf die Anforderungen einer künftig größeren Gemeinschaft gut vorbereitet wird.

Meine Damen und Herren, die Integration Polens - wie auch anderer Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas - in die Strukturen der europäischen wie der atlantischen Partnerschaft ist eine Aufgabe von historischer Bedeutung. Es geht dabei stets und in erster Linie um die dauerhafte Sicherung von Frieden und Stabilität auf unserem Kontinent.

Die Beitrittsverhandlungen der Atlantischen Allianz mit Polen sind erfolgreich abgeschlossen. Gleiches gilt für Ungarn und Tschechien. Noch vor Jahresende werden die Beitrittsprotokolle unterzeichnet werden. Ich bin zuversichtlich, daß Polen zusammen mit Ungarn und Tschechien im Frühjahr 1999 - zum 50. Jahrestag der Gründung der NATO - in die Atlantische Allianz aufgenommen wird. Dies wird ein denkwürdiger Augenblick in der Geschichte Europas sein. Denn durch diesen Akt wird die Überwindung der Teilung Europas besiegelt. Länder, die sich zur Zeit des Kalten Krieges mißtrauisch oder gar feindselig gegenüberstanden, werden dann Seite an Seite Frieden und Freiheit auf unserem Kontinent schützen.

Was könnte eindringlicher vor Augen führen als dieses Ereignis, welch säkulare Veränderungen sich auf unserem Kontinent vollzogen haben? Und die Veränderungen gehen weiter - weltweit und vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet. Ich nenne nur das Stichwort "Globalisierung". Es ist eine Entwicklung, die uns alle - vor allem auch die Generation junger Studenten wie Sie - vor große Herausforderungen stellt: die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Sicherung und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaften und nicht zuletzt auch die Bewahrung der Schöpfung.

Vor diesem Hintergrund stellt sich uns zwingend die Aufgabe, den Bau des Hauses Europa jetzt zu vollenden. Im verschärften weltweiten Wettbewerb wird keines unserer Länder auf Dauer allein bestehen können. Nur gemeinsam sind wir in Europa stark genug, um in der Konkurrenz mit den anderen großen Wirtschaftsregionen der Weit - ich denke vor allem an Nordamerika und den asiatisch-pazifischen Raum - mitzuhalten.

Ein Teil unserer Antwort auf die Herausforderung der Globalisierung muß deshalb Europäisierung heißen. Dabei ist die europäische Währungsunion von herausragender Bedeutung. Der Euro ist die notwendige Ergänzung des europäischen Binnenmarktes mit 370 Millionen Menschen. Europa ist und bleibt der wichtigste Exportmarkt für uns Deutsche.

Der Euro wird unsere Wettbewerbsposition gegenüber Konkurrenten aus den Dollar- und Yen-Währungsräumen stärken. Er wird einen Schub für den Handelsaustausch und unsere exportorientierte Wirtschaft bringen. Und nicht zuletzt wird er auch helfen, Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen.

Zugleich ist der Euro nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch ein Schlüssel zur Zukunft: Die Einführung der gemeinsamen Währung bindet die Europäische Union als Friedens- und Freiheitsordnung für das 21. Jahrhundert noch enger zusammen. Der Bau des Hauses Europa - eines Hauses, das auch stürmischen Winden standhalten kann - ist aus meiner Sicht der wichtigste Dienst, den wir für die Zukunft der jungen Generation leisten können.

Für die Jugend - und mit ihr - wollen wir das Tor zum 21. Jahrhundert aufstoßen. Und wir wollen es - Deutsche und Polen - gemeinsam tun. Ich lade Sie herzlich ein, an dieser großen Aufgabe mitzuwirken.

Liebe Studentinnen und Studenten, es ist Ihre Zukunft, die jetzt gestaltet wird. Und Sie entscheiden mit darüber, wie diese Zukunft aussehen wird. Nutzen Sie die Chancen, die sich Ihnen hier, in der Mitte eines zusammenwachsenden Kontinents, eröffnen. Natürlich: Chancen sind keine Garantie. Auch vor Ihnen liegt - wie vor jeder jungen Generation - ein Weg, der Ihnen harte Arbeit und die Bereitschaft zur Verantwortung abverlangt. Risiken und Rückschläge werden Ihnen nicht erspart bleiben.

Aber wann je hatte eine junge Generation größere Möglichkeiten als Sie heute, ihre Freiheit zu sinnerfülltem Tun zu nutzen - auch und gerade im Dienst an den Mitmenschen? Und wann je hatte eine jüngere Generation bessere Aussichten, ihr gesamtes Leben in Frieden zu verbringen? Dies ist wohl das kostbarste Erbe, das wir jungen Menschen auf dem Weg in die Zukunft mitgeben können. Es lohnt sich, dafür zu arbeiten. Und deshalb rufe ich auch Sie auf: Bauen Sie mit an der Zukunft eines vereinten Europas, eines Europas des Friedens und der Freiheit als gemeinsame Heimat für Deutsche, Polen und alle Europäer, die dazugehören wollen.

Ich wünsche Ihnen allen, den Lernenden und den Lehrenden, alles Gute und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit und für Ihr weiteres Leben. Der Viadrina wünsche ich weiterhin eine erfolgreiche Entwicklung auf dem Weg in unsere europäische Zukunft.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 1. 6. Januar 1998.