27. August 1998
Ansprache anlässlich des ersten Spatenstiches für den Neubau des Wechselausstellungsgebäudes des Deutschen Historischen Museums in Berlin


Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,
lieber Eberhard Diepgen,
sehr geehrte Herren Senatoren,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
lieber Herr Professor Stölzl,
sehr geehrter Herr Pei, sehr verehrte Frau Pei,
meine sehr geehrten Damen und Herren

für mich - ich hoffe, für uns alle - ist dies ein großartiger Tag: einer der Tage, an denen man die Freude darüber genießen kann, daß wir gemeinsam in der Hauptstadt des wiedervereinten Deutschlands wieder einen ersten Spatenstich vornehmen können. Das ist in dieser Zeit eigentlich nichts Besonders, aber wenn Sie alles zusammenfügen - den Zeitpunkt, zwei Jahre vor dem Ende dieses Jahrhunderts; den Ort, nämlich jenen Teil unserer Hauptstadt, den man noch vor zehn Jahren als "Ostberlin" bezeichnete; den Platz inmitten von Gebäuden, an denen jeder Stein ein Zeugnis der Geschichte ist -, dann kann man sich über dieses Ereignis nur von Herzen freuen.

Was wir hier feiern, ist der erste Spatenstich für das Wechselausstellungsgebäude des Deutschen Historischen Museums. Dies ist der Einstieg in einen neuen Abschnitt in der Entwicklung dieses Museums. Es ist ein großartiger Tag für Berlin und seine kulturelle Ausstrahlung. Es ist auch ein großartiger Tag für unser Land.

Vor nunmehr fünfzehn Jahren habe ich den damals sehr umstrittenen Vorschlag der Gründung eines Deutschen Historischen Museums in Berlin gemacht. Das löste zunächst einmal einen furchtbaren Streit aus, ob ein Deutsches Historisches Museum in Berlin überhaupt gebraucht werde, ob das nicht zu viel koste und ob es - wie manche angebliche Kenner sagten - überhaupt sinnvoll sei, ein solches Haus für die Vermittlung von Geschichte zu bauen. Trotzdem ist es entstanden. Die Kritiker von damals sind still geworden. Das beobachten wir ja auch in anderen Zusammenhängen.

Im vergangenen Oktober haben Sie auf das zehnjährige Bestehen dieses Museums zurückgeblickt. Ich möchte daher ein Wort des Dankes sagen an Sie, lieber Herr Professor Stölzl, weil Sie in diesen zehn Jahren seit Gründung des Museums etwas auf die Beine gestellt haben, was viele überhaupt nicht für möglich gehalten haben. Wir haben gerade heute eine beeindruckende Ausstellung zur 150jährigen Geschichte der Diakonie eröffnet. Wer sich die Ausstellungen des Deutschen Historischen Museums anschaut - und die Zahl der Besucher ist beachtlich -, der weiß: Diese zehn Jahre sind eine großartige Erfolgsstory.

Das Deutsche Historische Museum hat sich schnell eine herausragende Ausnahmestellung unter den Museen unseres Landes erworben. Es verdient seinen Standort in der Mitte der deutschen Hauptstadt. Ebenso verdient es eine Architektur, die ihm hier in dieser besonderen Lage zwischen der Neuen Wache und der Museumsinsel ein eindrucksvolles und unverwechselbares Gesicht gibt. Ich kenne niemanden, der hier intensiver, klarer und überzeugender seine Handschrift anbringen könnte als Sie, lieber Herr Pei. Sie sind mit Ihren Bauten auf drei Kontinenten zu Hause. Ich denke vor allem an die John F. Kennedy Library in Boston, die National Gallery in Washington oder den Pariser Louvre, wo wir uns kennen- und schätzengelernt haben bei unserem gemeinsamen Freund François Mitterrand.

Ich kann mich immer nur wundern, wie verhältnismäßig unkompliziert die Entscheidungsprozesse sind, wenn in der Französischen Republik repräsentative Bauten errichtet werden. In Deutschland wären die normalen Folgen drei bis vier Sondersitzungen des Parlaments und mindestens zwei Untersuchungsausschüsse. Ich habe den Kontrast hierzu im Elysée aus der Nähe erlebt. Wir können uns mit diesem Rahmen nicht messen, wir haben auch nicht den Ehrgeiz dazu. Ich bin aber sicher, daß das, was hier geschieht, allen Betrachtern zeigen wird: Wir haben den besten Mann für diesen Neubau gewonnen.

Die Art, wie Sie, lieber Herr Pei, zugesagt haben, bleibt für mich unvergeßlich. Sie haben im Zusammenhang mit Ihrem jugendlichen Alter verständlicherweise darauf hingewiesen, daß Sie so etwas eigentlich nicht mehr tun sollten. Sie haben mich darauf hingewiesen, daß Sie dabei sind, noch wichtige Projekte zu gestalten. Aber dann fragten Sie, ob Sie in drei bis vier Tagen wiederkommen könnten. Sie sind dann in Berlin gewesen und haben sich alles genau angeschaut. Dann hat Sie der Ehrgeiz gepackt - das war eine guter Moment für uns alle! Sie sagten etwas, das ich gerne wiederhole: "Dort zu bauen, wo Karl Friedrich Schinkel gebaut hat - einer der größten Architekten, die ich kenne -, das ist für mich eine Ehre."

Sie haben die Herausforderung angenommen und für das Schauhaus des Deutschen Historischen Museums eine meisterhaft gestaltete Architektur entworfen. Daß Sie in Berlin dabei in die Kritik geraten sind, lieber Freund, versteht sich fast schon von selbst: In Deutschland gerät alles in die Kritik, und in Berlin gilt das in besonderer Weise. Deswegen sind die Vorzeichen für ein gutes Gelingen um so besser.

Im Blick auf das Zeughaus, das älteste Gebäude Unter den Linden, einen der bedeutendsten Barockbauten Berlins, stellen Ihre Pläne ein weiteres Mal eine faszinierende Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft her. Transparenz und Licht machen den Anspruch des Museums deutlich, Geschichte zu erklären und für die Menschen der Gegenwart nachvollziehbar zu machen. Das Prinzip der Offenheit von Geschichte und aller Versuche, sie zu erklären, findet sich wieder in der Beweglichkeit der Eindrücke, die sich dem Besucher des Schauhauses vermittelt.

Der gläserne Treppenturm rückt mit der Neuen Wache die Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland zur Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in den Blickpunkt des Museums. Trauer auf der einen und Verständnis für Geschichte auf der anderen Seite - das sind keine Gegensätze. Erinnerung vermag über das Trauern hinaus zur Verantwortung vor der Geschichte zu führen. Dies soll hier in diesem Miteinander von Museum und Neuer Wache erlebbar werden. Unter den Linden wird es kaum möglich sein, nicht auf diesen Bau aufmerksam zu werden. Und im Museum wird es unmöglich sein, sich dem Blick auf die ganze Geschichte unseres Landes und Volkes zu entziehen. Ich freue mich schon jetzt auf meinen ersten Besuch in diesem Schauhaus.

Meine Damen und Herren, das Deutsche Historische Museum ist das erste Museum, das der gesamten deutschen Geschichte gewidmet ist. Mit seiner Gründung wurde eine Lücke in der deutschen Kulturlandschaft geschlossen. Es ist auch in der kulturpolitischen Zukunftsplanung der Bundesregierung von wesentlicher Bedeutung. Rang und Wirkung der Kulturpolitik werden und müssen sich vor allem in der Ausgestaltung der Hauptstadt und des zukünftigen Parlaments- und Regierungssitzes hier in Berlin erweisen.

Wir knüpfen damit am Ende dieses Jahrhunderts an eine große Tradition an. Wir sollten dies nicht in Wehmut tun, wohl aber in dankbarer Erinnerung an jenen Teil unseres geistesgeschichtlichen Erbes, der aus Berlin und Deutschland durch die Barbarei der Nazis unwiederbringlich vertrieben wurde. Was hier geschehen ist, vor allem an unseren jüdischen Mitbürgern, die für das kulturelle Leben in Deutschland im ersten Drittel dieses Jahrhunderts eine so entscheidende Bedeutung hatten, werden wir nicht ungeschehen machen können - aber wir können uns auf den Weg machen, diese Kapitale Berlin im Geiste der Menschlichkeit als eine der großen und großartigen Hauptstädte der Welt zu gestalten. Wir sollten das mit Mut tun und zugleich mit einer Gelassenheit, die uns gut zu Gesicht steht.

Lieber Herr Pei, Sie kommen aus London, wo die britische Regierung zur 2000-Jahr-Feier den gewaltigen Millenium-Dome errichtet. Solche Projekte führen uns vor Augen, daß die Zukunft einer Nation nicht nur mit der Lösung materieller Probleme zu tun hat. Wachstum, Arbeitsplätze, soziale Sicherheit - sie sind von herausragender Bedeutung für das Wohl unseres Landes und der hier lebenden Menschen. Aber wir wären ein armes Land, wenn wir darüber die immaterielle Dimension der Zukunftsgestaltung vergäßen. So setze ich darauf, daß unsere Kulturlandschaft gerade hier in Berlin einen Mittelpunkt findet und das Selbstverständnis einer großen Nation verdeutlicht, die neben schlimmen Kapiteln ihrer Geschichte auch Grund zum Stolz hat.

Die Ausstrahlung dieser Stadt ist nicht allein für Berlin wichtig. Es ist wichtig, daß auch in den Ländern verstanden wird, daß Deutschland als Ganzes gewinnt, wenn von Berlin eine solche kulturelle Ausstrahlung ausgeht. Hamburg und München, Köln und Frankfurt, Dresden und Düsseldorf: Auch diese und andere kulturelle Zentren unseres Landes werden von dem geistig-kulturellen Austausch mit Berlin profitieren. Ich sage das voller Respekt vor der Geschichte und Gegenwart dieser geistig-kulturellen Zentren unseres Landes.

Wenn wir heute mit diesem ersten Spatenstich erneut ein Zeichen setzen für die kulturelle Bedeutung Berlins, dann ist das ein selbstverständliches Bekenntnis zum Primat der Hauptstadt Berlin - aber nicht als "Kulturhauptstadt" im Sinne anderer Länder mit einer anderen, zentralistisch ausgerichteten nationalstaatlichen Tradition. Ein solcher Gedanke wäre mit der Tradition unserer föderalen Ordnung, mit unserem spezifischen Selbstverständnis als Kulturnation nicht vereinbar; wir wollen vor allem den Respekt vor dem bewahren, was in der jeweiligen Heimat gewachsen ist. Zentralismus und Vielfalt passen nicht zusammen. Auch aus diesem Grund halte ich nichts davon, durch "Bündeln" und "Zusammenfassen" kulturpolitischer Aufgaben wichtige politische Ressorts aus ihrer kulturstaatlichen Verantwortung zu entlassen.

Ich nehme gerne - auch angesichts einer aktuellen Diskussion -, diese gute Gelegenheit wahr, mich bei Staatsminister Anton Pfeifer zu bedanken. Er ist nicht Beauftragter für alles und jedes, aber er hat in seiner unprätentiösen, überaus kundigen Art viel für die Kultur in Deutschland - nicht zuletzt in Berlin und den neuen Ländern - bewegt und erreicht. Er betreibt in einer hervorragenden Weise erfolgreich ein unendlich mühsames Geschäft, nämlich Bund, Länder und Gemeinden sowie alle, die am großen bunten Teppich des kulturellen Lebens mitweben, zusammenzubringen. Man kann leicht sagen, dieses und jenes sei "Chefsache" - vor allem dann, wenn man nichts davon versteht. Wenn man bestimmte Ideen in der Praxis aber durchsetzen muß, dann ist es sehr viel schwieriger, dann braucht man jemanden wie Staatsminister Anton Pfeifer. Er macht einen guten Job, wie man es heute gern ausdrückt. Dafür möchte ich ihm meinen herzlichen Dank aussprechen!

Meine Damen und Herren, die Bundesregierung steht zu ihrer Verantwortung für die kulturelle Gestaltung unserer Hauptstadt und unseres zukünftigen Parlaments- und Regierungssitzes. Die kulturelle Gestalt und die Ausstrahlung Berlins sind eine gesamtstaatliche Herausforderung. Das geht alle an, auch jedes einzelne Bundesland. Es ist daher sehr gut, daß der Bundesrat jetzt endgültig beschlossen hat, künftig ebenfalls an der Spree zu tagen und nicht am Rhein zu bleiben.

Ich freue mich darüber, daß die Bundesländer ihre Landesvertretungen jetzt in Berlin aufbauen. Aber ich wünsche mir auch, daß darüber hinaus der Gedanke ernstgenommen wird, daß dies unsere gemeinsame Hauptstadt ist - ungeachtet vernünftiger, vertretbarer und respektabler regionaler Interessen von Bayern und Sachsen, Rheinländern und Mecklenburgern.

Was die Förderung der Kultur in Berlin durch die Bundesregierung angeht, ist es ganz selbstverständlich, daß wir im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen. In diesem und im nächsten Jahr werden mit über 400 Millionen D-Mark, mehr als ein Drittel aller Ausgaben des Bundes, für Kultur im Inland nach Berlin fließen.

Ich will den Verhandlungen über eine Anschlußvereinbarung für den im nächsten Jahr auslaufenden Hauptstadtvertrag nicht vorgreifen. Berlin kann sich jedoch darauf verlassen, daß der Bund auch weiterhin seiner kulturpolitischen Verantwortung der deutschen Hauptstadt gegenüber gerecht werden wird. Berlins herausragende Kulturinstitutionen dürfen auch in Zukunft eine wirkungsvolle Hilfe seitens des Bundes erwarten, die einer Hauptstadt mit internationalem Anspruch und föderaler Verpflichtung gerecht wird.

Meine Damen und Herren, diesen Anspruch verkörpert auch das Schauhaus, dessen ersten Spatenstich wir gleich begehen wollen. Ihnen, lieber Herr Professor Stölzl, und dem Deutschen Historischen Museum, vor allem Ihnen, lieber Herr Pei, sowie allen, die an der Planung und Durchführung der Arbeiten beteiligt sein werden, wünsche ich für dieses Projekt viel Erfolg und ein gutes Gelingen. Das, was hier entsteht, ist ein Stück Zukunft, auf das Beste verbunden mit Geschichte und Gegenwart. Es steht uns allen gut an, uns dabei einem hohen Anspruch zu stellen.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 63. 22. September 1998.