17. Januar 1997: Rede bei dem Festakt zum 100. Geburtstag von Sepp Herberger in Mannheim


Meine Damen und Herren,

gestatten Sie mir vorweg eine kleine Anmerkung zur filmischen Fußball-Nachlese von Rudi Michel, die wir eben gesehen haben: Lieber Rudi Michel, können Sie nicht etwas tun - vielleicht die Zeit zurückdrehen -, damit wir Sie wenigstens gelegentlich am Samstag wieder im Sportmagazin sehen und hören können? Das wäre eine große Freude für uns alle. Sie, lieber Herr Michel - wir haben es gerade wieder erleben können - sind jemand, der alles mitbringt, was einen erstklassigen Sportjournalisten auszeichnet: hohe fachliche Kompetenz, aber auch viel Herzlichkeit, die in jedem Ihrer Worte mitklingt.

Lieber Herr Braun, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Nationalspieler,

ich möchte an dieser Stelle unsere Gäste, unsere Freunde aus Ungarn, besonders herzlich begrüßen. Für viele von uns verbinden sich mit Ungarn die Erinnerungen an das Endspiel von 1954 und an die großartige ungarische Mannschaft - aber nicht nur: Vor allem denken wir an jene unvergeßlichen Bilder vom Spätsommer 1989, als die Ungarn die Grenze öffneten und unseren deutschen Landsleuten aus Dresden, aus Leipzig und aus vielen anderen Orten der ehemaligen DDR den Weg in die Freiheit eröffneten. Dies war der Anfang vom Ende der DDR und zugleich der Beginn der deutschen Einigung. Wir Deutschen werden den Ungarn ihren Mut und ihre Hilfe nie vergessen.

Meine Damen und Herren, es ist schon etwas Besonderes, einen 100. Geburtstag im Rahmen einer solch großartigen und prächtigen Veranstaltung zu feiern. Dies hat vor allem etwas mit der Faszination des Mannes zu tun, den wir heute ehren. Das, was wir gerade - meisterhaft zusammengefügt - im Film gesehen haben, hat es deutlich gezeigt: Sepp Herberger war ein ganz außergewöhnlicher Mensch - ein Mann mit Charakter und großer Ausstrahlung.

Er war ein Mann, der seine Heimat nie verleugnet hat. Seine Sprache, ihre Färbung war unverwechselbar. Er war jemand, der sich nicht verbiegen ließ. Er besaß natürliche Autorität. Vor allem aber schimmerte durch jedes seiner Worte seine große Menschlichkeit. Natürlich wollte er immer gewinnen; das war ja schließlich sein Job. Aber er war auch ein großer Menschenkenner und nicht zuletzt ein geschickter Pädagoge.

Sepp Herberger war Mannheimer und hat hier in dieser Stadt und in dieser Region den größten Teil seines Lebens verbracht. Wer das alte Mannheim und seinen Waldhof noch kennt, der weiß, woher er stammte. Sein Vater zog damals nach Waldhof, um Arbeit zu finden und seine große Familie zu ernähren. Als der Vater früh verstarb, mußte die Mutter die Kinder allein versorgen. Sozialhilfe oder ähnliche Unterstützung gab es damals noch nicht. Wer sich dies einmal vor Augen hält, der hat eine Vorstellung davon, wie Sepp Herbergers Kindheit ausgesehen hat: ein begabter Junge, der aber nicht die Chance hatte, auf die Schule zu gehen, weil kein Geld da war. Er ist seinen Weg gleichwohl gegangen.

Sein weiterer Lebensweg zeigt exemplarisch auch ein Stück jener großartigen Leistung des Sports und besonders des Fußballs in diesem Jahrhundert auf: Er trug dazu bei, Klassenschranken allmählich abzubauen und Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten zusammenzubringen. Sepp Herberger, der als aktiver Fußballer zunächst für den SV Waldhof gespielt hatte, wechselte später zum VfR Mannheim. Dieser Schritt hört sich heute vielleicht nicht sehr dramatisch an. Damals aber bedeutete er mehr als eine bloße Ortsverlagerung von vier oder fünf Kilometern. Zwischen den beiden Vereinen lag damals eine Welt.

Auf der einen Seite gab es das hochangesehene, bürgerliche Mannheim des VfR. Waldhof hingegen war ein Arbeitervorort. Als solchen habe ich ihn noch als Schüler und Student erlebt, als ich in den frühen 50er Jahren - um mein Studium zu finanzieren - dort in einer Getränkegroßhandlung Apfelsaft und Sprudelwasser ausgefahren habe. Damals haben mir die Älteren in den Kneipen und Lokalen vom Fußballer Sepp Herberger erzählt - vom Platz, auf dem er gespielt hat und von "seinem Waldhof", in dem er zu Hause war.

Er war damals schon eine Legende. Viele der Spieler, die er betreute, sind es ebenso geworden. Ich nenne vor allem die Spieler der deutschen Weltmeister-Elf, allen voran natürlich Sie, lieber Fritz Walter. Sie haben vielen Menschen mit Ihrer Leistung und Ihrem Verhalten ein Beispiel gegeben - wie übrigens auch Uwe Seeler und viele andere -, weil Sie Ihren Sport nicht nur als reinen Broterwerb empfunden haben. Fußball war Ihr Leben. Als ich einmal die Freude hatte, Ihnen eine hohe Auszeichnung des Bundespräsidenten zu überreichen, sprachen wir darüber, was das für Sie bedeutete, Nationalspieler zu sein. Sie haben in unserem Gespräch in Ihrem schönen, gepflegten Pfälzisch gesagt: "Wissen Sie, Herr Ministerpräsident, wenn man auf den Platz läuft und das Trikot anhat, wenn die Hymne gespielt wird und man dann kein Gekribbele im Kreuz hat, dann gehört man nicht in das Trikot."

Diese Einstellung finde ich gut. Sie hat nichts mit Nationalismus oder Chauvinismus zu tun, sondern mit der Liebe zur Heimat und mit der Liebe zum eigenen Land. Unsere ungarischen Gäste werden dies im Laufe ihrer sportlichen Laufbahn sicher ähnlich empfunden haben.

Meine Damen und Herren, Sepp Herberger hat es verstanden, seine Spieler zu motivieren und zu einer Mannschaft zu formen. Das war das Geheimnis seines Erfolges. Der deutsche Sport und der deutsche Fußball haben ihm viel zu verdanken. Fast 30 Jahre lang war er Trainer der Nationalmannschaft.

Sepp Herberger hat mit seinem Wirken Generationen von Fußballspielern geprägt. Vieles, was er damals lehrte und in seinen einfachen und klugen Worten sagte, gilt auch heute noch - bis hin zu diesem ganz überzeugenden Trick, wie man "links vorbeigeht". Er hat seinen Spielern ein Beispiel gegeben. Er hat ihnen vorgelebt und deutlich gemacht, daß Fußball eine ernste Sache ist, die zugleich große Freude bereitet.

Mit Sepp Herberger ehren wir auch jene Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Neubeginn gewagt hat. Man muß sich daran erinnern, was für Jahre das damals in Deutschland waren. Heute leben wir seit über 50 Jahren in Frieden; zwei Drittel der heute lebenden Deutschen sind nach dem Krieg geboren und aufgewachsen. Da fehlt manchem Betrachter das Verständnis für jenen schwierigen Zeitabschnitt, den Sepp Herberger zu Beginn seiner Trainerlaufbahn erlebt hat. Einige von denen, die aus heutiger Sicht darüber schreiben, sollten einmal nachdenken, wie sie sich selbst in einer vergleichbaren Lebenssituation verhalten hätten.

Weder über Bücher noch über Filme ist wirklich übertragbar, was damals, 1954, der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft für uns alle bedeutete. Man muß sich das vergegenwärtigen: Deutschland kehrte gerade mühsam in die Gemeinschaft der Völker zurück.

Gewiß, jeder gewonnene Weltmeistertitel ist eine einmalige, eine große Sache, aber die psychologische Lage unseres Landes war doch damals eine völlig andere als zu späterer Zeit. Man muß beim Betrachten alter Filmaufnahmen vom Endspiel einmal die Gesichter der Zuschauer, ihre Kleidung und das ganze Drumherum studieren, um dies zu verstehen. Das war damals keine Gesellschaft, in der es vielen gut ging. Die Erfahrung von Krieg und Gewaltherrschaft, von Not und Entbehrung stand den Menschen noch vor Augen. Um so stärker haben sie diesen Tag - den Gewinn der Weltmeisterschaft - als gut und wichtig empfunden.

Ich habe daran eine sehr persönliche Erinnerung. Ich war damals 24 Jahre alt. Fernsehen hatten wir nicht. Ich saß mit meiner Freundin, meiner jetzigen Frau, bei einem Freund vor dem Radio. Unvergessen ist mir die Rundfunkreportage von Herbert Zimmermann. Welch ein Jubel nach seinem Ausruf: "Tor für Deutschland!" Anschließend bin ich dann mit einer Lambretta nach Hause gefahren. Ich bin mir recht sicher, daß ich die gültigen Promillegrenzen wohl nicht so ganz eingehalten habe. Ich glaube aber auch, daß mich an diesem Tag niemand angehalten und kontrolliert hätte. Die Begeisterung und Freude war in jenen Stunden so groß, daß ich nichts zu befürchten hatte.

Der damalige Erfolg muß um so höher eingeschätzt werden, wenn man bedenkt, wie schwer der fußballerische Anfang nach dem Kriege war. Viele Spieler kehrten nicht aus dem Krieg zurück. Viele waren vermißt oder in Gefangenschaft. Viele waren aus ihrer Lebensbahn geworfen. Sepp Herberger hat diese Anfangsjahre und den sportlichen Neubeginn gleichwohl mit Zuversicht und Fleiß bewältigt. Das sogenannte "Wunder von Bern" fiel eben nicht vom Himmel. Es war der Erfolg einer hartnäckigen, zielstrebigen Arbeit - der Erfolg von Fleiß, Disziplin und Kameradschaft. Ohne diese Tugenden lassen sich im Sport - wie überhaupt im Leben - keine großen Erfolge erzielen.

Sport ist aber mehr als ein bloßer Kampf um den Sieg. Sport - das erleben wir ja auch am heutigen Tag - verbindet Menschen, auch über Grenzen hinweg. Daß Endspielteilnehmer aus Ungarn heute - nach so langer Zeit und so freundschaftlich und herzlich begrüßt - hier unter uns sind, ist dafür ein schönes Beispiel.

Meine Damen und Herren, der Ball ist rund, und er rollt weiter. Es wird auch in Zukunft viel Geduld, Ausdauer und Beharrlichkeit brauchen - wichtige Tugenden -, um erfolgreich zu sein. Sie, lieber Berti Vogts, haben es wieder bewiesen: Sie haben in jahrelanger Arbeit eine Mannschaft geformt, die mit Teamgeist und Einsatzbereitschaft im vergangenen Jahr Europameister wurde. Wir alle drücken Ihnen für die Qualifikationsrunde zur Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich kräftig die Daumen. Und wir hoffen vor allem auch, lieber Herr Braun, daß wir in Deutschland bei der WM 2006 Gastgeber sein werden. Gewiß, wir haben wenig Geld in der Kasse - aber wir müssen uns gerade bei großen Ereignissen wie diesen voll engagieren, sonst hätten wir die Zukunft aufgegeben. Ich wünsche mir vor allem, daß wir im Jahre 2006 in Berlin dann wieder ein Stadion haben werden, das modernsten internationalen Ansprüchen genügt. Gleiches wünsche ich mir auch für verschiedene Städte in den neuen Bundesländern.

Lieber Berti Vogts, lassen Sie mich Ihnen noch ein persönliches Wort sagen. Sie werden wieder erleben, daß im Blick auf die nächste Weltmeisterschaft schon jetzt viele sogenannte Experten genau zu wissen glauben, wie das Turnier für die deutsche Mannschaft ausgehen wird und was man bei Aufstellung, Trainingskonzept und Strategie unbedingt besser machen müßte. Ich habe Sie ja im Laufe der letzten Jahre hin und wieder angerufen, wenn es vor allem in den Medien besonders wild herging. Dabei habe ich Ihnen auch gesagt: "Trösten Sie sich, ich bin der einzige Mensch in Deutschland, der nie kritisiert wird." Vielleicht war das kein großer Trost, aber Sie sind sich dennoch, bei aller Kritik, stets treu geblieben. Mein Rat: Halten Sie es auch weiter so.

Meine Damen und Herren, Sport ist immer auch ein Aushängeschild für eine Nation. Sepp Herberger hat das früh erkannt und seinen Spielern gesagt: "Denkt immer daran, daß Ihr eine Art Botschafter unseres Landes seid." Es geht dabei nicht nur um sportlichen Ruhm - um Einsatz, Können und Erfolg. Genauso wichtig ist es auch, als Sportler und Fußballer ein Beispiel zu geben, ein Vorbild zu sein.

Deswegen nehme ich auch hier gerne die Gelegenheit wahr, Ihnen, lieber Herr Braun, der Mannschaft, Berti Vogts und vielen anderen für das zu danken, was sie über den Sport hinaus im Bereich des sozialen Engagements getan haben. Ich denke an die vielen Benefizspiele, an die Aktion "Keine Macht den Drogen" und an all die anderen Beispiele. Allem voran nenne ich die Sepp-Herberger-Stiftung, die sich um in Not geratene Fußballspieler kümmert, die Sportler an den Hochschulen unterstützt und sich auch um die Resozialisierung von Strafgefangenen kümmert.

Besonders herzlich möchte ich mich für die jüngste und gute Zusammenarbeit zwischen dem Kindermissionswerk - also den Sternsingern - und dem Deutschen Fußballbund zugunsten von Kindern in Not bedanken. Man redet oft darüber, wie wenige Menschen sich bei uns in Deutschland angeblich noch für andere engagieren. Dies ist ein Beispiel, das eine andere Seite zeigt. Über 500000 - die Zahl muß man wiederholen -, über 500000 Kinder zwischen zehn und 18 Jahren haben bei Eis und Schnee in nur neun Tagen über 50 Millionen D-Mark gesammelt! Sie haben sie dabei auf großartige Weise unterstützt. Damit haben Sie weit mehr an Hilfe für Kinder in der Dritten Welt bewirkt, als jede staatliche Aktivität dies tun kann. Die Sternsinger bauen eine Brücke zwischen den Herzen. Dafür, daß Sie dabei mitgeholfen haben, bin ich dankbar - und ebenso für die Initiativen, die Sie für Sarajewo und Mexiko, für Osteuropa und Afrika ins Leben gerufen haben.

Meine Damen und Herren, das Gemeinschaftserlebnis des Sports hilft gegen Vereinsamung und Isolation. Sport im Verein steht für Gemeinschaft, Lebensfreude und Geselligkeit - Werte, die Sepp Herberger zeit seines Lebens wichtig waren. Wir können uns glücklich schätzen, rund 85000 Sportvereine in Deutschland zu haben. Ein lebendiges Vereinsleben ist aber nur möglich durch die - fast ausschließlich ehrenamtliche - Mitarbeit vieler. Ich denke, ich spreche in unser aller Namen, wenn ich allen Helfern, gerade auch den Helferinnen und Helfern, die häufig im stillen wirken, ein herzliches Wort des Dankes sage.

Sepp Herberger ist bei all seiner Popularität ein bescheidener Mann geblieben. Heimat - das war für ihn nicht ein Begriff, der sich locker in wenige Worte fassen läßt. Er liebte seine Heimat ganz einfach und ist ihr - verlockender Angebote aus dem Ausland zum Trotz - immer treu geblieben. Er hat seine Wurzeln nie vergessen - fußballerisch und menschlich. Auch vor diesem Hintergrund ist es wichtig, das Gedenken an den "Chef" - wie ihn seine Spieler nannten - zu bewahren und zu pflegen. Wir wollen sein Beispiel an Jüngere weitergeben. Sepp Herberger bleibt unvergessen.

Meine Damen und Herren, ich habe noch einen Dank abzustatten an Sie, lieber Herr Dürr, den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bundesbahn. Das ICE-Zugpaar 76/77 wird in ein paar Wochen - ab Fahrplanwechsel am 31. Mai - den Namen "Seppl Herberger" tragen. Der Zug verkehrt täglich zwischen Hamburg-Altona und Zürich. Wenn Sie, lieber Uwe Seeler, in diesen Zug einsteigen, dann ist schon dessen Name eine Erinnerung und ein Stück Ihres eigenen Lebens. Wenn dann der Zug in Mannheim hält, werden die Fahrgäste sich daran erinnern, daß dies auch die Stadt Sepp Herbergers war und ist.

Ich bedanke mich beim DFB und bei der Stadt Mannheim für diese schöne Stunde des Gedenkens und der Begegnung. Sepp Herberger hätte sicher seine Freude daran gehabt.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 14. 13. Februar 1997.