Mauerfall, 9. November 1989

Der Höhepunkt der Friedlichen Revolution: Die Mauer ist offen.

Am Vorabend

Am 8. November 1989, am Vorabend seiner Polenreise, gab Bundeskanzler Kohl im Deutschen Bundestag den "Bericht der Bundesregierung zur Lage der Nation im geteilten Deutschland" ab. Er sprach von der "widernatürlichen Teilung unseres Vaterlandes", forderte die Erleichterung menschlicher Begegnungen und schließlich die "freie Selbstbestimmung für alle Deutschen". Die Menschen in der DDR würden sich mit dem Machtmonopol der SED nicht länger abfinden, tiefgreifende Reformen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft der DDR seien nötig. Würden diese zugesagt, sei die Bundesregierung zu umfassender Wirtschaftshilfe bereit. Demokratischer Wandel in der DDR werde schließlich auch zur Überwindung der Teilung Europas führen.

9. November

Am nächsten Tag fiel die Mauer. Am 10. November sollten die Übergangslösungen für ein neues Reisegesetz, die vom ZK der SED festgelegt worden waren, in Kraft treten. Irrtümlich gab das ZK-Mitglied Günther Schabowski bei einer Pressekonferenz am 9. November um 18 Uhr bekannt, die Übergangsregelung gelte ab "sofort, unverzüglich". Vor dem daraufhin einsetzenden Strom der Menschen in Ost-Berlin zu den Grenzübergängen kapitulierten die Ordnungskräfte und öffneten bis Mitternacht alle Übergänge. In ganz Berlin herrschte unbeschreiblicher Jubel, Menschen tanzten auf der Mauerkrone. Auch im Deutschen Bundestag kam es zu bewegenden Szenen. Spontan sangen die Abgeordneten gemeinsam die Nationalhymne.

Erste Reaktionen

Am Freitag, dem 10. November, strömten die Deutschen aus dem Osten zu Hunderttausenden in den Westen. In die Berliner Mauer wurden Breschen geschlagen. Begegnungen zwischen Ost und West an Grenze und Mauer wurden zu Volksfesten.

Bundeskanzler Kohl unterbrach seinen Staatsbesuch in Polen, reiste nach Berlin und sprach auf Großkundgebungen vor dem Schöneberger Rathaus und vor der Gedächtniskirche. Telefonisch unterrichtete er den französischen Staatspräsidenten François Mitterrand, die britische Premierministerin Margaret Thatcher und den amerikanischen Präsidenten George Bush über die Ereignisse. Am nächsten Tag sprach er mit Michail Gorbatschow und nahm ihm die Sorge, dass die Entwicklung in der DDR außer Kontrolle geraten könne. Es wurde klar, dass Gorbatschow nicht daran dachte, den demokratischen Aufbruch in der DDR im Sinne einer "chinesischen Lösung" durch Einsatz des Militärs gewaltsam zu stoppen. Die chinesische Staatsführung hatte am 4. Juni 1989 die seit Wochen andauernden Massendemonstrationen für "Freiheit und Demokratie" auf dem Platz vor dem "Tor des himmlischen Friedens" mit Waffengewalt niederschlagen lassen; das Massaker forderte nach inoffiziellen Schätzungen 3.600 Tote und 60.000 Verletzte.

Nach dem Telefonat mit Gorbatschow tauschte sich Kohl mit Egon Krenz über die Notwendigkeit eines baldigen Treffens beider Regierungschefs aus und wies bereits hier auf die Forderung des Grundgesetzes nach Herstellung der deutschen Einheit hin.

Freiheit und Einheit

In der DDR bekannten sich binnen weniger Wochen die Massen der Demonstranten und schließlich auch führende Köpfe in den alten und in den zahlreich neu entstehenden Gruppen der Bürgerbewegung zur deutschen Einheit als entscheidender Grundlage ihrer politischen Programme. Ende November/Anfang Dezember wechselte das Zentralmotto der Demonstranten von "Wir sind das Volk" in "Wir sind ein Volk" und "Deutschland einig Vaterland". Zum emotionalen "Schlüsselerlebnis auf dem Weg zur staatlichen Einheit" wurde nach Kohls eigenen Worten sein erstes öffentliches Auftreten in der DDR am 19. Dezember 1989 in Dresden. Dort gaben die DDR-Bürger ihrem Einheitswillen und ihrem Vertrauen auf die Regierung Kohl/Genscher hunderttausendfach und in einem Meer von schwarz-rot-goldenen Fahnen Ausdruck. Am 22. Dezember 1989 wurde in Berlin das Brandenburger Tor, Symbol der deutschen Teilung, feierlich geöffnet.

Parteien

In der DDR tilgten die kleineren Blockparteien aus ihren Satzungen die Anerkennung der führenden Rolle der SED und traten aus dem "Einheitsblock" aus. Die CDU (Ost) erneuerte sich programmatisch und personell auf einem Sonderparteitag am 15./16. Dezember 1989 und kehrte sich vom Sozialismus als "leere Hülse" ab. Sie bekannte sich zu innerparteilicher und staatlicher Demokratie, zur ökologisch-sozialen Marktwirtschaft und zur Einheit der deutschen Nation. Dies schuf die Möglichkeit enger Zusammenarbeit von Ost- und West-CDU. Unter maßgeblicher Beteiligung der bundesdeutschen CDU-Führung wurde am 5. Februar 1990 zwischen CDU (Ost), DSU und DA das Wahlbündnis "Allianz für Deutschland" geschlossen, das als klarer Sieger aus der Volkskammerwahl am 18. März 1990 mit 48,15 % hervorging. Die CDU allein erreichte 40,9 % der Stimmen. Bei den DDR-Kommunalwahlen vom 6. Mai 1990 kam die CDU auf 34,37 % der abgegebenen Stimmen.

Literaturhinweis

Küsters, Hanns Jürgen: Mit Naturnotwendigkeit eintretende Veränderungen - Oder: Was die Regierung Kohl zum Mauerfall beitrug, in: HPM 9 (2002), S. 141-160.