17. Dezember 1996: Rede anlässlich des Abschiedsempfangs für Oberbürgermeister Manfred Rommel in Stuttgart


Sehr verehrte, liebe Frau Rommel, lieber Manfred Rommel,
Herr Ministerpräsident, Herr Landtagspräsident,
Exzellenzen, meine Damen und Herren Abgeordnete,
verehrte Gäste,

ich will einen der Ehrengäste besonders begrüßen: Lieber Freund Pierre Pflimlin, ich freue mich, daß Sie hier sind! Es ist gut, daß Sie als ein alter Vorkämpfer der deutsch-französischen Freundschaft zu dieser Feierstunde gekommen sind - als früherer Ministerpräsident der Französischen Republik und legendärer Bürgermeister von Straßburg. Herzlich willkommen!

Meine Damen und Herren, was hier auf diesem Transparent steht, das ist eigentlich eine Liebeserklärung: "Lieber Herr Rommel, Stuttgart ist stolz auf seinen Oberbürgermeister. Wir verdanken ihm viel." Besser kann man es gar nicht sagen. Es ist nur wenigen in politischen Ämtern beschieden, daß sie am Ende einer großen Amtszeit in einer so eindrucksvollen Weise verabschiedet werden. Ich sage es ganz einfach: Sie haben es verdient!

Zunächst einige Worte zu Ihrem Lebensweg: Wer 1928 geboren wurde, ist in seinen Kinder- und Jugendjahren noch mitten hinein geraten in den Krieg - mit allem, was dies bedeutet hat. Wer dazu noch die persönliche Tragödie der eigenen Familie erlebt hat, ist in einer besonderen Weise von jener Zeit geprägt. Dies alles geht Manfred Rommel, wie ich weiß, in einer solchen Stunde durch den Kopf. Ich finde es richtig, daran zu erinnern.

Manfred Rommel ist geprägt von seinen Lebenserfahrungen, seiner Kindheit. Er ist geprägt durch viele Ortswechsel infolge des Soldatenberufs seines Vaters, durch die Erfahrung als Luftwaffenhelfer 1944, durch Arbeitsdienst und französische Kriegsgefangenschaft, durch Schule und Studium in der Nachkriegszeit. Nach dem Studium sowie Erstem und Zweitem juristischen Staatsexamen kam der Beginn der beruflichen Laufbahn als Regierungsassessor in der Innenverwaltung des Landes Baden-Württemberg.

Nach Ihrer Tätigkeit im Innenministerium und Staatsministerium folgte der Wechsel in das baden-württembergische Finanzministerium. Sie wurden Finanzstaatssektretär, dann - nach dem Tode von Arnulf Klett - Oberbürgermeister von Stuttgart. 22 Jahre lang waren Sie Oberbürgermeister dieser großartigen europäischen, deutschen und schwäbischen Metropole. Sie waren viele Jahre, Jahrzehnte Mitglied des Präsidiums des Deutschen Städtetags, sein Präsident und Vizepräsident.

Als Zeitzeuge weiß ich: Kein deutscher Oberbürgermeister kann so überzeugend jammern wie Manfred Rommel. Wenn es ums Geld ging, wußte man, was einen in einer Besprechung mit ihm als Präsident oder Vizepräsident des Deutschen Städtetags erwartete. Da war er wirklich einzigartig - mit einem vergrämten Gesicht. Es konnte einem die Milch sauer werden, die man am Tag vorher getrunken hatte. Mit Erfolg konnte er dies immer wieder so wunderbar darbieten und zelebrieren.

Manfred Rommel war - und ich weiß, was ihm das bedeutet hat - von 1991 bis 1993 erster Präsident des gesamtdeutschen Städtetags. Das war für Sie nicht irgendeine Sache, denn Sie gehören zu jenen in unserem Volk, die die Idee der deutschen Einheit nie aufgegeben hatten. Ich weiß, wie sehr Sie sich gerade in diesen Jahren Ihrer Amtszeit - auch als Präsident des Verbandes kommunaler Unternehmer - für das Gelingen der inneren Einheit unseres Vaterlandes eingesetzt haben. Ich denke etwa an die Auseinandersetzung zwischen den ostdeutschen Kommunen und den Energieunternehmen. Damals haben Sie wesentlich zu einer erfolgreichen Lösung beigetragen.

Da ist auch das andere, das ich hervorheben möchte: Ihr Engagement für die deutsch-französische Zusammenarbeit. Manfred Rommel ist Europäer - ein schwäbischer, ein deutscher Europäer. Das hat er immer gelebt, er war immer auch Weltbürger. Er ist für mich ein überzeugendes Beispiel, daß Mundart - in diesem Fall das Schwäbische - und weltbürgerliches Denken sehr wohl zusammenpassen, obwohl dies manche Ordinarien auf germanistischen Lehrstühlen nicht glauben.

Ich habe die Daten genannt - die Karriere, wenn Sie so wollen. Aber, meine Damen und Herren, das sagt eigentlich wenig aus über den Menschen und seine Persönlichkeit. Wer Manfred Rommel im Laufe der Jahrzehnte erlebt hat - und ich bin dankbar für viele freundschaftliche Begegnungen und manchen guten Rat -, der weiß: Er ist ein Mann von einem sehr eigenen Charakter. Er ist ein Mann von hohem Sachverstand, der nicht - wie mancher Zeitgenosse - der Meinung ist, daß man einfach über ein Thema reden kann, ohne etwas davon zu verstehen. Er ist ein Mann der Nachdenklichkeit mit einem nicht nur hintergründigen, sondern besonders freundlichen Humor.

Seine Erfahrung auf seinem eigenen Lebensweg hat ihn auch gelehrt, was Not und was schlimme Zeiten für ein Volk bedeuten. Er hat noch etwas auf diesem Weg mitbekommen, nämlich ein besonderes Verhältnis zur Pflicht. Es gibt heutzutage viele, die uns einreden wollen, daß Pflichtbewußtsein und Dienen altmodisch seien. Daß die Stuttgarter sich so von Ihnen verabschieden, lieber Manfred Rommel, ist ein Bekenntnis dazu, daß ein Mann der Pflicht auch als solcher erkannt und anerkannt wird.

Manfred Rommel hat einen hohen Anspruch an sich selbst. Er hat einen Sinn dafür, daß das Geld zusammengehalten wird - ich habe es schon geschildert. Daß die Stadtkasse in gutem Zustand ist, Herr Oberbürgermeister, ist eine wichtige Sache. Wenn andere schon ein paar Jahre früher auf Gedanken gekommen wären, wie Manfred Rommel sie hatte, dann bräuchten sie heute weniger zu jammern. Auch das ist die Wahrheit!

Er hat gewußt, daß geordnete Finanzen das eine sind, daß aber auch eine sachorientierte Politik dazugehört. Ihm war immer bewußt, daß Menschsein und Menschlichkeit etwas zu tun haben mit Kultur, mit Offenheit, mit Sinn für eine wirklich freiheitlich-liberale Gesinnung. Manfred Rommel war immer ein Mann mit Grundsätzen. Wer ihn näher kennt, weiß auch, daß seine Einstellung ihren Ursprung in einer christlich geprägten Werteordnung hat.

Manfred Rommel ist ein Mann der Vernunft. Er kann wunderbare Analysen liefern - insbesondere dann, wenn er sie so gestalten kann, daß er dann mit seinem Argument im Vorteil ist. Er ist ein Pragmatiker der Politik, und er ist offen für Neues. Für den landläufigen Deutschen ist er ein richtiger Schwabe: sparsam, volkstümlich in einer unverwechselbaren Weise, die ein Nicht-Schwabe gelegentlich gar nicht verstehen kann. Es spricht für sich, wenn man in der Stuttgarter Presse ein Photo mit dem Untertitel "Des Rommels neuer Kittel" sehen kann, weil er sich einen neuen Anzug gekauft hat. Der PR-Trick ist das andere, nämlich daß er behauptet: Wenn er nach Bonn fährt, ziehe er seinen "ältesten Anzug" an.

Er verfügt über einen tiefgründigen Humor und die Kunst der Selbstironie. Er hat - auch das gehört zu seinem Bild, meine Damen und Herren - diesen Humor oftmals als Mittel zur Entwaffnung des Gegners oder des Verhandlungspartners eingesetzt. Er ist ein streitbarer Schwabe, die konziliante Form kann darüber nicht hinwegtäuschen. Er ist einsichtig - ich finde gerade das bei einem Mann mit dieser Erfahrung und dieser Rolle im öffentlichen Leben besonders wichtig. Er ist unterhaltsam und kurzweilig. Aber man darf sich nicht täuschen: Wenn er in Verhandlungen besonders kurzweilig und humorvoll ist, soll man ihn besonders ernst nehmen. Das ist eine meiner Erfahrungen. Die mit den leisen Tönen sind oft die gefährlichen. Diejenigen, die laut sind und die Muskeln spielen lassen, haben meistens keine.

Wir kennen uns, lieber Manfred Rommel, seit Jahrzehnten. Ich habe Sie an der Seite von Kurt-Georg Kiesinger erlebt, der sie damals - 1966, als er das Amt des Bundeskanzlers in Bonn übernahm - drängte, in Bonn zu bleiben. Sie sind darauf nicht eingegangen. Kein Angebot konnte Sie aus dem Schwäbischen weglocken. Kurt-Georg Kiesinger hat das nicht verstanden. Ich weiß - und auch das gehört in diese Stunde -, wieviel Kurt-Georg Kiesinger Ihnen und einigen, die hier aus Ihrem engsten Freundeskreis sitzen, in jenen schwierigen, auch dramatischen Stunden Ende des Jahres 1996 zu verdanken hatte. Sie sind sich selbst treu geblieben, sind wieder heimgegangen, und der damalige Ministerpräsident Filbinger hat Sie in das Staatsministerium geholt.

Sie haben in Ihrer Weise dort gewirkt und Spuren hinterlassen - Spuren, die den ganzen Manfred Rommel zeigen: einen Mann, der ernsthaft ist, der aber auch herzlich lachen kann und seinen Spaß macht. Staatsminister Toni Pfeifer hat mir eine Geschichte in Erinnerung gerufen, die ich längst vergessen hatte. Ich möchte sie hier wiedergeben, weil sie mehr sagt als viele Worte. Ministerpräsident Filbinger hatte damals zur Vorbereitung der Landtagswahl eine Meinungsumfrage auf den Weg gegeben. Manfred Rommel hatte den Auftrag, die Umfrage zu gestalten. Da wurde nach dem gefragt, was Politiker besonders gerne hören: Wer ist der Bekannteste? Wer ist der Populärste? Manfred Rommel hat eine entsprechende Liste mit Namen zusammengestellt und hat sie dann an das Meinungsforschungsinstitut gegeben.

Das Ergebnis der Umfrage war zunächst, wie es zu erwarten war: Erster Platz - mit weitem Abstand - Ministerpräsident Hans Karl Filbinger, CDU. Zweiter Platz - damals gab es eine Große Koalition in Baden-Württemberg, und es gehörte sich ebenfalls so - Stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister Walter Krause, SPD. Auf dem dritten Platz landete mit relativ knappem Abstand Staatssekretär Hägele. Dieses Ergebnis war sehr überraschend, denn einen Hägele gab es gar nicht. Hägele war eine Erfindung von Manfred Rommel und seinen Freunden.

Da sehen Sie, wie das mit Umfragen ist. Man kann nur jeden warnen, der sie morgens verzückt in die Hand nimmt und glaubt, das sei die Glückseligkeit. Manfred Rommel hat nie daran geglaubt. Er wußte, daß die Demoskopie - ohne Zweifel - ein nützliches Instrument ist. Er wußte aber auch um deren Relativität. So, lieber Manfred Rommel, ist dieser Staatssekretär Hägele auch eine Aussage über Sie.

1974 mußte man Ihnen die Kandidatur zum Oberbürgermeister, wie ich weiß, geradezu aufzwingen. Sie haben noch viel härtere Worte dafür gefunden. Dennoch war es ein genialer Zug von Hans Karl Filbinger, daß er das Gespür hatte: Dies ist der richtige Mann für Stuttgart. Sie haben hier Ihre Lebensaufgabe gefunden. Diese Liebeserklärung auf dem Transparent hier ist ein Beweis dafür. Sie sind immer wiedergewählt worden mit traumhaften Ergebnissen. Wer kann schon von sich sagen, daß er 71 Prozent der Stimmen erhält, und daß die Sozialdemokraten am Ende nicht einmal mehr einen Gegenkandidaten aufstellen? Auch das gehört zu Manfred Rommel.

In diesem 22 Jahren sind Sie Oberbürgermeister - ich sage es einmal so - mit Leib und Seele gewesen. Sie sind eine Institution geworden - aber keine, die abgehoben ist, fernab von den Menschen. Manfred Rommel und Stuttgart - das wurden Synonyme. Wir haben es im Film gesehen: Es hat enorme Veränderungen in dieser Stadt gegeben. Die Stichworte lauten: Ausbau des Stuttgarter Flughafens, öffentlicher Nahverkehr, Liederhalle, Stuttgarter Messe, Kultur und Sport.

Manfred Rommel will nicht den großen Ruhm. Er ist volkstümlich, aber nicht etwa deshalb, weil in seinem Tageskalender stünde: 10 bis 11 Uhr Begegnung mit dem Volk. Er ist ein richtiger Stuttgarter geblieben. Er hat sehr viel zur menschlichen Offenheit dieser Stadt beigetragen. Auch dazu gab es Bilder in diesem Film. Er hat oft Mut bewiesen und Entscheidungen getroffen, die weit über das hinausgingen, was damals viele für möglich gehalten haben.

Ich finde, es ist noch wichtig, darauf hinzuweisen, was er in vielen Bereichen für die getan hat, die als Nicht-Deutsche in dieser Stadt leben und arbeiten. Viele haben hier eine neue Heimat gefunden, andere sind hierhergekommen, um unsere Freiheit zu verteidigen: die amerikanischen Soldaten. Viele von ihnen haben meistens in jungen Jahren hier ihren Dienst getan. Wenn ich in Washington mit amerikanischen Offizieren spreche, schwärmen sie oft von Stuttgart - von seiner Offenheit, auch von der Deftigkeit, und vor allem von der Chance des Miteinanders in dieser Stadt. All das haben Sie als erster Bürger Ihrer Stadt in einer vorbildlichen Weise vorgelebt.

Und noch etwas ist in diesem Film, wie ich fand, besonders eindrucksvoll gezeigt worden, als Teddy Kollek, der legendäre Bürgermeister von Jerusalem, zu sehen war. Sie haben etwas dazu beigetragen, daß die jüdische Gemeinde, auch wenn sie klein ist, hier in Stuttgart wieder Heimat gefunden hat, daß sie Vertrauen in diese Stadt und ihre Bürgerschaft gefaßt hat. 1987 haben Sie die Auszeichnung "Wächter von Jerusalem" erhalten. Es ist gut, daß wir nach all dem Schrecklichen, das in deutschem Namen in diesem Jahrhundert geschehen ist, wieder jüdische Mitbürger bei uns in Deutschland haben. Daß sie in dieser Stadt in einer besonderen Weise Heimstadt gefunden haben, ist auch Ihr Verdienst. Dafür danke ich Ihnen ganz besonders.

Sie haben immer Vorbilder auf Ihrem Weg gesehen und gehabt, die Sie im Sinne von Demokratie, Rechtsstaat und Völkerverständigung, in Ihrem Verständnis von föderaler Ordnung geprägt haben. Sie haben noch Fritz Erler, den damaligen Landrat von Biberach, erlebt. Einer Ihrer großen Lehrer für Staatsrecht war Carlo Schmid, dessen Engagement für Europa Sie besonders beeindruckte. So gesehen ist es richtig, daß Sie als Koordinator für die deutsch-französische Zusammenarbeit ein Nachfolger von ihm sind. Dieses Amt übte er viele Jahre hindurch aus.

Sie haben sich dieser neuen Aufgabe mit großer Verve, mit großer Entschiedenheit gewidmet. Daß Sie sich sogar noch ein Wörterbüchlein geleistet haben, zeigt es ja! Ich weiß aus den Äußerungen von François Mitterrand genauso wie von Jaques Chirac, wie sehr unsere französischen Kollegen Ihre Berufung schätzen. Sie ist eine Botschaft der Freundschaft, des Miteinanders, des gemeinsamen Baus von Europa. Unsere Generation - Manfred Rommel, wenn ich das so sagen darf: ich bin Jahrgang 1930 - hat in ihrer Jugend, fast noch im Kindesalter den Krieg und all das, was damit verbunden ist, erlebt. Wir tragen eine Botschaft in uns und wollen sie an die Jungen von heute weitergeben: Nie wieder Krieg in Europa! Friede in Europa!

Für all das, lieber Manfred Rommel, will ich Ihnen danken: für Begegnungen, für Freundschaft und gute Kameradschaft, für den Dienst, den Sie hier für Ihre Heimatstadt geleistet haben, für das Beispiel, das Sie gegeben haben, und für die Chancen, die Sie wahrgenommen haben. Das alles ist eine große Leistung. Sie haben sich im besten Sinne des Wortes um Ihre Stadt verdient gemacht.

Lieber Manfred Rommel, ich darf Sie nun bitten, zu mir auf die Bühne zu kommen. Ich darf Ihnen im Auftrag des Herrn Bundespräsidenten eine hochverdiente Auszeichnung überreichen. Die Urkunde hat den Text: "In Anerkennung der um Volk und Staat erworbenen besonderen Verdienste verleihe ich dem Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, Herrn Dr. h.c. Manfred Rommel, das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. - Berlin, Der Bundespräsident".

Lieber Manfred Rommel, herzlichen Glückwunsch zu dieser hohen Auszeichnung! Ich und wir wünschen Ihnen gemeinsam mit Ihrer Gattin, mit Ihrer Familie noch viele gute, gottgesegnete Jahre.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 2. 6. Januar 1997.