30. Januar 1990: Interview des KPdSU-Generalsekretärs Gorbatschow mit dem Berliner Rundfunk zur Deutschlandpolitik (Auszüge)

Reporter: "... Nach der Begrüßung nutzte ich die Gelegenheit, um Gorbatschow nach der sowjetischen Deustchlandkonzeption zu befragen." (...)

Gorbatschow: "...Mir scheint, es gibt sowohl bei den Deutschen in West und Ost als auch bei den Vertretern der vier Mächte ein gewisses Einverständnis darüber, daß die Vereinigung der Deutschen niemals und von niemandem prinzipiell in Zweifel gezogen wurde. Wir haben immer gesagt (...), daß die Geschichte den Gang der Dinge beeinflußt. So wird es auch in Zukunft sein, wenn sich die deutsche Frage praktisch stellt.

Mir scheint, daß man den Verlauf der gegenwärtigen Ereignisse (...) genau durchdenken muß. Die Dinge werden offensichtlich enorm beschleunigt. In der europäischen wie in der Weltpolitik, ja wir alle in der DDR, in der BRD, in allen europäischen Hauptstädten, erst recht in denen der vier Mächte, müssen jetzt verantwortungsbewußt handeln. (...)

Es geht hier um eine Frage, die sowohl das Schicksal der Deutschen in der DDR als auch der Deutschen in der BRD betrifft. Sie muß verantwortungsbewußt diskutiert werden. Auf der Straße ist sie nicht zu lösen.

Für mich sind die Ausgangspunkte klar. (...) Es gibt zwei deutsche Staaten, es gibt die vier Mächte, es gibt den europäischen Prozeß, und der verläuft genauso stürmisch. All das muß in Einklang miteinander gebracht werden. Das liegt in unserem gemeinsamen Interesse. (...)

Auf keinen Fall darf man die Interessen der Deutschen schmälern, denn ich bin für einen realistischen Prozeß. Wenn wir sagen, die Geschichte wird die Dinge entscheiden, und ich habe das viele Male getan, dann wird das auch so sein, und ich glaube, daß sie bereits ihre Korrekturen einbringt."


Quelle:RIAS-Monitor-Dienst, 30. Januar 1990. Zit. nach: Modrow in Moskau. Erklärung Gorbatschows, in: Deutschland Archiv 23 (1990) 3, S. 468.