14. Mai 1998
Ansprache anlässlich des Besuchs von Präsident William J. Clinton auf dem Marktplatz in Eisenach


Herr Präsident, lieber Bill Clinton,

herzlichen Dank für Ihren Besuch in Eisenach, für Ihre Rede und für den freundschaftlichen Geist, der aus Ihren Worten sprach. Auf dem Weg hierher sprachen wir darüber, was diese Stadt im Laufe ihrer Geschichte geprägt hat und wie ihre Zukunft aussieht.

Eisenach hat wiederholt im Brennpunkt der Geschichte Deutschlands, Europas und der Welt gestanden. Johann Sebastian Bach wurde hier geboren. Seine Werke sind rund um den Erdball bekannt. Er ist ein Teil der Weltkultur geworden. Martin Luther hat hier gelebt und gearbeitet. Sein Gottvertrauen, sein Glaube und seine Überzeugungen haben die Welt verändert. Das hat diese Stadt geprägt und ihren Namen rund um die Welt getragen. Deswegen, lieber Freund Bill Clinton, ist es gut, daß der Präsident der Vereinigten Staaten heute Eisenach seine Reverenz erweist.

Einen besonderen Einschnitt bedeutete auch für Eisenach die jüngste Vergangenheit, das heißt die Zeit, die viele, die hier auf dem Platz stehen, selbst noch erlebt haben oder aus den Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern kennen: Der Krieg, das Ende der Nazi-Zeit, das Kommen der Amerikaner. Die Menschen hofften damals: "Jetzt ist alles vorbei, und wir werden eine gemeinsame friedliche Zukunft in Deutschland finden". Dann kam für sie die bittere Erkenntnis, daß die Nazi-Barbarei und der verlorene Krieg dazu führten, daß auch diese wunderbare Stadt mit ihren Menschen die Teilung erdulden mußte und sich auf dieser Seite von Mauer und Stacheldraht wiederfand.

Die Menschen hier in Eisenach wie überall in den neuen Bundesländern waren genauso fleißig, ideenreich und engagiert wie ihre Landsleute jenseits der Mauer. Aber ein menschenfeindliches Regime hat sie um die Früchte ihrer Arbeit gebracht.

Die Überwindung der Teilung Deutschlands war für sie wie für uns alle ein Geschenk der Geschichte. Sie konnte verwirklicht werden dank der Hilfe und der Partnerschaft unserer Freunde - allen voran der Amerikaner -, aber vor allem auch dank der Entschlossenheit der Menschen hier wie überall in der damaligen DDR, die sagten: "Wir sind ein Volk. Wir wollen Freiheit. Wir wollen Frieden. Wir wollen im vereinten Deutschland leben."

Herr Präsident, wir haben heute beim Besuch des Opel-Werks von General Motors erlebt, wie sich Gegenwart und Zukunft in Eisenach verbinden. Wir haben Frauen und Männer erlebt, die ideenreich sind und die durch ihre Arbeit, ihren Fleiß und ihre Schaffenskraft dazu beitragen, daß dieser Betrieb in Eisenach zu den effektivsten Automobilwerken in Europa gehört.

Ich habe den Mitarbeitern von Opel-Eisenach bei unserer Diskussion gesagt: "Bei Ihnen hat die Zukunft längst begonnen. Das, was Sie schaffen, hat Bestand. Dieser Betrieb braucht keine Sorgen zu haben, daß andere in der Welt ihm den Rang ablaufen. Hier braucht man international keinerlei Vergleich zu scheuen."

Herr Präsident, meine Damen und Herren, es ist für unsere gemeinsame Zukunft wichtig, daß wir in dieser Zeit dramatischer Veränderungen in der Welt zusammen mit unseren amerikanischen Freunden unseren Beitrag zu Frieden, Freiheit und Wohlstand in der Welt leisten.

Das, Herr Präsident, ist die Botschaft Ihres heutigen Besuches. Nochmals herzlich Willkommen bei uns in Eisenach, in Thüringen und in Deutschland.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 35. 26. Mai 1998.