25. Juni 1983
Ansprache bei dem Festakt in Krefeld zum 300. Jahrestag deutscher Einwanderer in Nordamerika


Wir haben uns heute in Krefeld versammelt, die 300-jährigen Beziehungen zwischen Deutschen und Amerikanern, die enge Verwandtschaft und Freundschaft zwischen beiden Völkern zu feiern.

Von Krefeld zogen vor 300 Jahren 13 Familien in ein Abenteuer aus. Das Abenteuer hieß Seereise, Urwälder, fremdartige Menschen, unbekanntes Land, harte Arbeit. Der Aufbruch in ein fremdes Land verhieß aber auch Religionsfreiheit, Freiheit von Not, Unterdrückung und von Willkür.

Die Krefelder haben seinerzeit das Abenteuer bestanden. Millionen folgten ihnen. Die Mehrzahl von ihnen kam nach 1776, nach der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Unter ihnen waren Namen, die keiner näheren Erläuterung bedürfen: Carl Schurz, Friedrich List, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Auch in unserem Jahrhundert, in den dunkelsten Jahren unserer Geschichte, gab es noch einmal eine Welle von Auswanderern, die in ihrer deutschen Heimat wegen ihrer Rasse, ihrer politischen Überzeugung verfolgt wurden. Wieder gewährten die Vereinigten Staaten Zuflucht.

Diese Auswanderer gehörten zu den Besten unseres Volkes und haben zur gegenseitigen Bereicherung Deutschlands und Amerikas wesentlich beigetragen. [...]

Die Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschen und Amerikanern, die durch die Abreise der 13 Krefelder Familien vor 300 Jahren aus ihrer niederrheinischen Heimat ihren Anfang nahm, ist durch Höhen und Tiefen gegangen. Sie war aber nie eine Angelegenheit, die die Zeitgenossen unbeteiligt ließ.

Die sieben Millionen Deutschen, die im Laufe der Jahrhunderte über den Atlantik gefahren sind, haben bewußt Mühe, Entbehrungen, finanzielle Opfer auf sich genommen - aus welchen Gründen auch immer -, um teilzuhaben an den Möglichkeiten und der Freiheit der Neuen Welt.

Aber auch das amerikanische Engagement in Deutschland und in Europa ist keine Selbstverständlichkeit. Der erste amerikanische Präsident, George Washington, sagte zum Ende seiner Amtszeit: "Warum den festen Grund, in dem wir wurzeln, verlassen, um uns in fremdes Gebiet vorzuwagen? Warum sollten wir unser Schicksal mit einem Teil Europas verknüpfen (...)?"

Sein Wort blieb Richtschnur für viele Generationen von Amerikanern. Erst die beiden Weltkriege und die wachsende Bereitschaft, weltweit Verantwortung für den Frieden zu übernehmen, haben die USA bewußt an Europa, an Deutschland herangeführt.

Daraus hat sich ein intensives freundschaftliches Verhältnis zwischen Deutschen und Amerikanern entwickelt. Sicherlich hat es im Laufe der Jahrzehnte auch unterschiedliche Einschätzungen in wichtigen politischen Tagesfragen gegeben. Aber was immer gewährleistet war, das war eine tragfähige und unerschütterliche Basis der Wertvorstellungen, und mehr noch, eine solide Gemeinsamkeit in den zentralen politischen Zielen des Friedens, der Freiheit und der Sicherheit, und es gab immer eine wertvolle gegenseitige geistige Befruchtung.

Heute wird viel von Antiamerikanismus gesprochen, auch bei uns in der Bundesrepublik Deutschland. Aber wir können eine solche Haltung in der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland weder bestätigen noch nachvollziehen.

Eine vor wenigen Monaten durchgeführte Umfrage zu der Frage: "Wer sind die besten Freunde der Deutschen in der Welt?", hat als Ergebnis gebracht, daß die Amerikaner mit 51 Prozent an erster Stelle stehen. Das ist ein gutes Ergebnis.

Dieses Ergebnis spiegelt besser als vieles andere die Gefühle der Deutschen wider. Gefühle, die, das möchte ich an dieser Stelle ganz deutlich sagen, auch mit Dankbarkeit zu tun haben.

Wir werden nicht vergessen, wie die USA uns nach dem Zweiten Weltkrieg die helfende Hand reichten. Und wir vergessen nicht, was die Vereinigten Staaten in diesen Jahrzehnten mit dem Marshallplan und mit anderen Hilfsaktionen wie Care und Quäker für uns getan haben. Hunderttausende von amerikanischen Soldaten sind in unserem Land gewesen, um beizutragen, die Freiheit dieses Landes zu sichern.

Deutsche und Amerikaner haben in nüchterner Erkenntnis der politischen Lage nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam die Aufgabe übernommen, zusammen mit den anderen Bündnispartnern ihren wichtigen Beitrag in der Nordatlantischen Allianz zu leisten, um Frieden und Freiheit zu sichern.

Dieses Bündnis freier demokratischer Staaten hat bereits über 30 Jahre den Frieden in Europa gesichert. Seine Geschlossenheit und Vitalität werden auch weiterhin garantieren, daß Europa nicht erpreßbar wird.

Gerade auch die Verhandlungen über Mittelstreckenraketen in Genf zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion machen deutlich, wie wichtig der innere Zusammenhalt des Bündnisses heute für uns ist. Nur wenn die Partner des Bündnisses geschlossen und solidarisch zu beiden Teilen des Doppelbeschlusses stehen, wird es in Genf zu einer erfolgreichen Lösung kommen.

Die Grundlage unseres politischen Bewegungsspielraums nach Osten und die Grundlage unserer Bemühungen, trotz aller Meinungsunterschiede und ideologischen Gegensätze mit den Regierungen der Sowjetunion und Osteuropas eine Politik des Dialogs, der Entspannung und der Zusammenarbeit zu gestalten, ist die feste Verankerung im Atlantischen Bündnis und in der Europäischen Gemeinschaft, sind die freundschaftlichen und partnerschaftlichen Beziehungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika.

Sie geben uns die Glaubwürdigkeit und das politische Gewicht in unseren Beziehungen mit dem Osten. Ich werde das dankbar zu schätzen wissen, wenn ich in einer Woche in die Sowjetunion reise und die Gespräche mit Generalsekretär Andropow und der sowjetischen Führung haben werde.

In unserer heutigen festlichen Versammlung sind auch Vertreter der amerikanischen Streitkräfte. Ich möchte Ihnen Dank sagen, daß Sie Ihren Dienst an der gemeinsamen Aufgabe in unserem Land versehen.

Seien Sie gewiß, daß wir die Mühen, die besonders Ihre Familien durch das Leben in Übersee auf sich nehmen, dankbar anerkennen. Ich würde mich freuen, wenn Sie aus unserem Land gute Erinnerungen mitnehmen.

Ich wende mich auch an die 70.000 amerikanischen Jugendlichen, die zurzeit bei uns leben. Sie mögen unser Land und seine Leute kennenlernen und Freundschaften schließen, damit der vor 300 Jahren begonnene Strom des Verstehens zwischen unseren Völkern weiterfließen kann.

An die junge Generation, die in unseren Ländern jetzt die politische Verantwortung übernimmt, die aber zu jung ist, die Anfänge der engen deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebt zu haben, richte ich die Bitte, die Geschichte der Beziehungen zwischen unseren Nationen in ihrer Gesamtheit zu verstehen und für die gemeinsame Zukunft nutzbar zu machen.

Ich fordere unsere jungen Männer und Frauen auf, das Gespräch mit den Altersgenossen in den USA zu suchen, sich zu bemühen, die Unterschiede zwischen unseren Ländern zu verstehen und die Gemeinsamkeiten zu erkennen. Was die Bundesregierung beitragen kann, den Dialog zwischen den Angehörigen der Nachfolgegeneration zu fördern, das wird sie tun.

Die Bundesrepublik und die USA haben in diesem Jahr und für 1984 besondere Anstrengungen - auch finanzieller Art - unternommen, um vor allem den Jugendaustausch auszuweiten.

Wir wissen, daß die Erfahrungen des Kennenlernens nicht durch Unterricht und Medien ersetzt, höchstens ergänzt werden können. Deswegen soll künftig der Schüleraustausch von bisher 6.000 Schülern auf über 10.000 Schüler jährlich erweitert werden. Ich freue mich, daß der Leiter der amerikanischen Behörde, die auf amerikanischer Seite den Jugendaustausch fördert, Mr. Charles Wick, heute hier unter uns ist.

Kein Land, keine Regierung ist heute noch stark genug, die Zukunft allein zu meistern. Aber gemeinsam haben Deutsche und Amerikaner, Europäer und Amerikaner die Kraft, die Aufgaben unserer Zeit zu bewältigen.

Vor 300 Jahren brachen von hier Deutsche nach Amerika auf. Mit ihnen begann die deutsch-amerikanische Verwandtschaft. Heute verbindet unsere Länder Zusammenarbeit und Freundschaft.

Das Vertrauen ist erneuert. Wenn wir uns mit den Vereinigten Staaten und den anderen Bündnispartnern wieder als Wertegemeinschaft begreifen, werden Mut und Zuversicht für die großen Aufgaben der Zukunft hinzukommen. Die deutsch-amerikanische, die europäisch-amerikanische Freundschaft werden uns auch in Zukunft Frieden und Freiheit sichern.

Quelle: Bundeskanzler Helmut Kohl: Reden 1982-1984. Hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1984, S. 248-252.