14. Januar 1997: Rede anlässlich des Wechsels an der Spitze des Zentralverbands des Deutschen Handwerks in Bonn


Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Ehrenpräsident, lieber Herr Späth,
sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Philipp,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

das Jahr 1997 hat für das deutsche Handwerk mit einem Wechsel an der Verbandsspitze begonnen. Es ist ein Wechsel wie in einer guten Staffel: Es wird Kontinuität deutlich - im Denken und im Handeln.

Ich möchte diese Stunde heute vor allem nutzen, um Ihnen, lieber Herr Späth, wie auch den ehemaligen Präsidiumsmitgliedern Dank für die geleistete Arbeit zu sagen. Herr Späth, Sie haben, wie von Ihnen selbst geschildert, das Amt des Präsidenten an der Spitze des Zentralverbands des Deutschen Handwerks vor nahezu zehn Jahren - 1988 - übernommen. Dabei haben Sie bei Ihrem Denken und Handeln stets die Interessen des Handwerks vor eigene Interessen gestellt - ganz wie es Ihrer Persönlichkeit entspricht.

In Ihren Amtsjahren von 1988 bis 1996 haben bedeutende historische Ereignisse unser Land bestimmt und verändert: In Deutschland verschwanden Mauer und Stacheldraht; wir erlebten gemeinsam das Geschenk der Deutschen Einheit. Die Ereignisse in Deutschland hatten nicht zuletzt Auswirkungen auf ganz Europa. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde ein wichtiger Meilenstein in der europäischen Geschichte gesetzt. Auch der Start des Europäischen Binnenmarkts 1993 und die Weichenstellung für eine gemeinsame Währung - beides ist für das Handwerk und unsere Wirtschaft, für die Menschen in Deutschland und Europa von größter Bedeutung. Selbstverständlich hat dies Ihre Arbeit mitbestimmt und Sie herausgefordert.

Das Handwerk ist auch in den neuen Bundesländern zu einer der wesentlichen Säulen unserer Gesellschaft geworden. Es zählt dort mittlerweile über 150000 Betriebe, rund 1,3 Millionen Beschäftigte und mehr als 150000 Lehrlinge. Dies ist nicht zuletzt auch Ihr Verdienst, lieber Herr Späth. Aus vielen Begegnungen und Gesprächen weiß ich, daß Sie nach der deutschen Wiedervereinigung sich mit großem persönlichem Engagement dafür eingesetzt haben, daß das Handwerk auch in den neuen Ländern wieder "goldenen Boden" bekommt. Sie haben immer wieder Städte wie Erfurt, Leipzig, Dresden und Potsdam besucht und den Menschen Mut zur Selbständigkeit gemacht. Ich habe erlebt, mit welcher Entschiedenheit Sie in den neuen wie auch alten Bundesländern stets nicht nur als Interessenvertreter aufgetreten, sondern auch als Patriot für unser wieder vereintes Vaterland eingetreten sind.

Sie haben in diesen Jahren viel bewegt. Wenn in einiger Zeit, aus einer etwas größeren Distanz einmal die Geschichte des deutschen Handwerks geschrieben wird, dann wird dabei auch deutlich werden, wie sehr Sie, lieber Herr Späth, sich gemeinsam mit Ihren Kollegen und Mitarbeitern in diesen Jahren bewährt haben. Sie haben neue Brücken geschlagen. Daß gerade das Handwerk ganz wesentlich zum wirtschaftlichen Aufbau in den neuen Ländern beigetragen hat und noch weiterhin beiträgt, ist nicht zuletzt auch Ihr Verdienst.

Die zweite große Herausforderung für das deutsche Handwerk war in den letzten Jahren der Beginn des europäischen Binnenmarktes. Wir haben gemeinsam dafür gesorgt, daß der Meisterbrief als Gütesiegel des deutschen Handwerks in Europa erhalten bleibt. Zusammen mit vielen anderen haben wir uns für das duale Ausbildungssystem eingesetzt. Sie, Herr Späth, haben hier viel Mühe und Arbeit investiert - und dies aus Überzeugung und Lebenserfahrung. Und dies war richtig so: Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland liegt nicht umsonst deutlich niedriger als im Durchschnitt der Europäischen Union.

Wir verdanken dies nicht zuletzt unserem dualen Ausbildungssystem. Gerade Handwerk und Mittelstand unseres Landes bieten vielen jungen Leuten eine qualifizierte Ausbildung. Genauso geschieht dies natürlich auch in Großunternehmen. Jedoch wurden insbesondere dort in den letzten Jahren rückläufige Zahlen bei neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen verzeichnet. Es müssen jedoch genauso die Großunternehmen unseres Landes weiterhin ihren notwendigen Beitrag zur Ausbildung der jungen Menschen leisten.

Lieber Herr Späth, ich habe Sie in all den Jahren immer als einen kompetenten und fairen Gesprächspartner erlebt. Vor allem habe ich Sie stets als einen Mann gesehen, der aus Überzeugung die Interessen des Handwerks vertreten hat. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch ein Wort an diejenigen richten, die sich gelegentlich kritisch über die Interessenvertretung in Deutschland äußern. Dazu gehört auch die offensichtlich in Mode gekommene Kritik am Verbändewesen. Ich halte dies für nicht gerechtfertigt. Organisierte Interessenvertretung ist in einer Demokratie gut und wichtig. Sie, lieber Herr Späth, haben die Interessen des Handwerks stets mit Stolz vertreten.

Sie haben aber auch Ihre Sorgen vorgebracht und auf die Probleme des Handwerks aufmerksam gemacht: Zum Beispiel, daß bis zum Jahr 2005 über 200000 Handwerksbetriebe in Deutschland von der Betriebsaufgabe bedroht sind, weil kein Nachfolger da ist oder die jüngeren Generationen die Verantwortung des selbständigen Unternehmers scheuen. Sie fragen sich: Warum soll ich mich wie meine Eltern schinden, abends noch Ausschreibungen erledigen oder mit Steuerangelegenheiten und vielem anderen plagen? Diese jungen Menschen müssen sich wieder stärker ein Beispiel an der Nachkriegsgeneration nehmen, die damals oft nur mit einem Startkapital von beispielsweise 40 Mark die Mühe auf sich genommen und ein eigenes Unternehmen gegründet hat. Sie hat damit entscheidend zum wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbau unseres Landes beigetragen. Schon damals hat sich gezeigt, daß Handwerk und Mittelstand eine feste Säule unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung der Sozialen Marktwirtschaft werden.

Lieber Herr Späth, es war Ihr Verdienst, daß das Handwerk als Gesprächspartner und wirtschaftspolitischer Berater in den letzten Jahren große Erfolge erzielt hat. Ich danke Ihnen auch persönlich sehr herzlich für manch guten und freundschaftlichen Rat. Als jetziger Ehrenpräsident wird Ihr Rat nach wie vor besonders geschätzt werden - vielleicht auch weil Sie sich nun sehr viel offener äußern können. Auch das wird eine wichtige Lebenserfahrung für Sie werden. Ich wünsche Ihnen gemeinsam mit Ihrer Gattin und Ihrer Familie viel Glück und eine gute Zukunft.

Ihnen, lieber Herr Philipp, wünsche ich als neuem Präsidenten des Zentralverbands des Deutschen Handwerks eine glückliche Hand und eine erfolgreiche Amtszeit. Dazu gehört auch ein Stück Fortüne, das nicht automatisch gegeben ist. Sie haben die Chance, vieles in die richtige Richtung zu bringen und voranzutreiben. Sie stehen an der Spitze eines der traditionsreichsten und wichtigsten Wirtschaftszweige unseres Landes. Damit meine ich nicht nur die ökonomische Bedeutung des Handwerks und des handwerksähnlichen Gewerbes mit über 800000 Betrieben, etwa 6,6 Millionen Beschäftigten und mehr als 600000 Lehrlingen.

Handwerk und Mittelstand haben darüber hinaus einen besonders bedeutenden Stellenwert in unserer Gesellschaft. Es gibt kaum einen anderen Bereich, in dem die Grundelemente der Sozialen Marktwirtschaft, wie Selbständigkeit und Eigenverantwortung zum Beispiel für den eigenen Betrieb, die Mitarbeiter und Lehrlinge, so gefragt sind. Darum ist es wichtig, daß das Handwerk das, was seine Tradition und Geschichte ausmacht, für die Zukunft bewahrt.

In Ihrer Amtszeit, Herr Philipp, werden wir die Einführung der gemeinsamen europäischen Währung "Euro" erleben. Darauf muß sich auch das deutsche Handwerk vorbereiten. Das wird manchem nicht leichtfallen. Es ist bei jedem von uns ein Umdenken erforderlich. Wir müssen die ökonomischen und politischen Chancen, die sich für uns dadurch ergeben, rasch ergreifen und die europäische Wirtschafts- und Währungsunion als Herausforderung begreifen. Ihnen, Herr Philipp, biete ich auch hierbei eine enge und freundschaftliche Zusammenarbeit an, ein vernünftiges Miteinander im Blick auf die nächsten Jahre.

Meine Damen und Herren, am 23. Januar des letzten Jahres haben Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik gemeinsam den folgenden Text verabschiedet: "Wir streben einen nachhaltigen Beschäftigungsaufschwung an und setzen uns für das gemeinsame Ziel ein, bis zum Ende dieses Jahrzehnts die Zahl der registrierten Arbeitslosen zu halbieren." Dieser Text wurde gemeinsam von den Verantwortlichen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik verfaßt und verabschiedet. Dabei war immer klar, daß dies ein ehrgeiziges, aber auch erreichbares Ziel ist. Heute, wo über vier Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos sind, halte ich es für absolut notwendig, daß wir im Respekt vor unterschiedlichen Positionen und Aufgabenbereichen in diesem Sinne zusammenwirken und gemeinsam handeln.

Wir haben beste Chancen, daß der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland in diesem Jahr vorankommt. Die Inflationsrate ist die niedrigste seit 1988 - sie bedeutet praktisch Preisniveaustabilität. Wir haben so niedrige Zinssätze, wie seit langem nicht mehr. Dabei ist für den Eigenheimbau besonders wichtig, daß die Hypothekenzinsen bei zehnjähriger Bindung nur noch um sieben Prozent, in Einzelfällen sogar deutlich darunter, liegen - das sind die niedrigsten Bauzinsen seit fast zwanzig Jahren. Schließlich wirkt sich die belebte Weltkonjunktur positiv auf unsere Exporte aus, und die Tarifabschlüsse nehmen überwiegend Rücksicht auf Wachstum und Beschäftigung.

Allerdings ist die hohe Arbeitslosigkeit in unserem Land unser zentrales innenpolitisches Problem. Wachstum und Investitionsdynamik reichen nicht aus, um die Arbeitslosenzahl nachhaltig zu senken. Zwischen 1983 und 1992 haben wir jedoch schon einmal in den alten Bundesländern mehr als drei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Wenn die Arbeitslosigkeit heute trotzdem höher ist, hat dies auch damit zu tun, daß allein zwischen 1988 und 1993 über 2,5 Millionen Zuwanderer auf den deutschen Arbeitsmarkt geströmt sind.

Die Bundesregierung hat Konkretes im Sinne der Absprachen getan, wenn auch nicht immer mit Zustimmung von allen Seiten. Wir haben zum Beispiel die Schwelle für den Kündigungsschutz auf zehn Arbeitnehmer heraufgesetzt, befristete Arbeitsverträge erleichtert und eine Offensive für unternehmerische Selbständigkeit gestartet. Ich kann nicht erkennen, daß all diese Maßnahmen, wenn sie auch angewendet und als Chance begriffen werden, nicht zusätzliche Beschäftigung bedeuten können. Dagegen ist es für mich nicht nachvollziehbar, daß bei vier Millionen Arbeitslosen die Rekordzahl von fast 1,8 Milliarden Überstunden geleistet wird. Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung schätzt, daß bis zu 500000 Arbeitsplätze gesichert oder neu geschaffen werden könnten, wenn das Überstundenvolumen halbiert würde.

Meine Damen und Herren, wir befinden uns kurz vor Beginn eines neuen Jahrhunderts. Die Hoffnungen tragen uns in die Zukunft. Es liegt jetzt an uns, ob wir aus diesen Hoffnungen Realität werden lassen. Ihnen, lieber Herr Philipp, wünsche ich viel Erfolg und eine glückliche Hand. Und ich wünsche Ihren Kollegen, daß sie Sie tatkräftig unterstützen. Hier meine ich nicht jene Unterstützung, an die man im alltäglichen Leben gewöhnt ist. Sondern, daß man sich als Team versteht und sich sagt: Unser Präsident Philipp soll Erfolg haben. Denn sein Erfolg ist auch unser Erfolg.

Vor allem wünsche ich Ihnen auch eine gute Zusammenarbeit mit den anderen hochrangigen Repräsentanten unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Ich freue mich, daß der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Herr Schulte, heute hier ist. Ich empfinde das als ein ausgesprochen gutes Zeichen und auch als eine Reverenz gegenüber dem deutschen Handwerk. Mögen Sie, Herr Philipp, mit allen Bereichen der Wirtschaft und Gewerkschaften gut und um der Sache willen zusammenarbeiten, so wie das auch Ihr Vorgänger geschafft hat.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 15. 18. Februar 1997.