27. August 1998
Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Die Macht der Nächstenliebe" zum 150-jährigen Bestehen des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland im Deutschen Historischen Museum in Berlin


Herr Präsident des Abgeordnetenhauses, Professor Dr. Haase,
Herr Senator Schönbohm,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrter Herr Bischof,
Herr Präsident Gohde,
lieber Herr Professor Stölzl,
meine Damen und Herren,

ich bin sehr gerne nach Berlin ins Deutsche Museum gekommen, um mit Ihnen gemeinsam diese Ausstellung zu eröffnen. Ich denke, dieses Haus ist der richtige Platz, den 150. Geburtstag - wenn ich es so sagen darf - des Diakonischen Werkes zu begehen, weil es ein Ort des Nachdenkens und des Innehaltens ist. In diesem Museum in Berlin-Mitte können wir auch in besonderer Weise spüren, daß die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes ein wirkliches Geschenk ist.

150 Jahre Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland - das ist ein beeindruckendes Jubiläum. Allen, die im Lauf der Jahrzehnte einen Beitrag zum segensreichen Wirken des Diakonischen Werkes geleistet haben, möchte ich ein herzliches Wort des Dankes sagen. Ebenso danke ich allen, die zum Gelingen dieser Ausstellung beigetragen haben. Mittlerweile wird von manchen Zeitgenossen die Meinung verbreitet, daß es altmodisch geworden sei, "Danke" zu sagen. Ich halte es hier mit Romano Guardini, der den Dank einmal als "Erinnerung des Herzens" bezeichnet hat - und das paßt sehr gut zu dieser Stunde.

Diese historische Ausstellung macht vieles sichtbar, ja nacherlebbar, was die Geschichte der Diakonie, der evangelischen Kirche und unseres Sozialwesens in den letzten 150 Jahren ausmacht. Sie steht in der Tradition großartiger Ausstellungen in der zehnjährigen Geschichte des Deutschen Historischen Museums.

Es ist die letzte große Ausstellung, die vor dem Neubau des Wechselausstellungsgebäudes und vor dem Umbau des Zeughauses hier eröffnet wird. Heute nachmittag werden wir den ersten Spatenstich für das neue "Schauhaus" auf der Baustelle hinter dem Zeughaus vornehmen. Für das Deutsche Historische Museum ist dieser Tag also in doppelter Hinsicht von besonderer Bedeutung. Für mich ist es eine glückliche Stunde, die ich mir immer gewünscht habe. Vor allem bin ich hierher gekommen, um der Diakonie von Herzen zu gratulieren. Aber ich bin auch gekommen, um mit Ihnen gemeinsam auf das Geleistete zurückzublicken. Gleichzeitig möchte ich mich mit Ihnen für eine gute Zukunft der Diakonie einsetzen.

Die Ausstellung zeugt in eindrucksvoller Weise vom Werden und Wirken der Diakonie in Deutschland. Sie zeigt uns: Ihr Verband kann stolz sein auf sein 150jähriges Bestehen und seine erfolgreiche Arbeit. Was Sie in dieser Zeit geschafft und aufgebaut haben, ist Ansporn für die Zukunft. In diesen 150 Jahren gab es eine enorme Veränderung in der Gesellschaft in unserem Land, in Europa und in der ganzen Welt. Es waren Umbrüche, wie sie die Geschichte selten zuvor erlebt hat. Sie sind in Bildern festgehalten, die hier in diesem Haus zu sehen ist.

Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche ist fest in unserer Gesellschaft verankert; es leistet einen unverzichtbaren Beitrag zu Mitmenschlichkeit und gelebter Solidarität in unserem Land. Schon die Zahlen sprechen für sich: Mehr als 400000 Menschen sind im Dienste des Diakonischen Werkes hauptamtlich tätig, hinzu kommt eine große Zahl von Ehrenamtlichen. Ihnen allen gebührt unser Dank und unsere Anerkennung. 31000 Dienste und Einrichtungen der Wohlfahrtspflege gehören dem Diakonischen Werk an. Damit gehört das Diakonische Werk zu den größten Trägern sozialer Dienstleistungen in Deutschland.

Aber die Bedeutung Ihrer Arbeit geht weit über diese Zahlen hinaus: Ohne Ihre Leistung wäre die umfassende Betreuung vieler Menschen nicht möglich. Ich denke beispielsweise an die Jugend-, Familien-, Alten- und Behindertenhilfe sowie an die stationäre medizinische Versorgung. Was in den Einrichtungen Ihres Verbandes Tag für Tag geschieht, steht für gelebtes Christentum, für praktizierte Nächstenliebe und Hilfe für Menschen, die in Not geraten sind. Besonders freut es mich, daß die Diakonie mit dem anderen großen christlichen Wohlfahrtsverband, der Caritas, eng zusammenarbeitet. Hier wird Ökumene ganz praktisch gelebt.

Meine Damen und Herren, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Diakonischen Werkes schöpfen ihre Kraft vor allem aus dem Glauben und der langen Tradition Ihres Verbandes. Die christliche Botschaft, notleidenden oder gefährdeten Mitmenschen selbstlos zu helfen und für sie zu sorgen, ist für die Diakonie Verpflichtung und Auftrag. Gerade in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft ist es keine leichte Aufgabe, dieses Selbstverständnis zu pflegen. Die Diakonie stellt sich diesen Herausforderungen in hervorragender Weise.

Im vergangenen Jahr haben Sie Ihr "Leitbild" für die Zukunft vorgestellt. Sie betonen darin, daß Ihr Verband den veränderten gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen innovativ und gerecht begegnen will. Der mutige Blick nach vorn prägte bereits die Anfänge Ihres Wirkens: Schon auf dem ersten deutschen Kirchentag in Wittenberg, am 22. September 1848, proklamierte Johann Hinrich Wichern den Aufbruch in eine neue Epoche. Er erinnerte die Kirche an ihre soziale Verantwortung. Sein Ziel war die Konzentration und der planmäßige Ausbau bestehender Einrichtungen. Damit begann ein neues Kapitel in der Entwicklung der Diakonie. Die Gründung der "Inneren Mission" im Revolutionsjahr 1848 war der Versuch, zur Lösung der "sozialen Frage" beizutragen: Die Kirche sollte sich auf beides besinnen - die Wortverkündung und die rettende Tat der Liebe.

Meine Damen und Herren, mit der Gründung der Diakonie wurde dem evangelischen sozialen Engagement ein Haus gebaut, das die vielfältigen Initiativen unter einem gemeinsamen Dach bis heute beherbergt. Schon bald stand der Name "Diakonie" in ganz Deutschland für praktizierte Nächstenliebe.

150 Jahre Diakonie spiegeln auch die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten wider. Das dunkelste Kapitel war die Zeit der Nazi-Barbarei: Die Diakonie konnte sich nur unter größten Schwierigkeiten dem Zugriff der sogenannten nationalsozialistischen Wohlfahrtspflege entziehen und einen Teil ihres Wirkungskreises bewahren. Nach dem Krieg konnte die "Innere Mission" im freien Teil Deutschlands ihre Tätigkeit fortsetzen. Auf der Kirchenkonferenz in Treysa im August 1945 wurde das "Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland" gegründet. Diese Hilfsorganisation trug wesentlich dazu bei, die Folgen des Zweiten Weltkrieges zu bewältigen; damals herrschten Hunger und Wohnungsnot, Flucht und Vertreibung. Eine wesentliche Aufgabe war deshalb auch die Familienzusammenführung. In diese Arbeit war jede Kirchengemeinde einbezogen.

Es gibt heute nicht mehr sehr viele, die noch aus eigener Erfahrung wissen, wie schwierig die Arbeit der kirchlichen Wohlfahrtsverbände damals war. Aber das, was damals geschehen ist, darf nicht in Vergessenheit geraten. Es muß uns stets Mahnung auf dem Weg in die Zukunft sein.

Ebenso sollten wir aber auch gerade die jungen Menschen immer wieder daran erinnern, welche Werte und Tugenden nach dem Krieg den Neubeginn in unserem Land ermöglicht haben. Es war eine großartige Leistung jener Generation, die in scheinbar auswegloser Lage unsere Bundesrepublik Deutschland mit Entschlossenheit, Tatkraft und Zuversicht aufgebaut hat! Gerade in diesen Tagen erinnern wir uns an die Eröffnung des Parlamentarischen Rats vor fünfzig Jahren. Und im kommenden Jahr begehen wir den 50. Geburtstag unserer Bundesrepublik Deutschland.

Auch seit der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes 1990 ist Herausragendes geleistet worden. Der Aufbau der Freien Wohlfahrtspflege in den neuen Bundesländern war und ist eine besonders große Herausforderung. Sie haben diese Aufgabe entschlossen angenommen. Wir haben deshalb allen Grund zum Dank für die großen Anstrengungen und die die Mühe, mit denen Sie sich für den Neubeginn der Wohlfahrtspflege in den neuen Bundesländern eingesetzt haben. Wer sich zurückerinnert, wie die Situation in den neuen Ländern vor acht Jahren war, der wird bestätigen: Es ist ungeheuer viel geleistet worden. Darauf können alle Deutschen gemeinsam stolz sein.

Meine Damen und Herren, wir leben in einem Land, das von einem beachtlichen Maß an Wohlstand und sozialer Sicherheit gekennzeichnet ist. Gleichwohl geraten immer wieder Menschen in Not und schwierige Lebenssituationen. Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, Krankheit, Sucht, Mangel an Liebe und Geborgenheit - das alles sind Beispiele dafür. Hier zu helfen, stellt auch die Diakonie vor ständig neue Herausforderungen.

Wir stehen heute vor der großen Aufgabe, unseren Sozialstaat so umzubauen, daß er auch in Zukunft auf einer soliden finanziellen Grundlage steht. Dabei brauchen wir gerade auch die Fachkenntnisse und die Erfahrungen Ihres Verbandes. Alle, die in Deutschland Verantwortung tragen, müssen gemeinsam um den richtigen Weg zur Lösung ringen. Dabei werden wir sicherlich in manchen Punkten verschiedener Meinung sein. Aber wir sollten uns gemeinsam gegen das Vorurteil zur Wehr setzen, daß die notwendige Reform unseres Sozialstaates als sozialer Kahlschlag diffamiert wird.

In Deutschland wenden wir über ein Drittel unseres Sozialproduktes für soziale Zwecke auf. Daß der Umbau des Sozialstaates für uns nicht Abbau bedeutet, haben wir in den vergangenen Jahren gezeigt, zum Beispiel mit der Einführung der Pflegeversicherung und auch mit der verbesserten Anrechnung von Kindererziehungszeiten in der Rentenversicherung.

Meine Damen und Herren, ich bin ein Schüler von Ludwig Erhardt und bleibe ein leidenschaftlicher Anhänger der Sozialen Marktwirtschaft. Von einer reinen marktwirtschaftlichen Ordnung unterscheidet sich dieses Konzept dadurch, daß es die Verantwortung für den Mitmenschen und den sozialen Ausgleich mit einbezieht. Nur so schaffen wir eine Gesellschaft mit menschlichem Antlitz.

Die Zukunft unserer Sozialen Marktwirtschaft ist nur dann gesichert, wenn wir zu den notwendigen Anpassungen bereit sind. Das soziale Netz reißt, wenn wir es überspannen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß sich die Welt um uns herum und unsere eigene Gesellschaft dramatisch verändern. Als Beispiele nenne ich nur die Globalisierung der Märkte und die Veränderungen im Altersaufbau unserer Bevölkerung.

Die Bundesregierung stellt sich den Herausforderungen. Wir stehen zu unserer Verantwortung für dieses Land - gerade auch im Sinne der jüngeren Generation. Dazu gehört der Mut zu unbequemen, aber notwendigen Entscheidungen. Wer sich dieser Aufgabe verweigert, versündigt sich an der Zukunft unseres Landes.

Wir haben in den vergangenen Jahren ein umfassendes Reformprogramm für mehr Wachstum und Beschäftigung verwirklicht. Dadurch haben wir private Initiative gefördert, die Schaffung neuer Arbeitsplätze ermöglicht und so unseren Sozialstaat gesichert. Und unsere Reformen tragen Früchte: Seit Februar dieses Jahres nimmt die Zahl der Erwerbstätigen - auch in saisonbereinigter Rechnung - zu. Die Zahl der Arbeitslosen liegt bereits im dritten Monat in Folge unter dem Vorjahreswert - inzwischen um 220000. Damit ist - auch nach der Definition der Bundesanstalt für Arbeit - die Wende am Arbeitsmarkt erreicht. Mit der Steuerreform, die von der Opposition torpediert worden ist, wären wir bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit schon ein gutes Stück weiter. Die große Steuerreform ist der entscheidende Schlüssel zu mehr Investitionen - und damit auch zu mehr Arbeitsplätzen - in Deutschland.

Meine Damen und Herren, auch die Rentenreform ist angesichts der enormen demographischen Herausforderung in unserem Land unverzichtbar. Am bewährten System der beitragsbezogenen, umlagefinanzierten Rente halten wir fest. Auch der Staat steht zu seiner Verantwortung für die Rentenversicherung: Der Bundeszuschuß beläuft sich inzwischen auf über 100 Milliarden D-Mark. Dazu stehe ich. Durch die Rentenreform wird keine Rente gekürzt, aber die Steigerung der Renten wird der demographischen Entwicklung angepaßt. Hätten wir nicht gehandelt, wären der Beitragssatz und damit die Lohnzusatzkosten weiter gestiegen; eine höhere Arbeitslosigkeit wäre die unausweichliche Folge.

Meine Damen und Herren, die Zukunftsfähigkeit unseres Landes hängt neben den materiellen Voraussetzungen entscheidend davon ab, daß unsere Werteordnung stimmt. Es geht dabei um den unauflöslichen Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung, um die Bedeutung von Werten und Tugenden, nicht zuletzt um den Stellenwert der Familie. Auch wenn viele heute unterschiedliche Lebensziele verfolgen, so bin ich doch der festen Überzeugung, daß an der Verpflichtung unseres Staates zum Schutz der Familie, vor allem der Familie mit Kindern, nicht gerüttelt werden darf. Das haben schon die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes so festgelegt. Es geht bei all dem vor allem auch um die Bereitschaft zur Mitmenschlichkeit und zum tätigen Dienst am Nächsten.

Ihre Arbeit trägt hierzu Wichtiges bei. Es gibt in unserem Land eine große Bereitschaft, sich einzubringen, mit anzupacken und einander zu helfen. So kann sich Ihre Arbeit auf zahlreiche haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stützen. Sie alle gehören zu den Leistungsträgern im besten Sinne des Wortes.

Meine Damen und Herren, unser Ziel ist es, das 21. Jahrhundert menschlich zu gestalten. Voraussetzung dafür ist, daß wir unser Aufbauwerk in Deutschland und in Europa in Frieden und Freiheit fortsetzen können. Nur im Miteinander mit unseren Freunden und Partnern werden wir die gemeinsamen Probleme - auch im sozialen Bereich - lösen können. Aber natürlich bedeutet dies kein europäisches Einerlei. Europas Stärke ist seine Einheit in Vielfalt. Das wird auch in Zukunft so bleiben.

Deshalb haben wir in der Europäischen Union eine neue Initiative zur Stärkung des Subsidiaritätsprinzips eingebracht. In Brüssel soll nur das entschieden werden, was nicht in ausreichendem Maße auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene entschieden werden kann und was zugleich besser auf europäischer Ebene zu regeln ist.

Ein bedeutender Fortschritt für die europäische Sozialpolitik war die Aufnahme des Sozialabkommens von Maastricht in den EG-Vertrag. Dort ist vorgesehen, daß die Wohlfahrtsverbände auf der EU-Ebene Gehör finden müssen. Ich habe mich persönlich dafür eingesetzt, daß die Zusammenarbeit der Europäischen Gemeinschaft mit den Verbänden der Wohlfahrtspflege auf diese Weise festgeschrieben ist. Und ich werde mich auch in Zukunft für Ihre Belange einsetzen.

Es ist sehr zu begrüßen, daß die nationalen Wohlfahrtsverbände den Schulterschluß mit ihren europäischen Freunden und Partnern suchen. Wir alle sind gefordert, uns am Bau des Hauses Europa nach Kräften zu beteiligen. Besonders freut es mich, daß sich die Länder des früheren Ostblocks beim Aufbau ihrer Sozialsysteme an unserem System der freien Wohlfahrtspflege orientieren.

Meine Damen und Herren, lassen Sie uns gemeinsam für eine gute Zukunft Europas arbeiten - im Geiste christlicher Verantwortung und im Bewußtsein unserer bewährten Traditionen. Das vereinigte Europa kann nur bestehen, wenn wir uns auf unsere Ursprünge, unsere christlich-abendländische Tradition besinnen. Der Beitrag der Kirchen und ihrer Verbände ist dabei unverzichtbar.

Sie haben als Leitwort für dieses Jubiläumsjahr das Motto "Stark für andere" gewählt. Eine solche Einstellung brauchen wir heute mehr denn je. Dabei geht es nicht nur darum, für die Schwachen einzutreten. Wir müssen zugleich die Starken ermutigen, ihre Fähigkeiten und ihre Talente zum Wohl des Nächsten einzusetzen. Der Diakonie und allen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wünsche ich für die Zukunft viel Kraft, alles Gute und Gottes Segen!

Meine Damen und Herren, hiermit erkläre ich diese Ausstellung für eröffnet. Ich wünsche allen, die daran mitgewirkt haben, den verdienten Erfolg!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 62. 18. September 1998.