7. Mai 1984
Rede beim 35. Übersee-Tag in Hamburg


Lieber Herr Stödter,
lieber Freund Cossiga,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich darf mich zunächst bei Ihnen, lieber Herr Stödter, und beim Übersee-Club sehr herzlich für die Gelegenheit bedanken, in einem, nach hanseatischer Art, ruhigen Gespräch über einige Probleme unseres Landes zu Ihnen zu sprechen. Es ist ganz besonders reizvoll, dies heute hier in Hamburg zu tun.

In dieser Region finden über 2 Millionen Menschen Heimat und Arbeit. Sie erleben aber auch eine Umbruchsituation, die für Hamburg wie für Bremen und die norddeutsche Tiefebene - für die Küstenländer insgesamt - enorme Gefahren, ich denke aber auch Chancen mit sich bringt.

Hamburg ist also nicht nur durch seine Geschichte, durch seine Tradition, sondern auch durch die Gegenwart und die Herausforderungen, die auf die Stadt und ihre Bürger zukommen, besonders geeignet, den Versuch einer nachdenklichen Standortbestimmung zu unternehmen. [...]

Es geht jetzt, meine Damen und Herren, um die richtigen Weichenstellungen für die letzten fünfzehn Jahre dieses Jahrhunderts. Das gilt für die nationale wie die internationale Politik. Auch in der internationalen Politik spielen Beharrlichkeit und Ausdauer eine hervorragende Rolle. Fortschritte sind das Ergebnis oft jahrelanger Bemühungen: Hier treffen wir unsere Entscheidungen nicht allein und in eigener Verantwortung. Wir müssen Partner mit anderer Denkweise und mit anderen Traditionen für unsere Vorstellungen gewinnen.

Herr von Dohnanyi hat gerade eine wichtige Bemerkung über unser Verhältnis zu Großbritannien gemacht, die ich hier in Hamburg gerne aufgreife. Natürlich kann man sich über dies und jenes ärgern, aber vergessen wir eines nicht: Großbritannien und damit auch Margaret Thatcher müssen einen sehr viel weiteren Weg nach Europa gehen als wir.

Wir sind doch Europäer durch geschichtliche Entwicklungen und Erfahrungen geworden, man kann vielleicht sogar sagen: durch geschichtliche Heimsuchung. Wir brauchen uns nur vorzustellen, wie stark unsere europäische Gesinnung wäre, wenn das Haus Hohenzollern noch regieren würde. Margaret Thatcher war eine junge Studentin, als ihr König noch zugleich Kaiser von Indien war. Ich erinnere daran, weil ich dafür plädieren möchte, daß der, der einen längeren Weg braucht, auch mehr Sympathie auf diesem Weg erfährt.

Ich teile die Meinung Ihres Bürgermeisters, daß Europa ohne Großbritannien noch deutlicher ein Torso wäre, als dies ohnehin durch die geschichtliche Heimsuchung der Teilung Europas der Fall sein muß. Ich denke hier an die von uns getrennten alten europäischen Kulturnationen, an die Polen oder an die Ungarn, und ich denke natürlich an unsere Landsleute in Weimar, in Dresden und in Leipzig.

Meine Damen und Herren! Es gilt jetzt in den wichtigen, in den entscheidenden Fragen der Gesellschaftspolitik genauso wie in der Außenpolitik einen langen Atem aufzubringen. Es gibt deutliche Anzeichen für den Beginn eines weltweiten wirtschaftlichen Aufschwungs. Niemand von uns weiß, wie lange er tragen wird, und wir müssen alles tun, um die Risiken zu begrenzen.

So betrachten wir die internationalen Verschuldungsprobleme wichtiger Entwicklungsländer keineswegs als erledigt, auch wenn die Umschuldungsfragen für den Augenblick weitgehend befriedigend gelöst worden sind. Die Auslandsschulden der Entwicklungsländer in Höhe von 700 Milliarden Dollar - davon allein die Hälfte in Lateinamerika - mit einer jährlichen Zinsbelastung von rund 60 Milliarden Dollar bleiben das Alarmsignal schlechthin. Ich meine dennoch, daß wir hier allmählich Fortschritte erzielen können. Die Defizite in den Leistungsbilanzen der Entwicklungsländer gehen langsam zurück. Die Ausfuhren nehmen stärker zu. Das ist eine ermutigende Entwicklung. Voraussetzung für wirksame Fortschritte ist allerdings, daß die Entwicklungsländer zu den Märkten der Industrieländer möglichst freien Zugang haben und daß sich die weltweite Konjunkturerholung fortsetzt.

Auch unser eigener Außenhandel muß sich mit zunehmend subtileren Formen des Protektionismus und der Subventionierung von Krediten zur Exportfinanzierung auseinandersetzen. Im Rahmen des GATT und der OECD sind dies Dauerthemen, die gerade jetzt wieder anstehen. Wir bleiben Vorkämpfer für einen freien Welthandel, und wir sind gegen jede Form des Protektionismus. Das ist das Signal, das in wenigen Wochen auch vom Weltwirtschaftsgipfel in London ausgehen muß. Und ich hoffe auch, daß alle die, die dann die Kommuniqués unterschreiben, sich auch anschließend in der nationalen Politik an diese Kommuniqués halten, und daß die Taten den Worten entsprechen.

Bisher hatten wir unübersehbare Erfolge mit unseren Bemühungen, restriktive Tendenzen abzuwehren. Aber wir müssen auf der Hut bleiben und der internationalen Handelspolitik weiterhin unsere volle Aufmerksamkeit widmen. Dabei geht es letztlich um nichts weniger als um den freien Welthandel selbst und um seinen Fortbestand.

Ich brauche in Hamburg nicht viel dazu sagen, was dies für unser exportabhängiges Land insgesamt bedeutet. 1983 wurden Waren und Dienstleistungen im Wert von fast 540 Milliarden DM exportiert. Das ist rund ein Drittel unseres Bruttosozialprodukts. Ich brauche Sie nicht darauf hinzuweisen, was hier jede Veränderung für unsere Volkswirtschaft, für unsere Gesellschaft, für das Bruttosozialprodukt, für die sozialen Systeme und vor allem für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bedeutet. Deswegen dürfen wir auch zu keiner Stunde vergessen, daß die Europäische Gemeinschaft über das Allgemeinpolitische hinaus für uns ein wirtschaftlicher Faktor ersten Ranges ist: 50 Prozent unserer Exporte gehen in die Länder der Gemeinschaft. [...]

Die zentrale Aufgabe unserer Innenpolitik, meine Damen und Herren, bleibt die Überwindung der Arbeitslosigkeit. Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß die Arbeitslosigkeit nur gebremst, gestoppt und abgebaut werden kann, wenn wir auf eine Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft setzen. Es geht darum, den engen Zusammenhang zwischen Wirtschaft, Arbeitsmarkt, sozialer Sicherung und Staatsfinanzen wieder deutlich zu machen. Es geht darum, daß an der Konsolidierung der öffentlichen Haushalte kein Weg vorbeiführt. Wenn wir erneut über unsere Verhältnisse leben, werden wir die vorhandene Entwicklung zum Aufschwung auf die Dauer nicht stabilisieren können. Das stark gesunkene Haushaltsdefizit mit wahrscheinlich weniger als 30 Milliarden DM in diesem Jahr zeigt ebenso wie die Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme, daß wir auf dem richtigen Weg sind.

Ich weiß, es gibt nicht wenige, die der Meinung sind, man hätte noch tiefer „ins Fleisch schneiden" können, wie dieses scheußliche Wort lautet. Das schlagen mir vor allem jene vor, die noch nie darüber nachgedacht haben, daß 30 Millionen Bundesbürger 30 Milliarden DM - nicht zuletzt im sozialen Bereich - einsparen mußten, um das Schiff wieder flottzumachen. Mir ist es nicht leichtgefallen - und ich habe das alles vor der Bundestagswahl am 6. März offen gesagt -, diese Opfer von unseren Bürgern zu verlangen. Wir sind uns darüber im Klaren, daß diese Konsolidierungsaufgabe eine bittere Pflicht war, aber sie war eine notwendige Pflicht. Ich bin dankbar dafür, daß trotz allen Murrens und Schimpfens die Mehrheit offensichtlich die Richtigkeit dieser Politik eingesehen hat.

Die Konsolidierungsarbeit ist noch keineswegs abgeschlossen. Dies gilt für die Strukturreform der Rentenversicherung, die schon allein wegen der Bevölkerungsentwicklung notwendig ist, und das gilt auch für neue Lösungsansätze im immer kostspieliger werdenden Gesundheitswesen.

Aber, meine Damen und Herren, die größte Herausforderung bleibt die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Hier darf es kein Tabu geben. Deswegen ist es auch sinnvoll, jeden kleinen Schritt zu gehen, der Besserung verspricht. Das ist das Motiv für die Vorschläge zur Förderung der Beschäftigung, die Bundesminister Norbert Blüm zur Diskussion gestellt hat. Dazu gehören auch befristete Arbeitsverträge. Das ist kein Anschlag auf die Tarifhoheit. Ich bin zutiefst überzeugt, daß in einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit gerade im mittelständischen Bereich der befristete Arbeitsvertrag eine Chance eröffnet: Der Arbeitgeber, der konkrete Aufträge für eine bestimmte Zeit vor sich hat, kann dann Neueinstellungen vornehmen, statt in Gemeinsamkeit mit seinem Betriebsrat diese Aufträge durch Überstunden abzuwickeln.

Zu unserem Programm gehören die Förderung der Teilzeitarbeit sowie eine vernünftigere Gestaltung des Jugendarbeitsschutzes und der gesetzlichen Bestimmungen der Arbeitszeit. Diese Vorschläge werden in den nächsten Wochen im Kabinett erörtert. Sie sollen Anfang 1985 in Kraft treten.

Um weitere Entlastung und mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt geht es auch beim Thema „Arbeitszeitverkürzung". Die Bundesregierung hat den Tarifpartnern mit der sogenannten Vorruhestandsregelung ein befristetes, finanziell tragbares Angebot gemacht, das inzwischen erfreulicherweise auch Eingang in Tarifvereinbarungen gefunden hat. Bei den jetzt laufenden Verhandlungen der Tarifpartner geht es darum, flexible Vereinbarungen zu treffen, mit denen den unterschiedlichen Gegebenheiten in den einzelnen Unternehmungen Rechnung getragen werden kann. Aber es ist natürlich bei alledem zu beachten, daß der Produktivitätszuwachs nur einmal verteilt werden kann: als Lohnerhöhung, als Arbeitszeitverkürzung, als Verbesserung bei der Vermögensbildung oder als Verbindung dieser drei Elemente. Werden diese Kriterien beachtet, meine Damen und Herren - das heißt, Arbeitszeitverkürzung im Rahmen eines für alle Seiten annehmbaren Gesamtpakets und zugleich mehr Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung -, dann verbessern sich die Aussichten auch derer, die jetzt noch ohne Arbeit draußen stehen, und wir ermöglichen die bewußte Solidarität jener, die einen Arbeitsplatz besitzen. [...]

Die Konjunktur der Bundesrepublik Deutschland entspricht im Augenblick ungefähr dem Zustand der Natur in unserem Land: Die Knospen sind gerade aufgebrochen, manchmal stehen sie schon in Blüte, in manchen Landschaften aber noch keineswegs. Wenn jetzt ein tagelanger kalter Frost über die Natur hinweggeht, ist die Ernte für dieses Jahr zerstört. Das gilt auch für unsere Volkswirtschaft.

Unsere Aufgabe ist es jetzt, eine günstige Wirtschaftsentwicklung nach Kräften zu fördern. Von zentraler Bedeutung für unternehmerisches Risiko und Risikobereitschaft sind vor allem verläßliche politische Rahmenbedingungen. Leistung darf nicht länger bestraft werden. In einer freien Gesellschaft hat derjenige, der aus freien Stücken fleißiger ist als andere, der mehr arbeitet, der mehr riskiert und sich mehr engagiert, einen - auch moralisch begründeten - Anspruch auf höheren Lohn und auf höheren Gewinn. Leistung muß sich wieder lohnen.

Wir machen uns jetzt an die Reform der Einkommen- und Lohnsteuer. Natürlich gibt es dabei Diskussionen. Das ist normal - in einer Volkspartei, erst recht in einer Koalition - und übrigens auch notwendig. Die Diskussion muß nur zeitlich begrenzt werden. Das wird dann in wenigen Wochen der Fall sein.

Wir haben angekündigt, die Steuerreform zum 1. Januar 1986 in Kraft zu setzen. Wir werden am Zeitplan festhalten und die Vorlage in der dritten Novembersitzung des Kabinetts in diesem Jahr beschließen. Sie wird dann dem Bundesrat zugehen, so daß er im Januar des kommenden Jahres darüber beraten kann. Ich hoffe, daß die gesetzgebenden Körperschaften dann so vorankommen, daß der Gesetzestext bis zur parlamentarischen Sommerpause 1985 im Gesetz- und Verordnungsblatt der Bundesrepublik Deutschland erscheinen kann.

Wir wollen diese Reform, um den Leistungswillen unserer Bürger zu motivieren. Wir wollen sie, weil ein beachtlicher Teil dessen, was der Staat zusätzlich an Steuern eingenommen hat, heimliche Steuererhöhungen sind, zu denen auch die inflationäre Entwicklung der letzten Jahre beigetragen hat. Und wir wollen sie, weil wir der festen Überzeugung sind, daß eine solche Entscheidung in die Konjunkturlandschaft dieser Jahre paßt.

Wir werden weiter vorangehen auf dem Weg der Entbürokratisierung. Er ist außerordentlich schwierig. Jeder ist dafür, aber das Interesse läßt meistens spürbar nach, wenn jemand persönlich betroffen ist. Wir beobachten das bei einem Werk, von dem ich hoffe - aber noch nicht sicher bin -, daß es in dieser Legislaturperiode fertiggestellt wird: bei der großen Reform des Baurechts.

Wir wollen alle Baurechtsvorschriften in einem Baubuch zusammenfassen und die Gelegenheit nutzen, um einen Großteil der Bestimmungen außer Kraft zu setzen. Ich hoffe, daß dann auch einer der angesehensten Hamburger Mitbürger in der Lage sein wird, seine Garage ohne große Probleme umzubauen.

Wir werden schon in nächster Zeit weitere Vorschläge zur Privatisierung von Staatsanteilen an Unternehmungen vorlegen. Auch das gehört zur Sozialen Marktwirtschaft, die meine Freunde und ich vertreten.

Ich komme nun zu dem schwierigen Bereich, bei dem man von Unternehmern oft stürmischen Beifall erntet, solange man nicht auf konkrete Beispiele eingeht: zu der Frage nach dem Abbau von Subventionen. Hier gibt es allerhand Heuchelei, um das einmal klar und deutlich auszusprechen. Es ist eine Sache, ob man darüber spricht, und eine andere Sache, ob man konkret entscheiden muß.

Ich war gerade acht Tage Bundeskanzler, als ich vor der Frage stand, ob wir Arbed Saarstahl weitere Subventionen gewähren sollten oder nicht. Im Falle einer Nichtgewährung wäre der Konkurs unvermeidlich gewesen, und über Nacht wäre die Arbeitslosenquote im Saarland auf 22 Prozent hochgeschnellt.

Wer die Verhältnisse in dieser Region kennt und die Heimsuchung, die die Menschen, die dort leben, in hundert Jahren nationalstaatlichem Egoismus diesseits und jenseits der Grenze erlebt haben, der weiß, daß das nicht so einfach abzutun war.

Es ist auch nicht zuletzt die Subventionspolitik in der Europäischen Gemeinschaft gewesen, die die deutsche Stahlindustrie mit in diese Misere gebracht hat. Das Problem entstand nicht wegen der Qualität der Stahlkocher, der Ingenieure und derer, die dort die Unternehmungen führen. Wenn jede Tonne Stahl der Konkurrenten aus einer Staatskasse subventioniert wird, dann kann man dagegen nicht mit betriebswirtschaftlichen Mitteln konkurrieren. Deswegen wird 1986 im Blick auf diese Frage ein Jahr von allergrößter Bedeutung werden.

Meine Damen und Herren! Ich habe immer Sympathie für die Vertreter einer reinen Lehre in allen Bereichen, aber man kann umso reiner in seiner Lehre sein, je weiter man vom Entscheidungszentrum entfernt ist. Ich denke, auch die Hamburger hätten es nicht verstanden, wenn die Anstrengungen zur Umstrukturierung mit einem totalen Stopp für Subventionen quittiert worden wären: Reederhilfe, Werfthilfe und - ich nenne es ganz bewußt - das Airbus-Programm.

Zur Wirtschafts- und Sozialordnung der Sozialen Marktwirtschaft gehört immer der soziale Ausgleich, gehört Hilfe für Menschen, die sie wirklich nötig haben, die sich nicht selbst helfen können. Im Blick auf unsere Krisengebiete ist das mehr als eine Frage mitmenschlicher Solidarität. Hier geht es um die gesamtstaatliche Verantwortung für das Ganze.

Wir beobachten heute in der Bundesrepublik Deutschland eine unübersehbare Wirtschaftswanderung von Nord nach Süd, wobei zum Norden selbstverständlich auch das Ruhrgebiet gehört. Wir kennen die wichtigsten Gründe für diese krisenhafte Entwicklung: wirtschaftliche Monostrukturen, Kohle und Stahl an der Ruhr, veränderte Marktverhältnisse, gewandelte Wettbewerbsbedingungen. Die Hamburger haben nicht zu vertreten, daß quer durch unser Vaterland ein Eiserner Vorhang gezogen und damit sozusagen ihr Hinterland abgeschnitten wurde.

Jetzt gilt es, Signale zu setzen, daß Solidarität keine Einbahnstraße ist. Allen Menschen in Deutschland ist doch zugutegekommen, was in den einzelnen Regionen in harter Arbeit etwa in den letzten hundert Jahren geleistet wurde. Ich habe beispielsweise nie vergessen, daß in den Jahren 1945/46 die Kumpels an der Ruhr nur unter den ärmlichsten Verhältnissen in der französischen Besatzungszone - in meiner Heimatstadt Ludwigshafen, die als Chemiehochburg damals ja mehr als andere von Kohle lebte - uns miternährt haben, daß sie damals für das ganze Land eine beispielhafte Leistung vollbracht haben.

Ich denke, diese Kumpels und die, die nach ihnen gekommen sind, haben einen Anspruch darauf, daß wir uns daran erinnern. Deswegen muß das Notwendige an Rhein und Ruhr getan werden.

Und das, was für diese Region gilt, gilt doch selbstverständlich auch für die traditionsreiche Stadt Hamburg, es gilt für das Küstengebiet insgesamt. Obwohl Hamburg durch die Teilung Deutschlands und Europas nach dem Zweiten Weltkrieg an den Rand unseres Wirtschaftsraumes gedrängt wurde, entstand hier die größte Industriestadt der Bundesrepublik. Es waren beeindruckende Erfolge möglich, weil Senat und Bürgerschaft, Unternehmer und Gewerkschaften, Arbeitnehmer und Selbständige gemeinsam fest entschlossen waren, im Wettbewerb mit anderen Wirtschaftszentren ihren Platz zu behaupten. Die Hamburger müssen in dieser Herausforderung besondere Probleme bewältigen. Seit der ersten Ölkrise hat Hamburg mehr als 50.000 Arbeitsplätze verloren, zum überwiegenden Teil in der Industrie, aber auch im Handel. Diese Entwicklung ist deutlich ungünstiger als im Bundesdurchschnitt.

Auch die bessere Lage im Hamburger Umland gleicht diesen Rückgang nicht aus. Zusätzliche Arbeitsplätze entstanden vor allem im Bereich der Dienstleistungen, also dort, wo wir typische Wachstumsfelder wie Wirtschaftsberatung und elektronische Datenverarbeitung finden.

Meine Damen und Herren! Dennoch - und ich nehme das auf, was Herr Stödter zu Beginn im Blick auf die personellen Ressourcen sagte - weist Hamburg günstige Voraussetzungen auf, den Anschluß an die allgemeine Wirtschaftsentwicklung zurückzugewinnen. In der Geschichte dieser Stadt sind viele mutige Entscheidungen getroffen worden. Zum Beispiel 1860, als Johannes Dalmann gegen die großen Widerstände vieler das klare Votum für ein offenes Hafenbecken, für den schnellen Hafen durchsetzte: Das war der Beginn Hamburgs als „Tor zur Welt".

Auch die Gründung der Technischen Universität in Harburg - fünfzig Jahre nach den ersten Gründungsüberlegungen - ist ein Schritt in die richtige Richtung. Von einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, angewandter Forschung und Unternehmen können wichtige Impulse ausgehen, nicht nur für die unmittelbar betroffenen Unternehmungen, sondern auch für Handel und Industrie, für den Hafen und für die Stadt insgesamt. Wir müssen uns nur gemeinsam ans Werk machen.

Ich will hier noch einmal mein Angebot darlegen: Die Bundesregierung, wie auch ich ganz persönlich, sind bereit, hier in Hamburg - das gilt ähnlich für Bremen, für die Küstenländer, für Schleswig-Holstein und weite Bereiche Niedersachsens - das Notwendige zu tun. Mein Verständnis von Föderalismus bedeutet, daß die kleine Region für das Ganze und das Ganze für die kleinere Region da sein muß. Sonst kann Föderalismus nicht bestehen.

Meine Damen und Herren! Ich spreche hier, vor den Mitgliedern des Übersee-Clubs, nicht ohne Grund auch vom Bild des Unternehmers. Es ist jetzt, wenn es darum geht, mit Optimismus und mit weniger Zukunftsangst in die Zukunft zu gehen, von größter Bedeutung, daß das Bild des Unternehmers wieder ganz klar vor den Augen unserer Mitbürger steht. Heute verstehen immer mehr Bürger, daß unser Land auf den Elan des wägenden und wagenden Unternehmers nicht verzichten kann. Ohne Unternehmer wäre unser Land an Chancen ärmer. Die Zukunft wäre ungewisser, wenn Unternehmer nicht das Wagnis ihres Unternehmens im eigenen Land zu vertreten bereit wären.

In diesem Zusammenhang ist es besonders wichtig, daß wir vor allem den mittelständischen Unternehmer sorgsam und freundlich begleiten.

Die Amerikaner haben in kurzer Zeit durch Betriebsneugründungen weit über 10 Millionen Arbeitsplätze gewonnen. Wenn ich sehe, in welchem Umfang in den letzten fünf Jahren öffentliche Mittel für Großunternehmungen in der Bundesrepublik ausgegeben wurden, sage ich nur: Wir können noch eine ganze Menge im Mittelstand tun, meine Damen und Herren, bis wir auch nur annähernd auf solche Summen kommen.

Wir brauchen den Unternehmer gerade im mittelständischen Bereich, weil hier sozusagen die Initialzündung für die Zukunft stattfindet, weil die Dynamik unserer Gesellschaft davon entscheidend abhängt.

Joseph Schumpeter beschrieb den Unternehmer als denjenigen, der neue Kombinationen durchsetzt, der durch Innovation Krisen bewältigt. Ich denke, das ist ein sehr brauchbares Bild, auch für unsere Zeit. Wir brauchen eine Renaissance von Schaffensfreude und Mut zur Eigeninitiative, von persönlichem Wagemut und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wir wollen, daß den jungen Menschen - die heute gewiß andere Schwierigkeiten haben, als wir sie hatten - dieser Wagemut nicht wegdiskutiert wird, daß man ihnen nicht Lebensangst, sondern wieder Lebensmut mit auf den Weg gibt.

Meine Damen und Herren! Wir haben alle Chancen, die jetzt zur Entscheidung anstehenden ökonomischen Fragen zu lösen: mit Mut und Geduld und mit Klugheit - alle drei gehören dazu -, und natürlich auch mit der Fähigkeit, frei von Ideologien aufeinander zuzugehen.

Aber es wird nur möglich sein, dies alles zu erreichen, wenn wir die Aufgaben, die vor uns stehen, vor allem als eine geistig-moralische Herausforderung verstehen.

Wer seinen Auftrag in dieser Zeit sieht - ob als Christ in dem Bewußtsein der Endlichkeit seines Tuns, oder aus welcher Überzeugung auch immer -, muß vor allem fähig sein, nicht nur an seine eigenen Interessen zu denken, er muß fähig sein zur Solidarität.

Ich habe etwas gegen das Lamento über Interessenverbände, weil es ein großes Stück Heuchelei enthält. Oft jammern diejenigen am lautesten, deren Interessen bereits am sichersten unter Dach und Fach sind. Aber, meine Damen und Herren, wir werden den Einzelinteressen nicht gerecht werden können, wenn sie nicht eingebettet sind in das Gesamtinteresse.

Die für mich garstigste und gefährlichste Melodie der letzten Jahre war die Melodie des Pessimismus und der Weltuntergangsstimmung. Damit wurden politische Geschäfte gemacht: mit Angst und mit Lebensangst. Wir wissen, daß es in unserer Zeit auch Lebensangst gibt. Wir wissen, daß in einer säkularisierten Gesellschaft ein bitterer Preis für den Verlust des Glaubens an Gott zu zahlen ist. Aber, meine Damen und Herren, wir haben doch auch unsere geschichtlichen Erfahrungen. Weihnachten 1947 hatten wir die höchste Selbstmordrate in der Geschichte der Deutschen. Aber die, die dann angefangen haben, das Land wiederaufzubauen, haben nicht verzagt. Sie haben die Ärmel hochgekrempelt, sie haben sich ans Werk gemacht, und sie wurden die Baumeister unserer Bundesrepublik.

Denken Sie hier an Max Brauer. Ich nenne ihn für viele. Und vor über zwei Jahren hat in einer vermächtnishaften Rede am 17. Juni Ihr langjähriger Bürgermeister Herbert Weichmann, einer der Großen der deutschen Nachkriegspolitik, uns als Ertrag eines langen Lebens im Bundestag zugerufen, sozusagen als Kernstück einer lebendigen Demokratie: "Wer Rechte hat, hat Pflichten, und wer Pflichten hat, hat Rechte." Wenn wir das wieder begreifen - und jeder kann es übersetzen auf seine Weise - und hinzufügen, daß dieser Gedanke einmal selbstverständlich die Grundlage für das war, was wir vereinfacht die „Tugenden" nennen, dann bin ich ganz sicher, daß wir die Herausforderung unserer Zeit bestehen werden.

Meine Damen und Herren, ich weigere mich zu glauben, daß meine Generation schwächer sein sollte als die Generation unserer Väter, die die Republik aufgebaut hat. Ich bleibe dabei: Wir haben alle Chancen!

Quelle: Bundeskanzler Helmut Kohl: Reden 1982-1984. Hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1984, S. 389-401.