9. März 1998
Rede bei der Festveranstaltung anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Deutschen Bauernverbandes in Koblenz


Lieber Herr Präsident Sonnleitner,
Herr Ministerpräsident,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
verehrte Gäste, liebe Freunde aus dem Ausland,
und ein besonders herzlicher Gruß an den Präsidenten
des europäischen und des französischen Bauernverbandes!

Zuerst möchte ich Ihnen, Herr Präsident Sonnleitner, dafür danken, daß Sie für heute das Heeresmusikcorps eingeladen haben. In einer Zeit, in der manche sagen, daß wir die Bundeswehr nicht mehr brauchen, ist es gut, unsere Soldaten hier zu sehen.

Meine Damen und Herren, wir feiern heute den 50. Geburtstag des Deutschen Bauernverbandes. Ich bin gerne hierhergekommen und gratuliere sehr herzlich auch im Namen der Bundesregierung und stellvertretend für viele Menschen im Lande. Ich finde es gut, daß diese Veranstaltung hier in Koblenz stattfindet - in einer Stadt, die viel mit der europäischen und deutschen Geschichte zu tun hat; in einem Bundesland, in dem es immer eine glückliche Verbindung gab zwischen der Landwirtschaft mit all ihren Facetten und den Menschen, die etwa in der Industrie oder in Dienstleistungsunternehmen arbeiten.

Es ist wichtig, an diesem Tag einen Moment innezuhalten und auf die vergangenen 50 Jahre zurückzublicken. Am 1. und 2. Oktober 1948 wurde in München die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Bauernverbände gegründet. Damit wurde die Zersplitterung des bäuerlichen Berufsstandes überwunden. Nur wenige Monate zuvor war die D-Mark eingeführt worden. Man sprach damals von einem Besatzungskind. Unser Land lag in Trümmern. Mancher weiß noch, wie schwierig es war, von einer Besatzungszone Deutschlands in die andere zu kommen. Millionen hatten Obdach und Heimat verloren. Man muß sich die Lage nach dem Krieg vor Augen halten, um ermessen zu können, was die Männer und Frauen in jenen Tagen geleistet haben. Sie hatten kaum Hoffnung auf eine bessere Zukunft; aber sie haben angepackt und sich für die Zukunft entschieden.

Die Menschen litten bitteren Hunger. Die wichtigste Aufgabe der Landwirte war, die Bevölkerung im Rahmen der alliierten Auflagen wenigstens mit dem Notwendigsten zu ernähren. Es war eine großartige Leistung, was damals vollbracht wurde. Deshalb will ich heute gerne an die Gründergeneration unserer Bundesrepublik Deutschland erinnern und ihr danken. Romano Guardini hat einmal gesagt: "Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens." Wenn Sie heute über fünfzig Jahre zurückblicken, dann wissen Sie: Wir haben allen Grund zur Dankbarkeit.

Stellvertretend für die vielen herausragenden Persönlichkeiten des Deutschen Bauernverbandes möchte ich seine Präsidenten nennen. Andreas Hermes war der Gründungsvater des Bauernverbandes und sein Präsident von 1948 bis 1954. Er war einer jener großartigen Männer und Frauen, die in ihrem Leben die Brücke geschlagen haben von den Erfahrungen des kaiserlichen Deutschland und der Weimarer Republik über die bitteren Erfahrungen des glücklosen Widerstands gegen Hitler und des Zweiten Weltkrieges bis zum Neuanfang nach 1945. Andreas Hermes brachte damals vor allem für die Menschen in der sowjetischen Besatzungszone seine ganze persönliche Autorität ein. Seinem Ansehen war es zu verdanken, daß es dem Deutschen Bauernverband schnell gelungen ist, in internationalen Organisationen Fuß zu fassen. Wir sind ihm alle zu bleibendem Dank verpflichtet. Er ist ein Symbol für eine ganze Generation.

Ich nenne Edmund Rehwinkel, der nach Andreas Hermes die Geschicke des Bauernverbandes leitete - zunächst noch als Mitglied eines dreiköpfigen geschäftsführenden Präsidentenkollegiums, von 1959 bis 1969 dann als alleiniger Präsident. Er hat die Interessen seines Verbandes sicherlich nicht immer zur Freude der jeweiligen Regierung, schon gar nicht des jeweiligen Bundeskanzlers, vertreten. Aber er hat auch immer wieder deutlich gemacht, daß der Berufsstand der Bauern ein Teil des ganzen Landes und Volkes ist und daß man seine Interessen nur dann gut vertreten kann, wenn man sie in das Gemeinwohl einordnet.

Lieber Freiherr Heeremann, nach Edmund Rehwinkel haben Sie dann 28 Jahre lang den Deutschen Bauernverband geführt. Fast drei Jahrzehnte - das sind Amtszeiten, die man in keinem anderen Amt erreicht. Ich sage das, um gewisse Ängste von vornherein zu nehmen. Sie haben Ihr Amt ganz anders als etwa Edmund Rehwinkel ausgeübt. Sie haben am Rednerpult stets deutliche Worte gesprochen. Aber Sie haben das in einer verbindlichen und charmanten Form getan, mit Noblesse. Es war für den Bauernverband eine gute Zeit.

Auch Ihnen, lieber Herr Präsident Sonnleitner, wünsche ich, daß Sie bei Ihrer wichtigen Aufgabe Glück und Erfolg haben. Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Davon sind auch die Bauern betroffen. Aber wo immer ich kann, werde ich Sie unterstützen und Ihnen helfen.

Der Bauernverband hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der wirksamsten Interessenvertreter in Deutschland entwickelt. Die Gründe für seinen Erfolg sind für mich zeitlos: Da sind zunächst Bodenständigkeit und Heimatliebe. Ohne sie ist ein Bauer gar nicht denkbar. Die Landwirtschaft ist mehr als nur berufliche Existenz. Sie hat etwas mit Kulturlandschaft zu tun, mit der Atmosphäre unserer Dörfer, mit der Gemeinschaft, die daraus erwachsen kann.

Der zweite Grund für den Erfolg des Deutschen Bauernverbandes ist Treue zu Werten und Traditionen. Eine klare Werteordnung und das Festhalten an Tugenden waren für die Bauern immer eine wichtige Grundlage ihrer Existenz. Beides ist zugleich auch ein wichtiges Fundament unserer ganzen Gesellschaft. Wenn wir diese Basis verlören, würde die Gesellschaft in den Stürmen der Zeit immer mehr entwurzelt.

Hinzu kommt bei den Bauern schließlich der Realismus - ein sicheres Gespür für das Machbare. Wer lange genug mit Präsidenten von Bauernverbänden zu tun hat, der weiß: Sicheres Gespür für das Machbare heißt immer auch, eine Lücke zu finden, um etwas mehr als das Machbare zu erreichen - auch das gehört zu den Erfahrungen dieser 50 Jahre.

Die Erfolge des Deutschen Bauernverbandes sind insofern besonders bemerkenswert, als sich die Interessen dieses Berufsstandes nicht ohne weiteres auf einen Nenner bringen lassen: So wollen zum Beispiel Getreideerzeuger hohe Preise erlösen; Veredelungsbetriebe sind dagegen bestrebt, Futtermittel günstig einzukaufen. Der Großbetrieb hat andere Schwerpunkte als der Nebenerwerbsbetrieb. Für den Gemüsebauern in der Pfalz hat die Frage der Saisonarbeitskräfte eine ganz andere Bedeutung als etwa für den Milchviehhalter im Hunsrück. Ich könnte noch viele Beispiele nennen. Der Bauernverband muß viele Interessen zusammenfassen, und das ist nicht immer einfach. Aber 50 Jahre lang ist es im großen und ganzen gelungen. Dafür gebührt Ihnen Respekt und Anerkennung. Ich hoffe sehr, daß Sie auch in Zukunft Erfolg haben werden.

Meine Damen und Herren, in zwei Jahren beginnt ein neues Jahrhundert, ein neues Jahrtausend. Wir müssen erkennen, daß sich die Welt um uns herum dramatisch verändert, und zwar für alle - auch für die Bauern. Wir alle sind gefordert, wenn es darum geht, unserem Land auch im 21. Jahrhundert den Platz an der Spitze zu erhalten. Der Präsident des französischen und des europäischen Bauernverbandes hat uns vorhin freundliche Worte mit auf den Weg gegeben. Am Ende seiner Rede hat er eine wichtige Hoffnung ausgedrückt: Er sagte, daß die Deutschen ihre Verantwortung wahrnehmen und sich den notwendigen Aufgaben stellen werden. Das heißt für uns ganz praktisch, daß wir in unserer Volkswirtschaft mehr Dynamik entwickeln und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft stärken müssen. Im Zeitalter der Globalisierung bedeutet das natürlich auch, daß wir unsere Arbeitsplätze nur halten können, wenn wir auf den Weltmärkten die notwendigen Investitionen vornehmen. Und wir müssen - in der Sprache der Jungen ausgedrückt - "Spitze" bleiben, anderen also immer eine Nuance voraus sein. Wenn man Exportland Nummer zwei in der Welt nach den Amerikanern ist und bleiben will, dann muß man etwas früher aufstehen als andere.

Zur Zukunftssicherung unseres Landes gehört auch, daß wir unseren Sozialstaat umbauen müssen, um ihn auf Dauer finanzierbar zu halten. Es ist völlig abwegig, wenn gesagt wird, wir wollten diesen Sozialstaat abschaffen. Aber wir haben in keinem Fall das Recht, zu Lasten künftiger Generationen zu leben. Das heißt, daß wir umdenken müssen und dabei auch unsere Nachbarländer zum Vorbild nehmen sollten, die beim Umbau ihres Sozialsystems schon viel weiter sind als wir. Dazu gehört auch, daß wir erkennen: Die Grundlagen der Sozialpolitik - angefangen von der Rente bis hin zur Gesundheitspolitik - haben sich grundlegend geändert. Wir haben in Deutschland neben Spanien und Italien die niedrigste Geburtenrate innerhalb der Europäischen Union. Gleichzeitig werden die Menschen erfreulicherweise immer älter. Die Lebenserwartung von Männern liegt heute bei durchschnittlich 74 Jahren, die der Frauen bei durchschnittlich 80 Jahren. Ich sage es ganz klar: Wir wollen den Sozialstaat, wir wollen die Soziale Marktwirtschaft - und nicht etwa eine schrankenlose Wirtschaftsordnung, in der die Mitmenschlichkeit auf der Strecke bleibt und in der die Einzelverantwortung für Mitarbeiter aufgehoben wird. Aber wir müssen beim Sozialstaat zu einer bezahlbaren Größenordnung kommen, sonst ist er auf Dauer gefährdet!

Wir müssen erkennen, daß die Welt von morgen vor allem eine Wissensgesellschaft ist. Wir haben deshalb die Frage zu beantworten, ob unser Bildungssystem in allen Bereichen ausreichend auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet ist. Es ist ein bedrückendes Zeichen, daß in den letzten Jahren jeweils rund zehn Prozent der Schulabsolventen den Voraussetzungen eines normalen Lehrvertrages nicht entsprachen. Ich halte es für absurd, daß die Bundesanstalt für Arbeit in diesem Jahr 900 Millionen D-Mark für die Nachbesserung des Ausbildungsniveaus dieser Schulabgänger ausgeben muß. Das ist eigentlich Aufgabe der Schule. Natürlich müssen wir alle an der Bildung und Ausbildung unserer jungen Menschen mitwirken. Das beginnt selbstverständlich bei den Eltern, denn vor Gott und den Menschen haben sie die erste Pflicht für die Erziehung ihrer Kinder.

Schließlich geht es darum, daß wir jetzt das Haus Europa bauen, um den äußeren und den inneren Frieden unseres Landes auf Dauer zu sichern. Wir Deutsche im Westen haben mit Hilfe von Freunden und Verbündeten die letzten fünfzig Jahre in Freiheit leben können. Erst mit der Hilfe anderer ist vor wenigen Jahren die Deutsche Einheit möglich geworden. Wir dürfen dies nicht vergessen. Es wäre eine schäbige Politik, wenn wir uns jetzt - wo andere unsere Hilfe brauchen - verweigern würden. Dies gilt beispielsweise für den Einsatz der Vereinten Nationen in Bosnien. Man kann nicht nur Vorteile in Anspruch nehmen. Dies wäre ein Verstoß gegen die moralische Verpflichtung unseres Landes.

Meine Damen und Herren, wenn wir diese Herausforderungen erkennen und die notwendigen Veränderungen vornehmen, dann haben wir überhaupt keinen Grund zum Pessimismus. Wir müssen uns heute mutig und nüchtern die Fragen stellen: Was ist in den letzten Jahrzehnten gut gelungen? Was wollen und was können wir beibehalten? Was haben wir bereits zum Besseren verändert? Was müssen wir noch ändern? Wo müssen wir umdenken, neu gestalten, dazulernen?

Wir stehen heute vor neuen, großen Herausforderungen. Ich will nur ganz wenige Beispiele nennen. Heute leben sechs Milliarden Menschen auf der Erde. In knapp zwanzig Jahren werden es über acht Milliarden Menschen sein. Das bedeutet - mit Blick auf die Bauern und die Nahrungsmittelerzeugung rund um den Erdball - enorme Aufgaben. Denn die landwirtschaftlich nutzbare Fläche ist nicht beliebig vermehrbar. Gerade auf diesem Gebiet brauchen wir deshalb wissenschaftliche Forschung. Die Zunahme der Weltbevölkerung führt auch zu verstärkten Migrationsbewegungen: In wichtigen Teilen der Erde - in Asien, in Lateinamerika und vor allem in Afrika - suchen Menschen verzweifelt nach einem Ausweg aus Elend und Not, indem sie ihr Land verlassen. Viele von ihnen kommen nach Europa und zu uns nach Deutschland, weil sie glauben, hier eine bessere Zukunft zu finden. Deswegen lassen Sie mich klar und deutlich sagen - und das hat nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun -: Wir können die Probleme der Erde nicht auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland lösen. Aber das heißt auch, daß wir die moralische Pflicht haben, diesen Menschen zu helfen, in ihren eigenen Ländern Glück zu finden, sich selbst zu ernähren und unsere Wirtschaftspartner zu werden.

Meine Damen und Herren, ich habe das Stichwort Globalisierung der Wirtschaft genannt. Derzeit wächst das Volumen des Welthandels um zehn Prozent pro Jahr. Das hat Folgen in allen Bereichen unserer Wirtschaft. Wir sollten die Globalisierung vor allem als Chance sehen. Sie eröffnet Deutschland neue Exportmöglichkeiten; wir sind ein Land, in dem jeder fünfte Arbeitsplatz vom Export abhängt. Für die Arbeitsplätze ist es im übrigen auch ein gutes Signal, daß die Nahrungsmittelexporte aus Deutschland 1996 gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent gestiegen sind.

Natürlich haben wir Probleme mit der bedrückend hohen Arbeitslosigkeit. Wir haben zwar genug Arbeit in Deutschland, aber die Arbeit ist in vielen Bereichen nicht bezahlbar. Wir sind hier vor allem noch nicht flexibel genug. Allerdings gibt es erste positive Anzeichen: In den alten Ländern haben wir den Gipfel der Arbeitslosigkeit bereits hinter uns gelassen. In den neuen Ländern ist die Lage immer noch besonders schwierig, obwohl es auch dort ermutigende Zeichen gibt.

Wir werden beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit nur vorankommen, wenn wir entscheidende wirtschaftliche Verbesserungen vornehmen. Ich nenne eine Zahl, die das Problem verdeutlicht: In Großbritannien wurde in den letzten Jahren rund achtmal soviel Auslandskapital investiert wie in Deutschland. Das liegt vor allem daran, daß unser Steuersystem die bestraft, die tüchtiger und fleißiger sind als andere. Ein solches System ist wider die menschliche Natur. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß unsere Nachbarn in Europa mit günstigeren Steuersätzen deutsche Betriebe nach Österreich, in die Niederlande und anderswohin abwerben. Deswegen brauchen wir die Große Steuerreform so schnell wie möglich! Die Bundestagswahl wird ein Plebiszit darüber sein. In diesen Zusammenhang gehören auch die anderen notwendigen Entscheidungen, beispielsweise zur Begrenzung und Senkung der Arbeitskosten. Ebenso gilt es, die mit der Reform des Arbeitsförderungsgesetzes geschaffenen neuen Anreize für Arbeitslose, ein zumutbares Arbeitsplatzangebot anzunehmen, noch stärker zu nutzen.

Erste Erfolge unserer Reformpolitik ermutigen uns, den eingeschlagenen Weg beherzt fortzusetzen. Es ist unübersehbar, daß viele der von uns durchgesetzten Reformen bereits Wirkung zeigen. Wir werden in diesem Jahr eine Zuwachsrate des Bruttoinlandsproduktes von zweieinhalb bis drei Prozent erreichen. Gute Nachrichten gibt es auch in bezug auf die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands: Hier haben wir in der letzten Zeit gewaltige Fortschritte erzielt. Wir haben Boden gutgemacht: In wichtigen Bereichen - beispielsweise bei den Weltmarktpatenten - sind wir wieder Nummer eins geworden. Nach den USA ist Deutschland jetzt der zweitstärkste Innovationsstandort der Welt. Viele Investoren kommen in die Bundesrepublik zurück, das Vertrauen in den Standort Deutschland wächst. Aber dennoch gibt es nicht den geringsten Grund, sich zurückzulehnen.

Meine Damen und Herren, für die Landwirte ist all dies von größter Bedeutung. Auch sie müssen sich auf neue Gegebenheiten einstellen. Ich wünsche mir, daß wir auch in Zukunft in Deutschland eine leistungsfähige - und das muß auch immer heißen eine gesunde - Landwirtschaft haben. Die Attraktivität und Vielfalt unser Kulturlandschaft, die hohe Lebensqualität in den verschiedenen Regionen unseres Landes haben viel mit dem täglichen Schaffen der Bäuerinnen und Bauern zu tun. Das muß man gerade auch in Städten und Ballungsräumen immer wieder deutlich sagen, denn die Menschen genießen diese Kulturlandschaft heute oft, als wäre sie ganz selbstverständlich.

Natürlich gehört auch ein Stück Krisenvorsorge zur mittel- und langfristigen Aufgabe der Landwirtschaft. Sicherlich könnten wir die Ernährungsbasis unseres Landes in vielen Bereichen auch durch Importe gewährleisten. Aber wir haben schon vieles in den letzten 100 Jahren erlebt. Wir haben in den vergangenen 25 Jahren beispielsweise erlebt, wie die Ölpreise drastisch gestiegen und gefallen sind. Daher ist es eine kluge und vorausschauende Politik, wenn wir unseren landwirtschaftlichen Bestand nach Art des Hausvaters auch für künftige Zeiten sichern und auch für Krisenzeiten ein entsprechendes Management haben.

Meine Damen und Herren, Bauern stehen für Eigentum. Dieses Jahrhundert hat uns gelehrt, daß Eigentum und Freiheit in einem unmittelbaren Verhältnis stehen. Der eine Diktator schafft als erstes die Freiheit ab und dann das Eigentum, der andere macht es umgekehrt. Das Ergebnis ist für die Menschen das gleiche. Die Erfahrungen in diesem Jahrhundert seit der Oktoberrevolution 1917 müßten eigentlich auch dem letzten klargemacht haben, wie wichtig der Begriff "Eigentum" ist und welch hohe Bedeutung die Verbindung von Eigentum und Freiheit für die Stabilität unseres Landes hat. Kaum etwas symbolisiert das Eigentum besser als der eigene Hof, das eigene Land!

Der Alltag unserer Bäuerinnen und Bauern ist bestimmt vom Rhythmus der Natur, nicht etwa von Vorgaben aus Tarifverträgen. Die Ernte muß hereingeholt werden, wenn ein Gewitter heranzieht - ungeachtet, ob die geleisteten Arbeitsstunden das Soll bereits erfüllt haben. Die 30-Stunden-Woche, die jetzt - ich füge gleich hinzu: absurderweise - diskutiert wird, ist deshalb weit außerhalb des Denkens der Bauern. Ihre Arbeit ist durch die Übernahme persönlicher Verantwortung geprägt. Damit sind sie Vorbilder für andere. Auch deshalb ist die Sicherung unserer Landwirtschaft eine ganz wesentliche Aufgabe der Politik.

Dabei gibt es natürlich widerstreitende Interessen, so zum Beispiel bei den Ausgleichsregelungen für Bewirtschaftungsauflagen im Bundesnaturschutzgesetz. Ich war lange genug Ministerpräsident eines Landes, um zu verstehen, daß man bei angespannter Kassenlage keine neuen Verpflichtungen eingehen will. Aber ich füge hinzu: Bei dieser Frage ist es nicht gerecht, und es ist auch nicht haltbar. Wir werden deshalb weiterhin an diesem Ausgleich festhalten und versuchen, gemeinsam mit dem Berufsstand Lösungsmöglichkeiten zu finden.

Ich möchte hier auch das Thema Vorsteuerpauschale ansprechen. Es war immer unsere Politik, die Vorsteuerpauschale an veränderte Preis-Kosten-Verhältnisse anzupassen. Jetzt diskutieren wir wieder darüber. Ich kann Ihnen heute noch keine Versprechungen machen. Aber die Bundesregierung und die Koalition sind bereit, die Vorsteuerpauschale anzuheben, wenn sich die Datenlage weiter so entwickelt, wie es im Augenblick aussieht.

Meine Damen und Herren, ein ganz aktuelles Thema für die Bauern ist die "Agenda 2000". Ich verstehe, daß allein schon ihre Ankündigung größte Unruhe hervorruft, weil damit praktisch alle Probleme der Landwirtschaft auf den Tisch gepackt werden und jedermann erkennen kann, wie weit er jetzt persönlich betroffen sein könnte - ob er nun beispielsweise eine Sonderkultur wie den Weinbau oder ob er einen Milchwirtschaftsbetrieb hat. Deswegen - Herr Präsident Sonnleitner, das sage ich Ihnen ausdrücklich zu - werden wir seitens der Bundesregierung bei der weiteren Diskussion auch sehr eng mit Ihnen zusammenarbeiten. Die Europäische Kommission wird in diesen Tagen ihre Vorschläge der Öffentlichkeit vorlegen. Ich muß zugunsten der Kommission fairerweise sagen, daß sie eine gewisse Austarierung für die ganze Europäische Union erreichen muß. Aber das setzt selbstverständlich ein Geben und ein Nehmen voraus. Und die Erfahrung zeigt, daß in Brüssel nicht gegen uns beschlossen wird.

Die "Agenda 2000" wird ganz wesentlich die Rahmenbedingungen für die nächste Bauerngeneration in Deutschland festlegen. Deswegen bin ich für eine umfassende und öffentliche Diskussion, denn wir brauchen auch in dieser Frage bei unseren Landsleuten in Deutschland eine breite Zustimmung. Wir müssen zu ausgewogenen Lösungen kommen - und das heißt: keine Benachteiligung für bestimmte Betriebsstrukturen und Produktionsverfahren. Zwei Landwirtschaftsminister sitzen hier - Ignaz Kiechle und mein amtierender Kollege Jochen Borchert -, die viele Schlachten in Brüssel geschlagen haben. Sie wissen, daß dieses Thema für mich nicht irgendeine Pflichtaufgabe ist, sondern daß ich mich dabei aus Überzeugung engagiere.

Wir stehen aber nicht nur in der Europäischen Union vor schwierigen Verhandlungen; 1999 beginnt die neue WTO-Runde. Die Bedingungen müssen auch hier fair bleiben. In Europa gibt es höhere Anforderungen an die Bauern als anderswo - etwa im Bereich Umwelt und Naturschutz, bei der Landschaftspflege, im Tierschutz oder bei bautechnischen Auflagen. Verbraucher und Bürger sind hier wesentlich sensibler. Wir wollen Produkte von höchster Qualität. Das heißt für uns, daß wir auch in diesen Fragen bei der WTO-Runde genau hinschauen, denn ähnlich wie schon bei den GATT-Verhandlungen werden die Entscheidungen in die nächsten Jahrzehnte hineinwirken. Deswegen muß man auch möglicherweise - ich sage das ganz allgemein formuliert - in Kauf nehmen, daß wir mit unseren besten Freunden und Partnern außerhalb Europas das eine oder andere Problem bekommen können. Aber unter Freunden muß es möglich sein, Probleme anzusprechen und auszutragen.

Meine Damen und Herren, in dieser Zeit dramatischer Veränderungen in der Welt stehen wir jetzt am Vorabend einer Entscheidung, von der man vor 50 Jahren nur träumen konnte. Herr Präsident Sonnleitner, wenn man den Gründungsteilnehmern des Deutschen Bauernverbandes damals 1948 in München gesagt hätte, daß wir nach 50 Jahren eine einheitliche europäische Währung bekommen werden, dann hätten sie das ganz sicher nicht für möglich gehalten. Deswegen ist es wichtig, nie zu vergessen, daß die Visionäre sich als die großen Realisten der Geschichte erwiesen haben - und das ist auch heute nicht anders: Der Bau des Hauses Europa und die gemeinsame europäische Währung sind entscheidende Voraussetzungen für dauerhaften Frieden und Freiheit im 21. Jahrhundert. Natürlich geht es auch darum, daß diese neue Währung - in einem Raum mit fast 400 Millionen Menschen und mit der stärksten Wirtschaftskraft der Welt - neben dem Dollar die andere wichtige Währung der Welt sein wird, daß wir im Wettbewerb stärker werden, Kosten sparen, Wechselkursrisiken ausschalten, den Handel vermehren und damit auch Impulse für neue Arbeitsplätze geben. Vor allem aber geht es um den Erhalt von Frieden und Freiheit. Das ist das Allerwichtigste. Deswegen muß diese Währung ein Erfolg werden. Deswegen ist die Frage der Einhaltung der Stabilitätskriterien, des Stabilitätspakts, der Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank, der Nachhaltigkeit der Stabilitätskriterien von so großer Bedeutung. Ich bin glücklich, daß wir heute sagen können: Wir erreichen diese Kriterien. Noch vor einem dreiviertel Jahr ist das von den ewigen Skeptikern völlig ausgeschlossen worden.

50 Jahre Deutscher Bauernverband, meine Damen und Herren, das sind 50 Jahre Rückblick auf einen Teil der Geschichte unseres Volkes. "Wir sind noch einmal davongekommen" - so hieß der Titel eines bedeutsamen Schauspiels aus jenen Jahren. In dem Theaterstück "Draußen vor der Tür", das uns junge Leute nach dem Krieg so tief bewegt hat, haben wir die Frage nachvollzogen, ob wir noch einmal eine Chance hätten. Wir haben sie gehabt. Die Gründergeneration hat sie genutzt. Wir haben das Werk fortgesetzt. Nun steht eine neue Generation vor der Tür. Sie denkt in vielem anders, aber in den Grundlagen ihres Denkens ist sie genauso zuverlässig und vertrauenswürdig wie ihre Vorgänger.

Die Deutschen gehen in die Welt von morgen mit Weltoffenheit, Menschlichkeit und mit dem Verständnis, daß wir nicht allein auf dieser Erde leben, sondern im weitesten Sinne des Wortes eine moralische Verantwortung auch für andere haben. Wir müssen fähig sein, im eigenen Land soziale Gerechtigkeit zu leben und die Freiheit zu lieben, und wir dürfen in keinem Moment vergessen, daß Freiheit nicht zum Nulltarif zu haben ist. Das alles sind Traditionen und Prinzipien, die aus dem Denken eines Bauern ganz selbstverständlich erwachsen, weil er sein Leben nicht aus Beliebigkeit gestalten kann. Er kann nicht den Finger naß machen, in den Wind halten und auf die nächsten demoskopischen Umfrageergebnisse warten. Er weiß, nach dem Frühjahr kommt der Sommer, und nach dem Sommer kommen der Herbst und der Winter. In dieser Gewißheit handelt er, und der Kreislauf geht Generation für Generation weiter. Ich möchte alle einladen, sich an diesem Vorbild ein Beispiel zu nehmen. Dem Bauernverband wünsche ich für die schwierigen Diskussionen der kommenden Jahre gute Ergebnisse und für die Zukunft alles Gute!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 24. 3. April 1998.